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Sozialversicherung Junge Generation verabschiedet sich vom Sozialstaat

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Grafik: Alterspyramide1964

Der Koalitionsvertrag habe „mit Nachhaltigkeit nichts zu tun“, klagt Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Eher besteche die Regierung durch „Kurzsichtigkeit“. Da wirkt es wie ein Feigenblatt, dass die Bundeskanzlerin ihren Innenminister Thomas de Maizière nun beauftragt hat, eine „Demografie-Strategie“ zu entwickeln. Um die Sozialsysteme geht es laut Weisung nicht – nur um die Vergreisung Ostdeutschlands.

Für die Älteren mag der Sozialstaat sich noch lohnen, für die Jungen steckt er in der Sinnkrise. Nach dem brandneuen Rentenversicherungsbericht, den die Bundesregierung am vergangenen Mittwoch vorstellte, dürfen Ruheständler sich freuen. Und nur die. Ihre Rente wird in den nächsten Jahren um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr steigen. „Der Generationenvertrag funktioniert“, brüstet sich Sozialminister Franz Josef Jung, CDU.

Für alle Jüngeren klingt das wie Hohn. Heute noch bekommen Rentner durchschnittlich 52 Prozent des Durchschnittseinkommens der Erwerbstätigen. Bis 2023 fällt das Rentenniveau aber auf 46,2 Prozent – auch diese Daten finden sich im Regierungsbericht, nur redet der Sozialminister darüber weniger gern.

Immerhin ist die Jugend realistisch

Immerhin ist die Jugend realistisch: Nach einer Studie der Deutschen Bank rechnet die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen damit, dass sie später einmal nicht mehr als 30 bis 40 Prozent ihres Bruttogehaltes aus der Rentenkasse erhalten wird. Wenn überhaupt. Ein Durchschnittsverdiener muss heute 27 Jahre lang Beiträge in die Rentenkasse einzahlen, um später doch nur eine Altersvorsorge auf Sozialhilfeniveau zu erreichen, wie die Deutsche Rentenversicherung eingesteht.

Grafik: Alterspyramide 2030

Sie hält zwar tapfer daran fest, dass ihre Renditen im grünen Bereich lägen. Eine Frau, die in den Siebzigerjahren zur Welt kam, könne mit einer Rendite von rund 3,3 Prozent rechnen, ein Mann noch mit 2,8 Prozent. Allerdings monieren Ökonomen, dass die Rentenversicherung sehr positive Annahmen unterstelle.

Satte Renditen seien ein Irrtum, glauben auch die Wissenschaftler vom Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg. Sie sehen die realen Renditen der Rentenversicherung für dieselben Fälle eher bei rund 1,5 Prozent für Frauen und ungefähr 0,5 Prozent für Männer. Und für alle Jungen, die heute geboren werden, rutscht der Wert sogar ins Negative.

In der gesetzlichen Krankenversicherung ist die Lage kaum besser. Mehrere Kassen werden nicht darum herumkommen, von Januar an Zusatzbeiträge zu erheben. Gleichzeitig bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Leistungen schmaler werden. Der Kassenzuschuss für die Brillen ist längst abgeschafft, Grippe-Medikamente zahlen Versicherte heute selbst, der Zahnersatz kostet extra, und umsonst gibt es beim Zahnarzt ohnehin nur noch die Amalgam-Füllung. Kein Wunder, dass viele Junge sich fragen, ob sie später einmal noch das bekommen, das sie heute für die Älteren mitfinanzieren.

Gänzlich unverblümt verwies Angela Merkel noch in ihrer Regierungserklärung auf die Macht der Alten. Schon heute lebten in Deutschland „mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige“, hatte die Bundeskanzlerin gesagt. Das Dumme ist nur: Alle über 65-Jährigen können wählen. Die meisten unter 20-Jährigen nicht.

Seit Jahren macht Berlin Politik auf Kosten der Jungen. 1700 Milliarden Euro wird der Schuldenberg hoch sein, den Deutschland Ende des Jahres angehäuft hat, allein im laufenden Jahr kamen 120 Milliarden Euro hinzu. Und es ist nicht abzusehen, wie er je wieder schrumpfen sollte. Die neue Koalition hat sich zwar auf ein Verbot neuer Schulden geeinigt. Das greift aber erst ab 2020. Um ernsthafte Sparvorschläge kann sich Schwarz-Gelb noch Jahre herumdrücken.

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