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Lindner-Rücktritt Durchhalteparolen bei der FDP

Der Rücktritt von Generalsekretär Christian Lindner ist ein destruktives Misstrauensvotum gegen Philipp Rösler. Der Parteichef versucht nun, sich ins neue Jahr zu retten.

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Generalsekretär Christian Lindner erklärte seinen Rücktritt. Quelle: dpa

Es war der 114. Geburtstag Thomas Dehlers, und der Laden war rappelvoll. Doch in der FDP-Parteizentrale, benannt nach dem Urliberalen, drängten sich nicht ehrfürchtige Festgäste, sondern sensationsgierige Journalisten. Gleich drei Mal wurden sie an diesem Tag zu den Freidemokraten gerufen.

Erst erklärte FDP-Generalsekretär Christian Lindner in dürren Worten seinen Rücktritt, zwei Stunden später sprach der Vorsitzende Philipp Rösler eine ebenso knappe Durchhalteparole in die Mikrofone. Am Abend konnte er zwar immerhin schon einen Lindner-Nachfolger präsentieren, dennoch war allen klar: Die Krise des kleinen Koalitionspartners und seines Chefs ist damit nicht vorüber.

Schon am Morgen, gleich nach der für alle überraschenden Rücktrittsnachricht, hatten Mitarbeiter des Dehler-Hauses und FDP-Sympathisanten erste Wetten abgeschlossen: Hält Rösler bis zum traditionellen Dreikönigstreffen in Stuttgart am 6. Januar durch, oder muss auch er vorher die Segel streichen? Der Einsatz: eine Flasche Besserverdiener-Brause, rosé.

Denn Lindners Flucht aus Verantwortung und Parteizentrale war ein Misstrauensvotum gegen den Vorsitzenden, Ausdruck jener Zweifel, die den Generalsekretär in den vergangenen Wochen umgetrieben hatten: dass nämlich der junge Chef, überfordert mit der Doppelbelastung als Wirtschaftsminister und Parteichef, weder in der völlig verunsicherten Partei noch beim Bürger Vertrauen erlangt, nicht mal bei der FDP-Klientel.

Der letzte Anstoß zum Ausstieg: Röslers überflüssige Feststellung vom Wochenende, die Euro-Kritiker in der Partei seien gescheitert – drei Tage bevor die Abstimmungsfrist endete. Die Pein, den Fauxpas des Chefs bemänteln zu müssen, war Lindner anzusehen.

Falsche Wahl beim Generalsekretär

Das Verhältnis war in den vergangenen Monaten erodiert, und Rösler hatte seinen wichtigsten Mitarbeiter bei mancher Illoyalität erwischt. Mal organisierte der vor dem jüngsten Parteitag ein Treffen mit Funktionären, obwohl die Führung dies abgelehnt hatte. Dann sprach Lindner jüngst gern von der „neuen Führung um Philipp Rösler und Rainer Brüderle“. Die Aufwertung des Fraktionsvormanns sah der Vorsitzende mit Skepsis. Auch der vorige Parteichef Guido Westerwelle hatte seine Kür Lindners zum Generalsekretär später als einen seiner Fehler gesehen.

Das Urteil im Parteiapparat über Lindners Rücktritt ist einheitlich: „Loyal ist das nicht“, entfuhr es dem NRW-Landesvorsitzenden Daniel Bahr, der sich zusammen mit Rösler und Lindner auf den Weg gemacht hatte, die Partei zu erneuern.

Neuer Hoffnungsträger

Bei seinem neuen Generalsekretär Patrick Döring muss sich Rösler keine Sorgen machen im Stich gelassen zu werden. Die beiden kennen sich. Quelle: dapd

Und das Präsidiumsmitglied Holger Zastrow, Landeschef in Sachsen, monierte, Lindners Abgang sei „unprofessionell und hat mit Verantwortung nichts zu tun“. Ein General müsse „auch und gerade bei heftigem Gegenwind“ an Bord bleiben und dürfe nicht „die Partei im Stich lassen“.

Die Sorge muss sich Rösler beim neuen Generalsekretär Patrick Döring nicht machen. Die beiden kennen sich, seit der junge Mann mit dem fremdländischen Antlitz in der hannoverschen Studentenkneipe „Kuriosum“ 1992 zu den Julis stieß.

Döring war schon da. Im Kommunalwahlkampf waren beide im selben Viertel als Kandidaten plakatiert. Bei einem abendlichen Kneipenbesuch rief der Wirt durch den Saal: „Kuck’ma, da kommen der Dicke und der Chinese.“ Dabei ist Rösler schlank, und Döring schaut nicht asiatisch aus.

Solchen Spott nimmt der bisherige Schatzmeister, der nun die Parteizentrale führen und auch ein politisches Schwergewicht sein muss, mit Humor. Als Hobbys gibt er an: „Essen und Kochen.“

Gut verwurzelter Generalsekretär

Döring passt zum Kurs des Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle, derzeit stärkster Mann der Liberalen: weg von „Orchideenthemen“, hin zu „Brot-und-Butter-Themen“, die zur Klientel passen. Und er setzt weniger als Lindner auf philosophisch-geistige Höhenflüge denn auf praktische Nähe zu Parteifreund und Bürger. „Raus, raus, raus zu den Leuten“, lautet sein Motto.

In der FDP ist Döring gut verwurzelt, auch wenn er in der Vergangenheit bei Positionskämpfen manchmal unterlegen war. Um eine Stimme verpasste er den Vorsitz der Jugendorganisation – es triumphierte der heutige Gesundheitsminister Bahr. Und vor gut zwei Jahren war Döring schon einmal als General im Gespräch; damals wählte Westerwelle den eloquenten Lindner. Neben seinem politischen Leben ist Döring Vorstand und Anteilseigner eines Spezialversicherers für Haustiere.

Für eine Partei, die auf den Hund gekommen ist, nicht die schlechteste Lösung.

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