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Marktwirtschaft Chile ist ein Musterland

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Für die Zukunft ist das Land trotz seiner abseitigen Lage gut gerüstet. Nach Ansicht der Unternehmensberatung A.T. Kearney ist Chile als regionale Plattform für Dienstleistungen die Nummer acht weltweit. Delta Air Lines, Eastman Kodak und Unilever haben Callcenter und Back-Offices hierhin verlagert. Die deutsche Software AG installiert hier ihr Entwicklungszentrum für Lateinamerika. Auch für die Industrie ist der Standort attraktiv: Für CEO Jorge Gerdau Johann-peter vom brasilianischen Stahlkonzern Gerdau ist Chile das mit Abstand unternehmerfreundlichste Land Süd- und Nord-amerikas: „Die Arbeiter sind engagiert, die Bürokratie ist transparent, es gibt Kapital zu niedrigen Zinsen, die Justiz funktioniert und das Steuersystem ist gerecht.“ Das sehen auch deutsche Konzernchefs so. Die Südzucker AG ist schon hier, bald wird vermutlich auch die K+S AG ihre erste große Überseeinvestition in Chile vornehmen. Es könnte also nicht mehr lange dauern, bis Chile den Sprung vom Schwellenland zu einem entwickelten Land vollzogen hat. Doch ein Risiko bleibt: Der Wohlstand des Landes basiert noch immer vorwiegend auf Kupfer, das knapp die Hälfte der Ausfuhr ausmacht. Die weltweit größten Vorkommen des begehrten Metalls sind Segen und Fluch zugleich: Weil Kupfer gerade auf Rekordhöhe notiert, fließen Unmengen von Dollar nach Chile, der Peso wertet auf und verteuert die Exporte der Landwirtschaft und der Industrie. Der Sog von Personal und Investitionen in den Bergbau belastet dazu die übrige Wirtschaft. „Holländische Krankheit“ nennen die Ökonomen dieses Phänomen, seit die niederländische Industrie und Landwirtschaft nach der Erschließung riesiger Gasvorkommen unter Druck geraten war. Dazu kommt: Der kapitalintensive Bergbau schafft wenig Arbeitsplätze. So liegt Chiles Arbeitslosenquote trotz stürmischer Konjunktur noch bei knapp neun Prozent. Grund dafür ist unter anderem die schlechte Ausbildung. Laut OECD können 57 Prozent der Arbeitnehmer nur schlecht lesen und schreiben. „Ich muss Feinoptiker aus Europa anwerben, weil es hier keine gibt“, klagt Rodolfo Oberli von Rodenstock in Chile. Auch in der Forschung ist das Land schwach. „Die Unternehmen wollen Forschung am liebsten einkaufen“, beobachtet Ingward Bey vom Forschungszentrum Karlsruhe, „eigene Entwicklung interessiert sie nicht.“ Die Regierung hat deshalb von 2006 an die Abgaben der Minengesellschaften erhöht, um mit etwa 150 Millionen Dollar jährlich Forschung und Bildung zu fördern. Eine richtige Entscheidung, urteilt WEF-Experte Augusto Lopez-Claros: „Der nächste Entwicklungsschritt kann Chile nur durch eine bessere Ausbildung seiner Arbeitskräfte gelingen.“

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