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Studie zu großen FamilienWie der Staat von Kinderreichen profitiert

Im Wahlkampf spielen große Familien kaum eine Rolle. Doch eine neue Studie zeigt, dass eine kinderfreundliche Politik dem Fiskus ganz handfeste Mehreinnahmen einbringen könnte. Der Schlüssel liegt im Rentensystem.Ferdinand Knauß 07.09.2017 - 06:00 Uhr

In den 1950er Jahren ein häufiges, heute ein seltenes Bild: Eine Familie mit vier Kindern.

Foto: Getty Images

Nicht nur im so genannten TV Duell kam ein für die Zukunft Deutschlands besonders wichtiges Politikfeld so gut wie gar nicht zur Sprache: Familienpolitik. Auch der Wahl-O-Mat ignoriert sie. Die Interessen von Eltern, vor allem von Eltern mit vielen Kindern, spielen offensichtlich trotz entsprechender Ankündigungen der CDU im Frühjahr keine große Rolle in der Wahltaktik der Parteien. Eine vierfache Mutter, die Spiegel-Online in einer Reportage wie eine einheimische Exotin vorstellt, kommt zum Ergebnis: „So richtig hat keine Partei etwas für Frauen wie mich im Angebot.“

Das große Schweigen der Parteien vor den Wahlen brechen nun zwei Veröffentlichungen. Die erste ist eine nüchterne ökonomische Studie über „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Mehrkindfamilien in Deutschland“. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln wird sie heute im Auftrag des Verbands kinderreicher Familien (KRFD) in Berlin vorstellen. Die zweite ist ein emotionales Sachbuch, ein „Plädoyer für eine vom Kind her gedachte Familienpolitik“. Beide Publikationen sind beachtenswert.

Kinderzahl von Frauen in Deutschland nach Geburtsjahrgängen

Anteile in Prozent, Stand 2016 (in Klammern: Alter 2016);
Quelle: Statistisches Bundesamt; Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Foto: WirtschaftsWoche

Einen „tiefen Riss“ sehen die Autorinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem am Montag erschienenen gleichnamigen Buch. Der Riss zwischen Kinderlosen und Eltern wird vor allem in der Rentenfrage deutlich: „In zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden immer mehr Menschen, die selber keine Kinder haben, eine von der dann erwerbstätigen Generation zu bezahlende gesetzliche Altersrente beziehen.“ Man könnte ergänzen: Und die wird oft höher ausfallen als diejenige der Eltern der künftigen Rentenbeitragszahler. Denn die Kinderlosen konnten tendenziell leichter Karriere machen, dadurch mehr Ansprüche an die Rentenkasse sammeln und auch eher noch zusätzlich privat vorsorgen.

Garsoffky und Sembach stellen fest, dass die Politik die „Sprengkraft des Demografie-Themas längst erkannt – und fürchten gelernt“ habe. Es wird bei der Betrachtung schließlich eine grundlegende Fehlkonstruktion des Sozialstaates deutlich. Keine der Parteien, die seit Jahrzehnten politische Verantwortung tragen, kann ein Interesse daran haben, den Eltern, die die nächste Generation von Beitragszahlern großgezogen haben, zu erklären: Eure eigene Rente wird nicht zum Leben reichen, weil es im von uns zu verantwortenden System ökonomisch vernünftiger ist, keine Kinder zu haben und durch die Kinder anderer abgesichert zu sein, weil wir, wie Garsoffky und Sembach schreiben, „ den Wert von Kindern sozialisiert, die Kosten für sie aber privatisiert haben.“

Da ist es nur konsequent, im Interesse des nächsten Wahlergebnisses von dem Thema möglichst ganz zu schweigen:  „Besser keine ernsthafte und mit allem Nachdruck geführte Diskussion und keine Suche nach umfassenden Lösungen und neuen sozialpolitischen Wegen als ein Absinken in der Beliebtheitsskala“, schreiben Garsoffky und Sembach.

