Städteranking 2015: Darmstadt ist die Top-Stadt der Zukunft
Platz 10: Regensburg
Regensburg schafft es als eine von drei bayrischen Städten in die Top-Ten. Die Donaustadt punktet mit ihren vielen Tüftlern: 5,8 von 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten waren 2014 Ingenieure (Rang 5). Insgesamt arbeitete sogar gut ein Viertel aller Beschäftigten in industrienahen Zukunftsbranchen, ebenfalls Rang fünf. Den Ingenieuren stehen allerdings nur wenige Kreative gegenüber: Nur 4,2 Prozent der Beschäftigten verdienen ihr Geld mit kreativen Dienstleistungen. Das reicht nur für Rang 44 von 69.
Platz 9: Wolfsburg
VW macht Wolfsburg fit für die Zukunft. Gut jeder zehnte Beschäftigte ist Ingenieur, das ist mit Abstand Platz eins im Städte-Vergleich. Den Spitzenrang holt sich Wolfsburg noch in zwei weiteren Kategorien: In keiner Stadt ist der Anteil der Erwerbstätigen in Forschung und Entwicklung höher und auch beim Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in industrienahen Zukunftsbranchen - 2014 waren es 58,5 Prozent - liegt die VW-Stadt ganz vorne. Besonders innovativ sind die vielen Ingenieure aber nicht: Auf 100.000 Erwerbstätige kamen 2012 nur 9,7 Patente, Rang 57.
Platz 8: Dresden
Dresden ist die Stadt der Kulturliebhaber. In der Spielzeit 2013/2014 ging jeder Bürger im Schnitt 1,8 Mal in die Oper oder das Theater – keine der 69 getesteten Städte erreicht einen höheren Wert. Doch die sächsische Landeshauptstadt kann nicht nur Kultur, sondern auch Forschung. Hochgerechnet auf eine Million Einwohner gibt es 20,7 Forschungsinstitute (Rang 6). Dazu kommen viele Akademiker, 2014 hatten rund ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen Hochschulabschluss (Rang 6).
Platz 7: Karlsruhe
Hier studieren die Techniker: 2013 hatten gemessen an 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 3,5 Studenten ihren Abschluss in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) gemacht - Rang zwei. Im Städte-Durchschnitt war es nur einer von 100. Trotzdem arbeiten in Karlsruhe nur wenige in Forschung und Entwicklung, 2013 waren gerade einmal 47 von 1000 Erwerbstätigen dort beschäftigt (Rang 40).
Platz 6: Stuttgart
Innovative Schwaben: 35,7 Patente kamen 2012 auf 100.000 Erwerbstätige, Platz fünf im Städte-Vergleich. Aber nicht nur Tüftler fühlen sich in Stuttgart wohl, 8,8 Prozent der Beschäftigten arbeiteten 2014 im Bereich Kreative Dienstleistungen (Rang 9). Die sind allerdings meist zugezogen, auf 1000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte kamen 2013 gerade einmal vier Neu-Akademiker mit einem Abschluss in Kreativ-Fächern (Rang 36).
Platz 5: Heidelberg
Die Universitätsstadt am Neckar ist eine Hochburg der Kreativen. 1,8 Hochschulabsolventen in Kreativ-Fächern kamen 2013 auf 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (Rang 2). Stichwort Kultur: Die Heidelberger gehen gerne in die Oper und ins Theater, im Schnitt nahm jeder Bürger in der Spielzeit 2013/2014 1,3 Mal im Schauspielhaus Platz (Rang 5). Dazu hat die Stadt mit dem größten Zukunftspotential in Baden-Württemberg viele Forschungsinstitute – hochgerechnet auf eine Million Einwohner erreicht Heidelberg einen Wert von 39,5 (Rang 5).
