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Darüber solltet ihr mal schreibenNagelstudios und Barbershops boomen. Was steckt dahinter?

Die Ausbreitung lässt sich nicht allein mit Modetrends für Damen und Herren erklären: Es gibt kriminelle Muster.Christian Ramthun 20.10.2025 - 12:59 Uhr
Barbershops werden von der Finanzkontrolle Schwarzarbeit künftig verstärkt überprüft. Foto: IMAGO/Middle East Images

Bart ist in. Seit Jahren. Es gibt den Drei-Tage-Bart, den Schnur- und den klassischen Vollbart, es gibt Anchor, Van Dyke, Chin Strap, Backenbart und weitere kreative Varianten. Muslime tragen Vollbart gern wegen des Propheten Mohammed, andere als Ausdruck ihrer Maskulinität, viele einfach, weil sie sich darin gefallen.

Was Männern der Bart ist, sind bei Frauen die Fingernägel. En vogue sollen „Soft Square“, Mandelform und dazwischen „Squoval“ sein, eine Mischung aus Quadrat und Oval. Fragt man nach den angesagten Farben, antwortet die KI: Naturtöne „wie Mocha Mousse und Milky White bis hin zu auffälligen Chrome-Looks in Silber und metallischen Farben“. Modern seien wieder auch tiefe Rottöne, Burgunder und Beerennuancen.

Wundern müsste man sich eigentlich nicht, dass Barbershops und Nagelstudios seit einigen Jahren in Deutschland sprießen. Man könnte von einem gesunden marktwirtschaftlichen Mechanismus sprechen. Nachfrage schafft Angebot und umgekehrt.

Doch das erklärt den Trend nur unzureichend. Zur Wahrheit gehört auch, dass klassische Friseursalons und Kosmetikstudios seit Jahren ums Überleben kämpfen, während Barbershops und Nagelstudios brummen. Es ergibt sich der Verdacht, dass die konträre Entwicklung nicht ganz koscher ist.

„Schwerpunkt illegaler Beschäftigung“

Zollkontrollen bestätigen den Verdacht. Bei Barbershops und Nagelstudios stellt die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) einen „Schwerpunkt illegaler Beschäftigung und teilweise ausbeuterische Beschäftigungsformen“ fest. Hinzu kommt Geldwäsche. Entsprechende Fälle deckt der Zoll regelmäßig auf.

Im Kreis Borken wollten beispielsweise zwei Beamte nach einer Woche nur ein beschlagnahmtes Mobiltelefon zurückbringen und trafen dort gleich einen neuen Schwarzarbeiter bei der Nagelmodellage an. „Déjà-vu für den Zoll bei Wiederholungskontrolle in Nagelstudio“ beschreibt das Hauptzollamt Münster den Fall.

Nagelstudios werden vor allem von Vietnamesen betrieben, Barbershops von Türken und Arabern. Die Schwellen zum Eröffnen und Schließen solcher Salons sind niedrig. Sie zeichnen sich durch geringen Materialeinsatz und hohen Lohnkostenanteil aus.

Zudem gibt es eine Lücke im ansonsten rigiden Handwerksrecht. So gehören Barbershops standesrechtlich zwar zum Friseurhandwerk, erhalten aber leicht eine Ausnahmebewilligung, wenn der Besitzer keinen Meisterbrief hat.

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Das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz, das gerade im Bundestag beraten wird, stellt Barbershops und Nagelstudios künftig unter besondere Beobachtung. Sie gehören damit offiziell zu den „risikoorientierten Prüfungsschwerpunkten“ der FKS. Damit verbunden sind eine Mitführungs- und Vorlagepflicht von Ausweispapieren für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und für die Arbeitgeber eine Sofortmeldepflicht bei Neuaufnahme von Beschäftigungsverhältnissen. Hinzu kommen Zeiterfassungsauflagen, um die beliebte Ausrede „Die ist nur zu Besuch und hilft gerade mal aus“ zu verifizieren,

Kontrolleinsätze des Zolls sollen so schneller und effizienter werden, heißt es im Gesetzentwurf, um „illegale Beschäftigung, Sozialleistungsmissbrauch, Mindestlohnunterschreitungen und ausbeuterische Arbeitsbedingungen“ aufzudecken. Hinzukommen müsse aber auch „eine spürbar höhere Kontrolldichte durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit“, fordert Thomas Liebel, Vorsitzender der Zollgewerkschaft BDZ. „Nur durch mehr Kontrollen in Barbershops und Nagelstudios können wir Ausbeutung wirksam bekämpfen und Fairness sichern.”

Darauf hofft auch Holger Stein, Hauptgeschäftsführer beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks. Von einem „lukrativen Geschäftsmodell“ der unlauteren Konkurrenz spricht er und beobachtet, wie Barbershops mit Niedrigpreisen die korrekt-klassischen Friseursalons mit Meisterbrief und elektronischer Ladenkasse zusätzlich unter Druck setzen. In Köln, wo der Zentralverband seinen Sitz hat, schätzt Stein, dass mittlerweile jeder fünfte Friseurladen ein Barbershop ist. Und von denen, so Stein, „machen 99 Prozent nicht nur Bärte“.

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