Regionale Strompreise: „Not in my backyard“-Politik holt den Süden ein

Die Landschaft mit hässlichen Windrädern verschandeln? Sollen das doch die Nordlichter an ihren Küsten machen!
Foto: imago imagesWenn wir tanken, sind regional unterschiedliche Preise normal. Wenn es aber darum geht, die Strompreise und Netzentgelte nach Regionen zu staffeln, setzt lautes Wehklagen ein. Hintergrund dieses Streits zwischen den nördlichen und südlichen Bundesländern ist der grundlegende Wandel der Energieerzeugung.
Die wirtschaftlich starken Länder, allen voran Bayern und Baden-Württemberg, verbrauchen viel Strom, erzeugen selbst aber wenig. Im Süden gibt es keine Kohle und seit April auch keine Kernkraft mehr – man ist mehr denn je auf Energielieferungen aus dem Norden angewiesen. Die Küstenländer wiederum sehen es nicht mehr ein, dass sie dem reichen Süden immer mehr von dem begehrten grünen Windstrom liefern, selbst aber trotzdem hohe Energiepreise zahlen sollen. Man will deshalb im Norden eine Art „Erzeugerrabatt“ von denen, die mit dem gelieferten Ökostrom im Süden Geld verdienen.
Das kann man als Kirchturmpolitik kritisieren oder als Auswirkung der Marktwirtschaft gutheißen. Schon beim Ausrollen der DSL-Netze gab es eine ähnliche Diskussion um die Frage, ob Internet auf dem Land nicht teurer sein müsse als in der (gut erschlossenen) Stadt. Kern solcher Debatten ist immer die unterschiedlich gut ausgebaute Infrastruktur – Stadt-Land oder wie jetzt Nord-Süd.
Baden-Württemberg und vor allem Bayern haben sich jahrelang quergelegt, wenn es um den Ausbau der großen Stromtrassen ging. Auch der Aufbau eigener Erzeugungskapazitäten verlief dort lange Zeit schleppend; schließlich wollte man das Allgäu oder das Alpenvorland nicht mit hässlichen Windrädern verschandeln – sollen das doch die Nordlichter an ihren Küsten machen!
Jetzt wird der Süden von den Folgen seiner „Not in my backyard“-Politik eingeholt – die Versäumnisse der Vergangenheit rächen sich. Ist es deshalb richtig, unterschiedliche Preise einzuführen? Vorsicht! Wenn es politisch um die Verteilung föderaler Lasten geht, sollte man im Norden die Backen nicht allzu sehr aufblasen. Mag der Strom heute auch von Nord nach Süd fließen – beim Länderfinanzausgleich wird es auf absehbare Zeit bei der umgekehrten Richtung bleiben.
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