Platz 4: Jena
Jena ist die Stadt mit dem größten Zukunftspotential Ostdeutschlands. Das liegt an den gut ausgebildeten Beschäftigten: Auf 100 Erwerbstätige kamen 2014 30,2 Akademiker, Rang zwei von 69 Städten. Gute Perspektiven haben auch die Unternehmen, die in Jena besonders Industrie-4.0-affin sind. Schlagwörter wie Big Data und Smart Services auf den Unternehmenswebsites finden sich nur bei den Firmen der Siegerstadt häufiger.
Platz 3: München
Die attraktivste Stadt 2015 hat auch gute Aussichten für 2030: Bei der Akademikerquote schafft es die bayrische Landeshauptstadt auf Platz drei, 28,5 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hatten 2014 einen Hochschulabschluss. Stichwort kluge Köpfe: Jeder Zehnte verdiente in München 2014 sein Geld mit kreativen Dienstleistungen (Rang 4). Zukunftspotential haben auch die Unternehmen: Ihre Websites zeigen, dass sie fit für die Industrie 4.0 sind (Rang 5).
Platz 2: Erlangen
Mittelfranken schlägt Oberbayern: Erlangen hat das größte Zukunftspotential Bayerns. Warum? Erlangen ist besonders innovativ. 88,3 Patente kamen 2012 auf 100.000 Erwerbstätige, das ist mit Abstand der Spitzenwert. Das liegt auch an den vielen Akademikern: Knapp ein Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hatten 2014 einen Hochschulabschluss, ebenfalls Spitzenwert. Dazu studieren die Nachwuchs-Tüftler gleich vor Ort: 2,5 MINT-Absolventen kamen 2013 auf 100 Beschäftigte, immerhin Platz fünf. München schafft es mit 1,3 nur auf Platz 23.
Platz 1: Darmstadt
Nicht Berlin, Hamburg oder Köln: Darmstadt ist Deutschlands Stadt mit dem größten Zukunftspotential. In keiner Stadt gibt es mehr Hochschulabsolventen im naturwissenschaftlichen Bereich. 5,1 neue MINT-Akademiker kamen 2013 auf 100 Beschäftigte. Stichwort: Vernetzte Firma. Geht es um Schlagwörter der Industrie 4.0 sind die Darmstädter Unternehmen ebenfalls ganz vorne. Bei den Beschäftigten in industrienahen Zukunftsbranchen kann Hessens viertgrößte Stadt allerdings noch nachbessern. Dort arbeiteten 2014 nur 13,3 aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, das reicht nur für Rang 22.
Manchmal erschließt sich das Wesen einer Stadt bereits an den Namen ihrer Straßen. In Darmstadt sind sie zum Beispiel nach den Physikern Heinrich Hertz und Lise Meitner oder der Chemikerin Marie Curie benannt. Durch das Gewerbegebiet hinter dem Hauptbahnhof verläuft eine „Deutsche Telekom-Allee“, was nicht so ungewöhnlich ist, wie es klingt: Die Telekom hat hier ihren nach Bonn größten Standort. Es gibt auch eine Robert-Bosch-Straße, und es lohnt sich, bei Hausnummer 5 vorbei zu schauen. Hier sitzt das Raumflugkontrollzentrum Esoc, ein Ableger der europäischen Raumfahrtbehörde Esa. Wie es scheint macht Darmstadt, diese ziemlich graue Stadt im hessischen Süden, einiges richtig. Seit 1997 darf sie sich „Wissenschaftstadt“ nennen (eine Auszeichnung des Innenministeriums). Die Bevölkerung wächst, die Zahl der Erwerbstätigen nimmt seit mehr als 15 Jahren zu. Der grüne Oberbürgermeister Jochen Partsch drückt es so aus: „Wir sind der Prototyp einer wissensbasierten kleinen Großstadt.“
Und ein Prototyp mit Perspektive: Darmstadt ist Sieger im erstmals von WirtschaftsWoche, ImmobilienScout24 und IW Consult erstellten „Zukunftsindex 2030“. Das Ranking setzt sich aus 13 Einzelindikatoren zusammen und spiegelt wider, wie fit die Städte für die Wissensgesellschaft und das Zeitalter der Digitalisierung sind. „Der Zukunftsindex zeigt vor allem Städte, die im Bereich Forschung und Lehre exzellent ausgestattet sind und attraktive Arbeitgeber am Standort haben. Die besten Zukunftsaussichten haben Städte, die auf hohe Diversität setzen, anstatt auf eine monothematisch ausgerichtete Wirtschaftsstruktur“, sagt ImmobilienScout24-Finanzvorstand Christian Gisy.
