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Studie Die meisten Deutschen wollen das Grundeinkommen

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Keine Chancengleichheit durch das Grundeinkommen

Die Frage, ob das Grundeinkommen gleichzeitig gesellschaftliche Ungerechtigkeit bekämpfen kann, wird kontrovers diskutiert. Anke Hassel ist wissenschaftliche Direktorin des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, die traditionell den Gewerkschaften nahe steht. So findet die Wissenschaftlerin alle Konzepte gut, die für Gerechtigkeit und Umverteilung sorgen. Doch das Grundeinkommen lehnt sie scharf ab.

„Ein gleicher Geldbetrag nahe am Existenzminimum bedeutet doch keine Chancengleichheit. Die haben Sie durch Bildungszugang oder durch Zugang zu kulturellem Kapital. Das sind Aspekte der Teilhabe, die das Grundeinkommen nicht ermöglicht“, sagt Hassel.

Was das Grundeinkommen ermöglichen kann, ist mehr freie Zeit, davon sind die Befürworter überzeugt. Zwei Drittel der Deutschen erhoffen sich von einem Grundeinkommen mehr Zeit mit ihrer Familie. 46 Prozent denken, dass sie sich häufiger in Gemeinschaften engagieren würden.

Die Wissenschaftlerin Hassel ist skeptisch: „Es gibt heute schon Wohngebiete, wo die Bezugsquote von Sozialhilfe sehr hoch ist. Das korreliert nicht mit einem zunehmenden gesellschaftlichen Engagement.“

Inwieweit sich die Arbeitsmoral der Menschen ändert, wenn sie nicht mehr gezwungen sind, zu arbeiten, ist bislang kaum erforscht. In den Niederlanden und Kalifornien wird das Konzept getestet. In Finnland läuft derzeit ein Experiment, das die Restriktionen in der Arbeitslosenhilfe abschafft. Erste Ergebnisse zeigen, dass viele der Versuchsteilnehmer motiviert sind, mehr zu arbeiten: Früher wurde ihnen die staatliche Hilfe gekürzt, heute bekommen sie das Geld obendrauf - für viele ist das nicht nur Absicherung, sondern auch Anreiz, sich einen Job zu suchen.

Denn schließlich ist das Grundeinkommen zunächst nicht mehr als eine grundlegende Existenzsicherung. Reich wird dadurch niemand. „Es wäre ja nicht so, dass sich Arbeit dann nicht mehr lohnt. Wenn jemand mehr leistet, bekommt er mehr Geld. Diejenigen, die nichts tun, werden in unserer Gesellschaft doch nicht beneidet“, sagt auch GLS-Vorstand Jorberg.

Damit ist er jedoch optimistischer als die Mehrheit der Deutschen. Denn die Ipsos-Forscher haben in ihrer Studie auch gefragt, inwieweit sich das Grundeinkommen auf die Arbeitsmoral auswirken würde. 55 Prozent der Deutschen gehen davon aus, dass die Menschen mit Grundeinkommen eher abgeneigt wären, einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

Gleichwohl sind es immer „die anderen“, die faul werden. Das wird in Umfragen deutlich, die die Frage andersherum stellen. Demnach geben weniger als zehn Prozent an, nicht mehr arbeiten zu wollen, sobald sie nicht mehr müssen. Die Mehrheit würde weiterarbeiten, allenfalls etwas weniger.

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