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Ein Jahr nach dem Brexit „Trump wollte Großbritannien immer nur als Pudel“

Robin Niblett ist seit Januar 2007 Chef des Royal Institute of International Affairs, Chatham House. Quelle: Presse

Sollte Großbritannien sich als Mini-Supermacht neu erfinden? Mitnichten, warnt der Spezialist für internationale Beziehungen, Robin Niblett. Stattdessen solle das Land seine Rolle als Bremsklotz hinter sich lassen.

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Chatham-House-Direktor Robin Niblett glaubt, dass Großbritannien nicht versuchen sollte, sich nach dem vor einem Jahr vollzogenen Brexit als Mini-Supermacht neu zu erfinden. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht plädiert er stattdessen dafür, dass London die Rolle eines internationalen Vermittlers einnehmen sollte. Und er glaubt, dass Großbritannien so auch für die EU wichtig werden könnte.

WirtschaftsWoche: Sie schlagen vor, dass Großbritannien in Zukunft international die Rolle eines Vermittlers spielen soll. Wie kann man sich das vorstellen?
Robin Niblett: Wir sind keine Weltmacht, wir sind noch nicht einmal eine Regionalmacht oder eine Mini-Supermacht. Aber Großbritannien ist eines der wenigen Länder, die in der Lage sind, zu vermitteln. Denn wir sind sicher einflussreicher als die meisten anderen mittelgroßen Länder. Wir können überall da eine konstruktive Rolle einnehmen, wo klar ist, dass wir aufgrund unserer Netzwerke und unserer Glaubwürdigkeit zu Hause einen Platz am Verhandlungstisch haben. Das offensichtliche Beispiel ist der Klimawandel: In diesem Jahr richtet Großbritannien ja COP 26 aus, die Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Und die Regierung hat einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energie und eine starke Reduktion des CO2-Ausstoßes angekündigt. Da sind wir weltweit vorne. In diesem Jahr führt Großbritannien auch den G7-Vorsitz.

Wo könnte Großbritannien sonst noch international als Vermittler auftreten?
Im Dialog mit China beispielsweise. In Sachen China hat sich unsere Regierung ja nicht auf den vollen Trump-Kurs begeben und steht Peking auch nicht so feindselig gegenüber wie Teile der Biden-Regierung. Und trotz des Streits um das Sicherheitsgesetz in Hongkong hat die Regierung noch immer Spielraum, um dabei zu helfen, die EU, die USA, China und Andere an einen Tisch zu bekommen, um diese Dinge zu besprechen. Wir haben jetzt auch einige zusätzlichen Handlungsfreiheiten in der Außenpolitik. Wobei ich überzeugt bin, dass alle unsere außenpolitischen Ziele mit denen von Europa übereinstimmen werden, ganz gleich, was geschieht.

Das wäre neu. In der Vergangenheit war London ja in der EU häufig ein Bremsklotz.
Das stimmt. In der Vergangenheit hat Großbritannien die europäischen Außenpolitik häufig blockiert, und das aus Sorge vor möglichen Beschränkungen der britischen Souveränität. Doch da wir die EU jetzt verlassen haben und nicht länger dermaßen von der Frage der europäischen Integration besessen sind, eröffnet das ganz neue Möglichkeiten. Und während die USA weiterhin Großbritanniens wichtigster Verbündeter sein werden, wird Washington nicht ständig auf unserer Seite sein. Daher müssen wir intelligent darüber nachdenken, in welcher Weise wir für die USA wichtig sein können. Und da wird ist die Nato-Mitgliedschaft unglaublich wichtig. Denn über die kann Großbritannien auch in Europa konstruktiv agieren. Denn jetzt, wo hier nicht mehr diese Vorstellung vorherrscht, dass die EU in Sicherheitsfragen etwas Schlechtes ist, kann das Land nach Kontaktpunkten zwischen der Nato und der EU schauen.

Haben sich mit Joe Bidens Wahlsieg in den USA etwaige britische Supermacht-Pläne nicht ohnehin erledigt?
Bidens Wahlsieg hat diesen britischen „Ich zuerst"-Ansatz vollends aus dem Fenster gekippt. Mit Biden sitzt jetzt ein Politiker im Weiße Haus, der gute Beziehungen nach Deutschland und Frankreich und zur EU unterhält. Und der die Macht der europäischen Integration versteht. Das verändert die Grundvoraussetzungen für Boris Johnson. Denn jetzt wird sich Großbritannien für die USA relevanter machen, wenn es mit der EU zusammenarbeitet. Ist das nicht ironisch! Trump wollte Großbritannien ohnehin immer nur nur als Pudel, als Hintergrund für sein eigenes Ego und seine eigene Agenda. Die Biden-Regierung wird Großbritannien intelligent nutzen. Und das nicht, um Großbritannien gegen die EU zu positionieren, sondern um ein Gespräch zu haben, an dem Großbritannien teilnimmt. Und zwar in Fragen wie der Digitalsteuer, der Demokratie-Agenda, in Sicherheitsfragen. Und Großbritanniens Beteiligung in der Nato wird entscheidend dabei sein, dass die USA mehr von ihrem strategischen Gewicht auf die Asien-Pazifikregion legen können.



