WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Städteranking 2021 Das Ruhrgebiet bekommt Vorbildcharakter

Im alten Verwaltungsgebäude des Autobauers Opel fördert die Ruhr Universität Bochum (RUB) heute Start-ups. Quelle: Bochum Perspektive

Das seit Jahrzehnten vom Strukturwandel gebeutelte Ruhrgebiet entwickelt sich in manchen Bereichen zum wirtschaftlichen Geheimtipp – vor allem für Start-ups. Ein Besuch in Bochum.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Auf dieser Baustelle herrscht noch keine Winterpause: Geschäftig transportieren Kipplaster die ausgehobene Erde weg; auf der einen Seite des Areals reißen Arbeiter die letzten Reste der alten Opel-Werkshallen ab, während auf der anderen Seite Baufirmen bereits erste Bürogebäude hochziehen. Mittendrin sortiert DHL bereits Pakete in einem neuen Logistikzentrum. Willkommen in Bochum beim Projekt „Mark 51°7“ . Auf dem 70 Hektar großen Areal entsteht bis 2025 ein neues Zentrum für Wissenschaft und Wirtschaft. 10.000 neue Arbeitsplätze sollen hier entstehen, das wären dreimal mehr Jobs, als sie zuletzt der Autobauer Opel angeboten hatten, bevor er sein Werk 2014 dicht machte.

Das Projekt steht sinnbildlich für den Wandel im Ruhrgebiet. Von Strukturwandel im Ruhrgebiet wird schon so lange gesprochen, dass die Menschen der Region es nicht mehr hören können. „Wandel hat es hier immer gegeben. Die Region muss sich permanent neu erfinden“, sagt Sven Frohwein, Sprecher von Bochum Wirtschaftsentwicklung. Die Zeiten, in denen die Kohlezechen schlossen und große Unternehmen wie Nokia und Opel abzogen, sind für die Einwohner zwischen Rhein und Ruhr zwar nicht vergessen. Aber sie sind vorbei.

Was Wirtschaftskraft und Wohlstand angeht, ist das Ruhrgebiet mit seinen mehr als fünf Millionen Einwohnern zwar nach wie vor ein Sorgenkind. Im Niveauranking des Städtetests von WirtschaftsWoche, IW Consult und Immoscout24, bleiben alle Ruhrgebietsstädte im hinteren Bereich. Am besten schneidet noch Mülheim an der Ruhr ab – auf Platz 48 von 71.

Doch im Dynamikranking, das die Veränderungen der vergangenen Jahre berücksichtigt, können sich neben Bochum auch fast alle anderen Großstädte von Rhein und Ruhr nach vorn schieben, nur Oberhausen und Duisburg rutschen weiter ab. Dortmund gewinnt elf Ränge und schafft es sogar auf Platz fünf. Essen (Platz 38, plus 12) und Herne (Platz 42, plus 17) rücken ins gesamtdeutsche Mittelfeld.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    Das 70 Hektar große Areal ist fast komplett verkauft. Quelle: K+S Studios GmbH

    Dass die Region sowohl als Wirtschaftsstandort als auch Lebensort wieder attraktiver werden, liegt an mehreren Faktoren. Eins davon ist die dichte Forschungslandschaft im Pott. 22 Hochschulen, davon fünf Universitäten, haben ihren Sitz im Ruhrgebiet. Dazu kommen noch etliche Forschungseinrichtungen von Gesellschaften wie Max Planck, Leibniz und Fraunhofer. Vielerorts habe sich „ein spannendes wirtschaftliches Ökosystem etabliert“, mit guter Infrastruktur und „Exzellenzinseln“ in der Forschung, sagt IW-Consult-Experte Hanno Kempermann.

    Unis als Innovationstreiber

    Die Hochschulen werden daher zunehmend zum Innovationstreiber im Ruhrgebiet. Die Ruhr Universität Bochum (RUB) etwa ist der größte Arbeitgeber in der Stadt, bildet dringend benötigte Fachkräfte aus, sorgt für Start-up-Gründungen – und lockt dadurch auch neue Unternehmen an, die nicht mehr im Entferntesten etwas mit Kohle und Stahl zu tun haben.

    Immer mehr junge Arbeitskräften zwischen 25 und 30 Jahren ziehen deshalb nach Bochum. Die Arbeitsplatzversorgung ist seit 2014 um 4,6 Prozent gestiegen, die Jugendarbeitslosigkeit überdurchschnittlich gesunken. Der Lohn: Im Dynamikranking des Städtetests konnte sich Bochum um 16 Plätze auf Rang 21 vorschieben.

    „Die Unternehmen kommen wegen den Studierenden hier hin“, glaubt Friederike Schneider, Leiterin des Start-up-Inkubators „Cube 5“. Sie und ihr Team beraten Gründungsinteressierte und Start-ups aus dem Bereich IT-Sicherheit. In diesem Feld mischt Bochum mittlerweile in der obersten Liga mit. Am Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit etwa forschen Wissenschaftler daran, wie Anwendungen und Daten vor Hackern gesichert werden können. Dabei wird den Studierenden auch „Gründergeist mitgegeben“, wie es Schneider nennt. Erste Ausgründungen wie die Cyber-Security-Firma Escrypt wurden bereits von großen Unternehmen aufgekauft, in diesem Fall von Bosch. Jetzt gehört Escrypt zu einem der vielen Firmen, die auf das alte Opel-Gelände ziehen.



    Damit sich demnächst noch mehr Start-ups in Bochum gründen, hat die RUB im alten Verwaltungsgebäude des Opelgeländes einen „Makerspace“ eingerichtet. Auf zwei Etagen haben Studierende dort die Möglichkeit, ihre Geschäftsideen auszutesten. Sie können erste Prototypen aus Metall drechseln oder in 3D drucken, Modelle aus Holz basteln, eine VR-Brille oder den Co-Working-Bereich nutzen. „Der Bedarf ist groß“, sagt Anna-Lena Zinnhardt, Leiterin der Holzwerkstatt. In Workshops wird zudem unternehmerisches Wissen vermittelt; Firmen und Studierende können sich vernetzen.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%