Für viele Stadtforscher sind Kreativität und Wissen seit jeher ein nachhaltiger Schlüssel zu Prosperität. Der der britische Stadtplaner Charles Landry etwa hält hoch qualifizierte Einwohner „für die wichtigsten Werte einer Stadt“. Schon vor Jahren erregte der US-Ökonom Richard Florida Aufsehen mit der These, es gebe einen engen Zusammenhang zwischen dem Wohlstand einer Stadt und der Größe der dort lebenden „kreativen Klasse“. In den neuen Zukunftsindex gehen daher nicht nur die Akademikerquote oder die Zahl von Patenten, Forschungsinstituten und Ingenieuren ein. Sondern auch der Anteil von Künstlern und Beschäftigten im Kreativbereich.
Wie kommt es nun, dass Darmstadt oben steht? In keiner anderen Großstadt ist der Anteil der Hochschulabsolventen in so genannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) so groß. Hier profitiert Darmstadt von seiner 1877 gegründeten Technischen Universität. Hinzu kommt die Sogwirkung auf High Potentials durch drei Fraunhofer-Institute und das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, das gerade den Bau eines gigantischen Teilchenbeschleunigers vorbereitet. Darmstadt zählt zu den Kommunen mit der höchsten Abiturientenquote und den wenigsten Schulabgängern ohne Abschluss (jeweils Platz 3). Bei der Breitbandversorgung ist die Stadt unter den Top Ten – und auch bei der Zahl der Opern- und Theaterbesuche.
Vor allem aber sind in keiner anderen Stadt die Unternehmen so weit bei der Vorbereitung auf das Zeitalter von Industrie 4.0. Bisher fehlten belastungsfähige Informationen über die lokale 4.0-Readiness der Wirtschaft. IW Consult hat mit dem Daten-Dienstleister beDirect die Webseiten von 600.000 Unternehmen nach mehr als 100 Begriffen mit Industrie-4.0-Hintergrund durchforstet.
Die Palette reichte von Cloud Computing bis hin zu Smart Services und 3-D-Druck. Fanden sich mindestens zwei Begriffe auf der Website, verbuchte IW Consult den Betrieb als Industrie-4.0-affin.
Zwar hat auch Darmstadt aktuell strukturelle Probleme wie eine stark gesunkene kommunale Steuerkraft und einen unterdurchschnittlichen Beschäftigtenanteil von Frauen und älteren Arbeitnehmern. Im Dynamikranking, das die Entwicklung seit 2009 beleuchtet, reicht es nur für einen Mittelfeldplatz.
Gleichwohl hat die Stadt viel Potenzial für die Zukunft – wissens- und technologiebasierte Branchen haben hier einen Anteil von rund 75 Prozent an der Wertschöpfung. „Und im Unterschied zu vielen anderen Universitätsstädten hat Darmstadt auch stabile industrielle Kerne“, sagt Oberbürgermeister Partsch. Neben IT, Telekommunikation, Weltraumtechnik und Maschinenbau ist auch die Chemie gut vertreten: Der Konzern Merck hat in Darmstadt seinen Stammsitz und investiert vor Ort bis 2020 rund eine Milliarde Euro.
Wenig zukunftsträchtig präsentiert sich allenfalls das Darmstädter Rathaus: Partsch hat sein Büro in einem schmucklosen Klotz am Luisenplatz – über einem Kentucky-Fried-Chicken-Imbiss.