Rentenaufschubprämie: Die neue Rentenidee, die keiner will
Rentner in Berlin. Die Ampel will Senioren dazu bewegen, länger zu arbeiten.
Foto: Stephan Scheuer/dpaUm die Finanzierung des Rentensystems zu sichern hat das Bundeskabinett unter anderem die sogenannte Rentenaufschubprämie durchgewunken. Die Idee: Wer über die Regelaltersgrenze hinaus arbeitet, erhält bei Renteneintritt die aufgeschobene Rente plus einen saftigen Bonus. "Mit den beschlossenen Maßnahmen machen wir es nun deutlich attraktiver und unkomplizierter, im Alter freiwillig länger zu arbeiten", sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck.
Aus Sicht der Begünstigten ist die Prämie durchaus attraktiv. Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ soll die Prämie bis zu drei Jahre angesammelt werden können. Bei einer fiktiven Monatsrente von 1000 Euro wären das also 36.000 Euro Einmalzahlung plus Bonus, derzeit geschätzt 8,2 Prozent. Dieser kommt dadurch zustande, dass der Arbeitgeber weiterhin die Krankenkassenbeiträge zahlt.
Bei Experten stößt der Vorschlag auf Ablehnung: hoch kompliziert und vermutlich wirkungslos, lautet das Urteil. Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut geht davon aus, dass kaum ein Rentner das Zuckerbrot kosten wird, das die Ampel den Älteren hinhalten will: „Nach meiner Einschätzung sind die meisten Arbeitnehmer froh, wenn sie endlich das Rentenalter erreicht haben“, sagt er. Sonst wäre die Rente mit 63 nicht so stark nachgefragt.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verweist auf bereits bestehende Anreize, länger zu arbeiten: „Besser wäre es, die abschlagsfreie Frührente zu streichen und die Hinzuverdienstgrenze bei vorgezogenem Rentenbezug wieder einzuführen“. Damit würden Frührentner zusätzlich zu den Abschlägen noch schlechter gestellt.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnt: „Wenn finanzielle Anreize für ältere Arbeitgeber aber nicht der Hauptgrund fürs Weiterarbeiten sind, wird die Maßnahme eher Mitnahmeeffekte erzeugen, als mehr Beschäftigung produzieren“, teilt Vorstandsmitglied Anja Piel mit. Hier sieht man in dem Konzept vor allem einen milliardenschweren Griff in die Kassen der Sozialversicherungen.
Möglicher Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot
Altersdiskriminierung ist ein bekanntes Problem in der Arbeitswelt. Die Pläne der Regierung könnten jedoch ein neues schaffen: Eine möglicherweise justiziable Benachteiligung von Nicht-Rentnern.
Laut dem IW könnte der Plan, die Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung bei Spätrentnern als Bruttolohn auszuzahlen, dazu führen, dass Ältere bei gleicher Arbeit mehr verdienen. Dies sei möglicherweise ein Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot.
Und selbst wenn man diesen Plan fallen lässt, hat die Ursprungsidee nach Ansicht der Ökonomen ihre Tücken. Geplant ist, die aufgeschobene Rente als Einmalzahlung auszuzahlen – und zwar abgabenfrei. Das Problem: Die wegfallenden Beitragszuschüsse zur Renten- und Krankenversicherung fehlen den Kassen. Ob die Rechnung für das Gesamtsystem trotzdem aufgeht, hänge unter anderem vom Haushaltseinkommen sowie der Steuer- und Beitragsbelastung ab.
Und selbst wenn die Maßnahme den gewünschten Erfolg hätte, sieht Ragnitz das alles andere als positiv: „Im Erfolgsfall würden damit längerfristig die Rentenversicherungsbeiträge nochmals steigen. Das wäre dann eine zusätzliche Belastung der erwerbsfähigen Generation.“
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