Seit dem EU-Referendum ist immer wieder die Rede von einem „Singapur-an-der-Themse“. Also der Idee, dass sich Großbritannien in eine deregulierte Steueroase vor den Toren Europas verwandeln könnte. Aber das wäre ja ein aggressiver Kurs gegenüber Europa und würde der Rolle, die Sie vorschlagen, zuwider laufen.
Absolut. Es wird interessant sein, zu sehen, was die Regierung unternehmen wird. Denn es ist ja ein attraktives Modell: Das scharfsinnige kleine Britannien, das mit seinen Technologien, seinen Ideen und seinen unternehmerischen Instinkten allen anderen davonläuft. In Wirklichkeit ist das auch ein schiefes Bild. Denn die EU-Mitgliedschaft hat ja auch Deutschland nicht davon abgehalten, zum erfolgreichsten Exporteur von Waren außerhalb der EU zu werden. Aber wir in Großbritannien mussten irgendwie die EU verlassen, um das tun zu können, was wir auch hätten tun können, ohne die EU zu verlassen. Und die konservative Partei ist gespalten. Es gibt viele neue konservative Abgeordnete in Nordengland, die Arbeiterrechte bewahren möchte und die der Globalisierung skeptisch gegenüberstehen. Und es gibt die, wie ich sie nenne, „Hohepriester des Brexits“. Also Brexit-unterstützenden Ökonomen, gewisse Thinktanks und der EU-kritische Flügel bei den Tories. Die wollen Regulierungen loswerden und sehen den Brexit als Gelegenheit, um nicht nur Europa, sondern die ganze Welt zu unterbieten, indem man eine kathartischen Moment kreativer Zerstörung schafft. Ich glaube, dass es in Wirklichkeit noch gar keinen konkreten Plan für dieses Singapur-Szenario gibt. Denn wenn man das machen möchte, aber zugleich den Anspruch erhebt, die grünste Wirtschaft der Welt zu werden, führt das zu unüberbrückbaren Gegensätze.

Woher stammt überhaupt diese tief verankerte britische EU-Skepsis?
Es gibt definitiv so etwas wie einen Insel-Exzeptionalismus, der sich historisch erklären lässt. Bei einem Teil der englischen Bevölkerung gab es auch schon immer dieses Empfinden, dass man sich von Kontinentaleuropa unterscheide. In diesem Teil der Bevölkerung wurde die europäische Integration als etwas Fremdes wahrgenommen, das man tolerieren musste. Und es gibt historische Verbindungen zu englischsprachigen Ländern weltweit. So etwas bringt einen anderen Ausblick mit sich. Aber nicht nur konservative Politiker, sogar auch viele Labour-Politiker taten sich immer immens schwer, die britische EU-Mitgliedschaft anzunehmen. Dadurch sind bei der europäischen Integration fast so etwas wie Passagiere geworden. Da wir nicht Teil von Schengen waren und auch nicht im Euro, und auch Gegner bei der europäischen Integration in Fragen der Verteidigung und Außenpolitik, hat uns das immer mehr an den Rand gedrängt. Und die Ablehnung der EU hat sich dadurch wiederum verstärkt.

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Der Soft Power-Kurs, den Sie vorschlagen, würde aber vor allem eines erfordern: Vertrauen. Hat Boris Johnson nicht mit der Art und Weise, wie er bei den Brexit-Verhandlungen aufgetreten ist, viel von diesem Vertrauen verspielt? Etwa mit der Drohung, Teile des Austrittsabkommens zu brechen?
Das war eine verrückte Idee, die das Ende der Verhandlungen so sehr erschwert hat. Daher schreibe ich in meinem Bericht auch, dass Großbritannien die „Macht des Understatements“ wiederentdeckten muss. Wir können unsere politischen Bestrebungen nicht einfordern, wir müssen sie uns verdienen. Und Johnson hat noch nicht die Glaubwürdigkeit verdient, um eine globale Führungsfigur zu sein. Aber wir müssen abwarten und schauen, wie das Ende des Jahres aussehen wird. Bei den zwei großen Momenten, die jetzt auf ihn zukommen - beim G7-Vorsitz und den COP26-Verhandlungen - wird er sich zurücknehmen müssen. Da wird es sich auch zeigen, ob sich Boris Johnson in die konstruktive Rolle eines Vermittlers einfügen kann. Ob ihm das gelingen wird - das weiß ich nicht.

Mehr zum Thema: Mit den neuen Zollregeln bekommen Unternehmen die Folgen des Brexits zu spüren.

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