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Werner knallhart

Von Migranten lernen: Gebrochene Deutsch sehr effektiv

Seite 2/2

Schmeißt den Duden über Bord!

Warum also nicht zumindest einfach mehrere Varianten als akzeptabel anerkennen? Warum statt richtig und falsch nicht lieber die Kategorien klassisch und neu? Wozu Regeln dort, wo sie die Sprache ohne Vorteil komplizierter machen? Wir streben doch auch sonst nach Einfachheit.

Stellen Sie sich einen Geldautomaten vor, der auf dem Bildschirm meldet: "Den gewünschten Betrag erhalten Sie erst, wenn Sie zusätzlich noch die Bitte-Taste gedrückt haben." Mehr Stil hätte es. Aber es wäre ein weiterer Knopfdruck. Deshalb fangen wir mit diesem Quatsch erst gar nicht an. Aber was ist mit Folgendem:

Wenn du hast Lust, ich lade dich zum Essen ein. So falsch, so effizient. Denn für sich stehend würden die Sätze ja lauten:

Du hast Lust. Ich lade dich zum Essen ein.

Warum wirbeln die Verben durch die Verquickung plötzlich durcheinander?

Wenn du Lust hast, lade ich dich zum Essen ein.

Gabriel, einem Freund aus Kasachstan, will das trotz Sprachschule nicht in den Kopf.

Deutsch für Besserwisser
Ein Daumen schwebt am (03.09.2010) auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin über dem roten Knopf einer Fernbedienung. Quelle: dpa
Falsch: Gang und gebe Richtig: Gang und gäbe Bei vielen ist es leider gang und gäbe, selbige Redewendung falsch zu schreiben. Vom Wortursprung bezieht sich "gang und gäbe" auf Zahlungsmittel, die weit verbreitet und damit gültig waren. So ist in Europa beispielsweise der Euro gang und gäbe, der Keks zum Kaffee ist dagegen bloß üblich. Quelle: Screenshot
Ein letzter roter Apfel hängt am 09.12.2012 unter einer Mütze aus Schnee an einem Apfelbaum in Eichwalde (Brandenburg) am Rande von Berlin. Quelle: dpa
Falsch: Der Erfolg kam dank Mund-zu-Mund-Propaganda Richtig: Der Erfolg kam dank Mundpropaganda Da niemand anderen Menschen etwas in den Mund sagt, müsste es - wenn überhaupt - Mund-zu-Ohr-Propaganda heißen. Wer darauf setzt, dass sich etwas herumspricht, vertraut auf Mundpropaganda. Quelle: gms
A radioactive specialist measures the level of radioactive contamination in the soil in Kopachi village Quelle: AP
Die neunfache Eisschnelllauf-Weltmeisterin Monique Garbrecht-Enfeldt Quelle: dpa/dpaweb
broccoli pasta Quelle: dapd

"Wenn du hast Lust, ich lade dich zum Essen ein."

Ich sage: "Lade ich dich."

Er: "Nein, nein, ich lade dich. Du mich letzte Mal schon eingeladen."

So etwas sollte man sich nicht zweimal sagen lassen.

Seit dem Hin und Her mit der Rechtschreibreform der Neunzigerjahre hat etwa der Duden mit seinem Regelwerk deutlich an Autorität verloren. Blöd für den Duden. Aber was soll's? Selbst in deutschen Redaktionen heißt es mittlerweile schon mal:

"Steht aber so im Duden."

"Na und?"

Das, was einige Traditionalisten als Verwahrlosung der deutschen Sprache kritisieren, ist ein Prozess der Reduzierung auf das Wichtigste. Sprechen und Schreiben um verstanden zu werden. Und nicht, um zu zeigen, wie toll man das kann.

In Arbeit
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Machen wir uns nichts vor: Dort, wo die Menschen schon gar nicht mehr wissen, wie die offiziellen Regeln lauten, dort wo es keinen mehr gibt, der sagt: "du redest vielleicht einen Stuss", wo regelwidrig zu reden kein Makel mehr ist, dort wird sich das vereinfachte Deutsch unauslöschlich einbrennen. Deutsch wird schlichter, aber auch facettenreicher.

Die Briten ziehen heute auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt und maulen: "Das heißt nicht Tomäto, das heißt Tomato" und "nicht no woman, no cry, sondern No, woman, don't cry."

Die Briten haben verstanden: Ihre Sprache hat ein Eigenleben entwickelt. Die lässt sich nicht mehr einfangen.

Und wir Deutschen leben im weltweit beliebtesten Einwanderungsland nach den USA. Wir sollten keine Angst vor der neuen deutschen Sprache haben. Wer will, spricht sie klassisch und zeigt, dass er das Regelwerk beherrscht. So werde ich es auch tun.

Aber akzeptieren wir gelassen: Keiner hat das Urheberrecht inne. Deutsch ist ein Open-Source-Projekt. Jeder darf dran mitwurschteln. Und es werden neue schlaue Gepflogenheiten entstehen. Lassen wir Fünfe gerade sein und bedienen wir uns. Wir sind ja schließlich nicht Heinrich Heine.

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