Ehe für alle

Kinder sollen sich lohnen, nicht Ehe

Kommentar von Cordula Tutt

Als Wählergruppe verlieren große Familien ohnehin an Bedeutung. Seit den frühen 1970er Jahren ist die Zahl großer Familien gesunken (siehe Grafik). Kinderlose und Ein-Kind-Eltern sind zusammen in der Mehrheit – und die Kinder der anderen haben schließlich (noch)kein Stimmrecht. Ein echtes Dilemma der gegenwärtigen Politik und Wirtschaft: Diejenigen, die für die Zukunft des Landes und seiner Volkswirtschaft eine herausragende Bedeutung haben, spielen als Minderheit politisch nur eine Nebenrolle.

Wie groß diese Bedeutung allein fiskalpolitisch ist, zeigt die heute veröffentlichte Studie. Die IW-Ökonomen um  Axel Plünnecke beziffern den volkswirtschaftlichen Mehrwert durch Mehrkindfamilien anhand von Musterberechnungen. Fazit: „Bekommt eine Familie mit zwei Kindern, mittlerem Einkommen und mittlerem Lebenslauf der Mutter ein drittes Kind mit mittlerem Bildungsstand, ergibt sich ein positiver gesamtfiskalischer Wert in Höhe von 58.700 Euro. Erreicht es sogar einen hohen Bildungsabschluss liegt der Wert bei  448.500 Euro.“ Eine Fokussierung der Familienpolitik auf die Erleichterung der Entscheidung für weitere Kinder wäre also auch mit Blick auf den Schuldenstand der öffentlichen Haushalte zukunftsträchtig.

Eine Einschränkung macht Plünnecke, allerdings: „Nur wenn es gelingt allen Kindern aus Mehrkindfamilien eine gute Ausbildung zu ermöglichen, können diese ihre volkswirtschaftlichen Potenziale voll entfalten.“ Wenn dritte oder vierte Kinder keinen Berufsabschluss erreichen und daher auch im mittleren Lebensabschnitt  wenig oder gar keine Steuern und Abgaben zahlen, belasten zusätzliche Kinder insgesamt den Fiskus.

Platz 10: Continental

Welche Unternehmen bekamen von ihren Mitarbeitern das meiste positive Feedback in Bezug auf die Work-Life-Balance? Das Arbeitgeberportal Glassdoor hat die Mitarbeiterbewertungen für deutsche Unternehmen verglichen, die im Laufe des vergangenen Jahres (August 2015 - August 2016) auf Glassdoor gepostet wurden und ein - wenn auch nicht repräsentatives - Ranking der Unternehmen ausgestellt, die in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit am besten abschnitten. Dabei wurden nur Unternehmen berücksichtigt, die mindestens 30 Bewertungen in der genannten Kategorie erhielten.

Die Continental AG hat es mit einer durchschnittlichen Bewertung von 3,9 von 5 möglichen Punkten auf Rang zehn im Work-Life-Balance-Ranking geschafft. Auf dem Bewertungsportal werden von einem aktiven Mitarbeiter beispielsweise die "flexiblen Arbeitszeiten" als positiver Aspekt genannt, ein ehemaliger Auslandspraktikant lobt die "Work-Life-Balance" explizit.

Quelle: Top 10 Arbeitgeberranking von Glassdoor, Stand: 30. August 2016

Foto: dpa

Platz 9: Daimler

Auch der börsennotierte Pkw-Hersteller Daimler konnte im letzten Jahr in Bezug auf die Work-Life-Balance bei seinen Mitarbeitern kräftig punkten - zumindest ergibt sich dieses Bild aus den bei Glassdoor abgegebenen Bewertungen. Mit einer durchschnittlichen Punktzahl von 4 landet die Daimler AG auf einem soliden neunten Platz im Ranking.

Foto: dpa

Platz 8: BMW

Immerhin 80 Prozent der Mitarbeiter bei BMW würden ihren Job - laut Bewertungen - einem Freund weiterempfehlen. Besonders lukrativ scheint der Berufseinstieg bei dem bayrischen Automobil- und Motorradhersteller für Arbeitnehmer zu sein, die Wert auf eine ausgeglichene Balance zwischen Berufsleben und Freizeit legen. In dieser Kategorie schneidet BMW - genauso wie Daimler - mit rund 4 Punkten überdurchschnittlich gut ab.

