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Neue Ära des Freihandels Die Briten träumen wieder vom Empire

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Wirtschaftsfaktor Commonwealth

Mohammad Razzaque hat seinen Arbeitsplatz in Rufweite des Buckingham Palace, im Marlborough House, der einstigen Residenz der ruhmreichen Adelsfamilie, die erst den General der Schlacht bei Waterloo und dann Winston Churchill hervorbrachte. Lange her, das alles. Irgendwann ging das Haus in den Besitz der Krone über, die es kurz nach der Gründung 1953 dem Sekretariat des Commonwealth vermachte. Razzaque ist der Chefökonom des Staatenverbundes und kann aus einem Berg an Statistiken wählen, wenn er die ökonomischen Potenziale seines Hauses belegen soll.

„Seit dem Jahr 2000 ist der Handel innerhalb des Commonwealth um 60 Prozent gestiegen“, sagt Razzaque, von 57 auf 91 Milliarden Dollar. Zugleich ist der Handel mit der EU nahezu stabil geblieben, sodass sich die Gewichte verschoben: Statt für mehr als die Hälfte steht die EU noch für 45 Prozent des britischen Außenhandels, der Anteil des Commonwealth stieg auf zehn Prozent. Was also läge näher, als diese Kooperation auszubauen? Viele Länder hätten durchaus ein großes Eigeninteresse daran, insbesondere die Beziehungen zu Großbritannien zu vertiefen: „In 24 der 52 Commonwealth-Länder gehen über 30 Prozent der EU-Exporte nach Großbritannien“, sagt Razzaque.

Dennoch ist dieses Commonwealth ein höchst eigenwilliges Konstrukt. Als den Briten nach dem Zweiten Weltkrieg dämmerte, dass die Zeit der Kolonialherrschaft an ihr Ende kam, versuchten sie über die Schaffung des Commonwealth, die alten Besitztümer an sich zu binden. Zwar sei das Commonwealth eine Allianz souveräner Staaten, bei der Schaffung 1947 lautete die Bedingung trotzdem: Wer mitmachen will, muss die Königin von England als Staatsoberhaupt akzeptieren. Dieser Passus ist verschwunden, stattdessen muss sich nun jedes Mitglied zu den „Idealen“ der britischen Monarchie bekennen. Die Mitglieder verbindet allein die Geschichte, ihre ökonomische Gegenwart könnte kaum unterschiedlicher sein.

Anteil des Außenhandels am BIP: Wie die britische Außenwirtschaft schwächelt

So finden sich unter den 52 auserwählten einige der ärmsten Länder der Erde wie Bangladesch, Malawi oder Sambia. Zugleich sind unter ihnen reiche westliche Industriestaaten wie Kanada oder Australien. Zudem vereint das Commonwealth die verfeindeten Atommächte (Indien und Pakistan), EU-Staaten (Malta und Zypern), offene Demokratien wie Großbritannien und autoritäre Regime (Singapur, Sri Lanka). Auch in der Größe und Bedeutung für den Welthandel unterscheiden sich die Länder extrem. So stellt das Mitgliedsland Indien allein gut ein Sechstel der Weltbevölkerung, während auf der pazifischen Inselgruppe Tuvalu gerade einmal 10.000 Menschen leben.

Die gemeinsame Flagge, ein stilisierter Globus umgeben von 34 Sonnenstrahlen, weht derzeit nur an einem einzigen Ort der Welt: im Garten der Londoner Zentrale. Immerhin, Gibraltar hat angekündigt, nach dem Brexit den EU-Fahnenmast umzuwidmen.

Die pragmatischeren unter den Brexit-Fans sehen den Staatenbund dann auch eher als Plattform für neue bilaterale Beziehungen denn als alternative Wirtschaftsunion. Wenn Stephen Booth die Vorzüge der neuen Handelswelt beschreiben will, beruft er sich auf einen der wenigen Nationalhelden des Landes, die ihre Erfolge ganz ohne Schusswaffen errungen haben: Isaac Newton. „Großbritannien hat die meisten unterausgelasteten Handelsbeziehungen mit Ländern des Commonwealth“, sagt Booth, der dafür Newtons Gravitationsgesetze auf den Welthandel bezieht. Die Idee: Je größer, näher zueinander und gesellschaftlich ähnlicher sich zwei Länder sind, desto größer ist das Potenzial für gemeinsamen Handel. Wo dieses Potenzial ausgeschöpft wird, spricht Booth von ausgelasteten oder gar überlasteten Märkten, wo es nicht erreicht wird, von unterausgelasteten. Und auf eben jene müsse sich die Handelspolitik eines Landes konzentrieren. Aus Sicht von Großbritannien seien dies Kanada, Indien, China, Bangladesch und Nigeria.

Die untreuen Untertanen Ihrer Majestät

Für den ehemaligen Chefdiplomaten des Landes Sir Fraser sind das wohlfeile Gedankenspiele. „Auch Theresa May weiß, dass der Ausstiegsvertrag mit der EU allein über unser ökonomisches Schicksal entscheiden wird.“ Die Fakten geben dem ehemaligen Chefdiplomaten recht, wie sich schon am Beispiel der Commonwealth-Staaten zeigt. Die exportieren zwar insgesamt Waren im Wert von gut 30 Milliarden Dollar nach Großbritannien, das sind aber nur 18 Prozent aller ihrer Exporte in die EU. Wirklich angewiesen auf die Briten sind nur wenige Kleinstaaten wie Saint Lucia, Fiji, Brunei oder Botswana. Für alle anderen ist die Treue zur EU im Zweifel wichtiger.

32 der 51 anderen Länder des Commonwealth haben bereits Handelsverträge mit der EU, in denen vergünstigte Zölle festgeschrieben sind. Für die Entwicklungsländer innerhalb des Staatenbundes würden in diesem Fall 800 Millionen Euro an Zöllen pro Jahr fällig werden, hat Commonwealth-Ökonom Razzaque ausgerechnet. Allein Bangladesch würde das 200 Millionen Euro pro Jahr kosten. „Es würde Jahre dauern, um allein die existierenden Verträge nachzuverhandeln“, glaubt Regierungskenner Fraser.

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