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Tauchsieder Luther war kein Tetzel

Der Reformator wird 2017 ausführlich gefeiert. Dabei war Johann Tetzel, Luthers großer Widersacher, der eigentliche Reformer: Der Ablasshandel als ökonomischer Geniestreich.

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Luther war kein Tetzel: Der Ablasshandel als ökonomischer Geniestreich. Quelle: dpa, Montage

Im nächsten Jahr, jeder weiß es, wird Martin Luther gefeiert. Dafür, dass er am 31. Oktober vor einem halben Jahrtausend 95 Thesen wider den Handel mit Ablassbriefen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben soll. Damit das niemandem entgeht, wird das „Reformationsjubiläum“ seit dem 21. September 2008 mit andachtskatholischer Repräsentationslust eingeläutet und seit 2011 auch von der Bundesregierung mitgestaltet. 

Man hat während der „Luther-Dekade“ bereits des 450. Todestages von Co-Reformator Philipp Melanchthon (2010) gedacht und des 500. Geburtstags von Hieronymus Bosch (2015). #Luther2017 selbst wird im Zeichen von Studienfahrten und Essaywettbewerben stehen, von Poetry-Slams und Kantatenprojekten. Es gibt Luther-Koffer für Bildungshungrige, Luther-Wege für Wanderlustige und natürlich auch ein offizielles Luther-Logo (für alle).

Ein Ketzer, der Böses dabei denkt. Wird an Luther nur deshalb so ausgiebig erinnert, weil er allein im Rückspiegel ein historischer Riese ist, nicht aber mit Blick auf Gegenwart und Zukunft? Bekanntlich war Luther ein glühender Antisemit, aber das ist längst noch nicht alles. Mit seiner an Augustinus anknüpfenden Lehre vom Gottesgnadentum zum Beispiel machte Luther auch den renaissance-humanistisch emanziperten uomo universale, der dank Erasmus und Pico della Mirandola soeben selbstbewusst sein Haupt erhoben hatte, wieder klein - und schickte die Menschheit zurück in die Ideenwelt des Mittelalters. 

Deutschsprachige Ökonomen und Soziologen des 20. Jahrhunderts

Ganz anders Papst Leo X., Markgraf Albrecht von Brandenburg und Johann Tetzel, gegen die Luther damals eiferte - drei kreative, innovative, unternehmerisch denkende Geister. 

Der kunstsinnige Medici-Papst Leo etwa musste, nachdem Michelangelo gerade die Sixtinische Kapelle ausgepinselt hatte, den Neubau der Peterskirche finanzieren. Er baute den Vatikan daher kurzerhand zur Holding um, erschloss sich jenseits der Alpen neue Märkte und dachte sich mit der Hilfe von Augsburger Bankern kreative Finanzprodukte aus - nicht zuletzt, um den neuen Dombaumeister Raffael bezahlen zu können.

Gleichzeitig war Albrecht mit der Führung des Bistums Magdeburg unterfordert, weshalb er die bürokratischen Fesseln des vormodernen Kirchenrechts (Verbot der Ämterhäufung) sprengte, entschlossen ins Rheinland expandierte und auch in Mainz die Geschäftsführung des päpstlichen Unternehmens übernahm.

Johann Tetzel schließlich war ein genialer Vertriebler, der den ehemals streng regulierten Ablasshandel in Eigeninitiative liberalisierte. Er erweiterte den Sündenkatalog, senkte die Zugangsschranken durch das Streichen von „Reue“ und „Buße“ und avancierte mit dem heute noch modern klingenden Slogan „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ zu einer Art Gründervater des Marketings.

Bau der Peterskirche

Die WirtschaftsWoche hat sich daher entschlossen, das Jahr 2016 zum Tetzel-Jahr auszurufen: Vor 500 Jahren wurde der begnadete Prediger vom Bistum Meißen zum Subkommissar beim Ablasshandel für den Bau der Peterskirche in Rom ernannt. Wir möchten damit den Vatikan nicht nur als bedeutenden Kunst-Mäzen, sondern auch als katholischen Ur-Konzern rehabilitieren - und den Geld-Sünden-Tausch als revolutionäre Praxis, die den Kapitalismus überhaupt erst ermöglicht hat.

Denn zieht man den religiösen Kontext ab, so hat man sich den Ablasshandel doch wohl vor allem als kirchliche Kapitalerhöhung vorzustellen, als Investition zur Verbreitung der frohen Botschaft, dass Geld in der Lage ist, selbst Gott, den Herren, in Händel zu verwickeln - und damit alles auf seinen Nenner zu bringen.

Luther hat das damals als bloßen Versuch der Bestechung, als Entheiligung des Allmächtigen missverstanden. Und natürlich, moralisch gestimmte Geister mögen auch heute noch einwenden, dass die Entgrenzung monetärer Könnerschaft nicht nur segensreiche Folgen hatte: Geld kann zum Beispiel auch auf gesellschaftliche Leistungen (Korruption) und die personale Würde (Ausbeutung, Prostitution etc.) zugreifen. 

Diese Ökonomen haben unsere Welt geprägt
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Gleichwohl wissen wir Heutigen, dass Tetzel vor allem das schlechte Gewissen monetarisierte und damit die Wirtschaftsform des  21. Jahrhunderts vorweg nahm. Sein Ablass-Geld sichert heute den Zugriff auf Verschmutzungszertifikate und spekuliert auf eine grüne Revolution, es kompensiert Fernflüge und vermehrt sich auf dem Konto von Bioschwein-Bauern. 

Ausgerechnet der Ablasshandel erweist sich also als hocheffizientes Instrument des modernen Wirtschaftens: Er nimmt die Internalisierung externer Kosten beim Wort. Das Gewissen lenkt unseren Blick auf chinesische Wanderarbeiter und ihre Arbeitsbedingungen, auf afrikanische Lehrer, die in Berliner Biergärten Teller spülen, und auf Hühner, die in enge Käfige gepfercht werden - und es drängt uns, dafür bezahlen zu dürfen.

Hoch lebe also Johann Tetzel hier und heut’, nicht Martin Luther. Während der Reformator die menschliche „Reue“ allein an Gott zurück band, hat der Reformer sie ins Weltliche hinein entgrenzt - und zum Paramater der Ökonomie erhoben. Als verinnerlichter Glaube im Sinne Luthers produziert die religiöse „Bußfertigkeit“ bis heute Opferbereitschaft, Märtyrertum (und Fanatismus); als verinnerlichte Alltagspraxis im Sinne Tezels hingegen dient sie einer kooperativ-wirtschaftlichen Zukunft.

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