Foto: dpa

Platz 7: Volkswagen

Durch die Volkswagen AG ist ein weiterer deutscher Automobilhersteller in der Top Ten der beliebtesten Arbeitgeber mit der besten Work-Life-Balance vertreten. Der Konzern, der aktuell mit den Folgen des Abgasskandals zu kämpfen hat, erhält nur von 56 Prozent der Mitarbeiter, die im letzten Jahr eine Online-Bewertung abgegeben haben, eine positive Geschäftsprognose. Mit der Work-Life-Balance scheinen die Mitarbeiter dennoch zufrieden zu sein: Mit durchschnittlich 4 Punkten bewerten sie VW in dieser Kategorie ausgesprochen gut.

Foto: dpa

Platz 6: ZF Friedrichshafen

Stefan Sommer, der Vorstandschef des deutschen Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen, wurde im Juni dieses Jahres bereits zu einem der beliebtesten Manager Deutschlands gekürt. Ein besonderes Augenmerk scheint er als Führungsperson unter anderem auf die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit zu legen. Seine Mitarbeiter danken es ihm mit einer Bewertung von 4,1 Punkten in der Kategorie "Work-Life-Balance".

Foto: dpa

Platz 5: SAP

Auf dem fünften Rang des Glassdoor-Rankings landet der größte europäische Softwarehersteller SAP, der mit einer Gesamtbewertung von 4,3 von 5 Punkten außerordentlich gut abschneidet. Auch die Balance zwischen Beruf und Freizeit scheint in dem Unternehmen leicht zu finden zu sein. 4,1 Punkte erhält SAP dafür im Schnitt.

Foto: dpa

Platz 4: Robert Bosch

Die Bosch-Gruppe zählt zu den international führenden Technologie- und Dienstleistungsunternehmen. Die Mitarbeiter wissen die freie Zeit, die ihnen neben der Arbeit zur Verfügung steht, zu schätzen. In den Bewertungen ist von "flexiblen Arbeitszeiten", "35 Stunden-Wochen" und einer "guten Work-Life-Balance" die Rede. Das macht 4,1 von 5 möglichen Punkten und Rang vier im Ranking.

Foto: dpa

Platz 3: Fraunhofer Gesellschaft

Rund 23.000 Mitarbeiter sind zurzeit für die Fraunhofer Gesellschaft tätig. 237 davon haben ihren Arbeitgeber auf dem Onlineportal bewertet. Das Ergebnis: 4,3 Punkte in der Kategorie "Work-Life-Balance". Macht Platz drei.

Foto: dpa

Platz 2: Airbus Group

Bei einer durchschnittlichen Work-Life-Balance-Bewertung von 4,4 Punkten schneidet die Airbus Group noch etwas besser ab. Auch hier werden in einer Vielzahl der Bewertungen "flexible Arbeitszeiten" als positiver Aspekt hervorgehoben. Verbesserungsbedarf besteht laut Mitarbeiterbewertung zum Beispiel bei den Möglichkeiten zur Einbringung neuer Ideen.

Foto: dpa

Platz 1: adidas Group

Die adidas Group konnte ihre Mitarbeiter im vergangenen Jahr am meisten in Punkto Work-Life-Balance überzeugen. 4,7 von 5 Punkten erhielt sie im Schnitt - besser geht es kaum. Besonders für Sportliebhaber bietet der Sportartikelhersteller Freizeitmöglichkeiten an. Ein aktiver Mitarbeiter spricht von einem "einzigartigen Arbeitsumfeld mit verschiedenen Sportstätten", ein anderer Mitarbeiter in Herzogenaurach spricht in höchsten Tönen von der "Verbindung zwischen Arbeit und Leidenschaft zum Sport". Alles in allem verhilft das der adidas Group zur Spitzenposition.

Foto: REUTERS

Die Lebenslage der Familien habe, so die Autoren nach der Auswertung von Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) einen starken Einfluss darauf, ob ein drittes Kind geboren wird. Niedrigqualifizierte Frauen mit relativ geringem Haushaltseinkommen bringen zwar überproportional oft ein drittes Kind zur Welt. Allerdings sei das teilweise dadurch zu erklären, dass vielfach Frauen mit Migrationshintergrund niedrigqualifiziert sind „und sich aufgrund anderer Wertevorstellungen häufiger für größere Familien entscheiden. Zudem kann es eine Rolle spielen, dass sich niedrigqualifizierten Frauen schlechtere Erwerbs- und Karriereperspektiven bieten und sie somit für ein drittes Kind auf ‚weniger‘ verzichten müssen.“ Betrachtet man nur Familien ohne Migrationshintergrund, ergibt sich ein anderes Bild. Nicht so sehr die sozio-ökonomisch schlechter Gestellten, sondern überdurchschnittlich viele Akademiker mit einem hohen Einkommen entscheiden sich für dritte und weitere Kinder. Daraus ergibt sich ein „U-förmiger Zusammenhang“: in der Mitte der Gesellschaft sind große Familien besonders selten geworden. „Die Politik könnte also bei einer gezielten Förderung des Übergangs zum dritten Kind vor allem Familien der Mittelschicht mit mittlerem Bildungsabschluss und Einkommen in den Blick nehmen, schreiben Plünnecke und Kollegen.

Bevölkerung

Der große Demografie-Bluff

von Ferdinand Knauß

Sie haben außerdem festgestellt, dass gesündere und zufriedenere Mütter und Väter sich eher für ein drittes Kind entscheiden. Zudem spiele der Zeitpunkt der Familiengründung und -erweiterung im Lebenslauf eine wichtige Rolle. „So ist die Wahrscheinlichkeit einer dritten Geburt höher, wenn Mütter und Väter früh ihr erstes Kind bekommen haben und der Abstand zum zweiten Kind nicht zu groß ist. Für die Politik heißt das, dass sie, wenn sie Kinderreichtum fördern will, Rahmenbedingungen schaffen muss, die es Paaren erleichtern, früh eine Familie zu gründen und ein gutes und gesundes Familienleben zu führen.“

Elisabeth Müller, Vorsitzende des KRFD wünscht sich von der nächsten Bundesregierung, sie solle „Mehrkindfamilien stärker als eigenständiges und wichtiges Familienmodell wertschätzen“ und sich zu einer „Bevölkerungspolitik bekennen, die Familien, Kinder und Bildung in zumindest genau so großen Teilen berücksichtigt wie das Altern und die Rente“.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Unternehmen profitieren von Familienfreundlichkeit

von Daniel Rettig

Die häufig diskutierte Forderung nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollte nach Müllers Ansicht mit mehr Gelassenheit geführt werden. Nach der Studie leben sehr viele Eltern in den 890.000 Mehrkindfamilien mit minderjährigen Kindern im Allein- oder Zuverdienermodell. Bei Dreikindfamilien ist die Kombination aus einem Elternteil in Vollzeit und einem in Teilzeit mit einem Anteil von 42,7 Prozent am häufigsten. Bei Vierkindfamilien am häufigsten: die Kombination aus einem Elternteil in Vollzeit und dem anderen ohne Erwerbstätigkeit, die bei 44,9 Prozent liegt. „Die allermeisten Mütter in Mehrkindfamilien entscheiden sich ganz bewusst für diese Lebensformen, weil sie genügend Zeit für ihre Kinder haben wollen.“ Umso wichtiger sei es, den Müttern speziell an ihre Bedürfnisse ausgerichtete Bildungsangebote zu machen und ihnen konkrete Optionen für den Wiedereinstieg zu bieten, damit sie nach langjährigen Berufspausen am Arbeitsmarkt leichter wieder Fuß fassen können.

In einer Forderung sind sich die Studienautoren des IW, der Kinderreichen-Verband und die Buchautorinnen Garsoffky und Sembach völlig einig: Das bestehende Rentensystem diskriminiert Eltern auf ungerechteste Art und Weise und gehört radikal reformiert. Wie auch Hans-Werner Sinn immer wieder fordert, sollten Rentenansprüche von der Zahl der eigenen Kinder abhängig werden. Die Ökonomin Susanna Kochskämper schlug zum Beispiel 2015 vor, den sogenannten „Eckrentner“, der als fiktiver Versicherter als Referenzmaßstab für Rentenansprüche dient, neu zu definieren. Die zugehörige Rente würde nur dann vollständig ausgezahlt, wenn zwei Kinder erzogen wurden. Eltern von Mehrkindfamilien würden gestaffelt für jedes weitere Kind Rentenaufschläge erhalten, die Erziehung von weniger als zwei Kindern würde zu Rentenabschlägen führen, die durch private Altersvorsorge zu kompensieren wären.

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