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Historiker Brendan Simms „Die Eurozone muss sich vereinen und die EU verlassen“

Für das Festland ist die EU die Lösung, für die Briten aber nicht, meint Cambridge-Historiker Brendan Simms. Er hofft dennoch, dass die Briten bleiben und dass sich EU und Eurozone irgendwann voneinander trennen.

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Großbritannien soll in der EU bleiben, meint Historiker Brendan Simms. Quelle: dpa Picture-Alliance

Professor Simms, bisher waren wir immer davon ausgegangen, Deutschland und Großbritannien seien so etwas wie natürliche Partner, liberale Brüder im Geiste. Ist das ein Irrglaube?
Die Beobachtung, dass die beiden liberalen Großmächte Europas natürliche Partner sind, ist wirtschaftspolitisch total korrekt. Wir haben in beiden Ländern Regierungen, die marktorientiert denken und arbeiten. Da sind sich die beiden Länder sehr nahe. Wenn es aber um die Frage der Verfassung der EU an sich geht, sind wir sehr weit auseinander: Die Deutschen glauben eigentlich seit dem zweiten Weltkrieg, dass eine tiefere Europäische Integration die Antwort aller Probleme ist. Für die Briten ist genau das das Problem.

Zur Person

War das schon immer so?
Es gab sicherlich Zeiten, in denen Briten und Deutsche näher waren als heute. Denken sie an die Protestantenverfolgung, denken sie an die Englische Krone und die Verbindung zum Königreich Hannover im 18. Jahrhundert. Da war Britannien eine deutsche Macht. Historisch ist die Verbindung tatsächlich ziemlich eng.

Nach einem Brexit könnte sich das ändern.
Ob das Vereinigte Königreich und Deutschland nach einem Brexit Partner sein können, hängt von der EU ab. Wenn die EU den Weg der tieferen Integration geht und aus der politischen Union endgültig eine Fiskalunion wird, ist Deutschland kein eigenständiger Akteur mehr. Dann würde Britannien eine Partnerschaft mit einer europäischen Fiskalunion haben. Wenn sich die EU aber nach einem Brexit aufspaltet, dann glaube ich würde die Partnerschaft zwischen Deutschland und Großbritannien sehr eng werden.

Die guten Beziehungen werden derzeit von den Briten doch arg strapaziert. Hat das auch was mit dem verletzten Stolz einer einstigen Weltmacht zu tun?
Die Briten haben keinen verletzten Stolz. Ich kenne niemanden, der dem Empire nachtrauert. Diese Kolonialfantasien sind Geschichte. Was aber wahr ist: Großbritannien ist immer noch eine ökonomische und militärische Großmacht. Und deshalb ist es nicht irgendein europäisches Land.

Genau das könnte nach einem EU-Ausstieg aber passieren. Großbritannien wäre ein europäisches Land unter vielen, ein geschwächtes dazu.
Das sehe ich anders. Was ist denn die Europäische Union? Sie ist ein Produkt des Europäischen Problems, der Deutschen Frage, wenn Sie so wollen. Nach 1945 hieß es: Europa ist das Problem, die Union ist die Antwort. In Großbritannien hingegen war die europäische Bedrohung der Grund für den britischen Zusammenschluss des Königreichs i Jahr 1707. Europa war also das Problem und das Vereinigte Königreich war die Lösung. Das sind zwei fundamental verschiedene Gründe, einen Staat zu gründen. Europa wurde geschaffen, um das europäische Problem zu lösen, nicht das britische. Europa kann nicht die Probleme für das Vereinigte Königreich in der Welt lösen.

Klingt, als wäre Europa den Briten egal.

Was in Europa passiert, ist wichtig für uns. Europa ist und war immer schon die gestaltende Kraft für das Vereinigte Königreich. Europa beeinflusst die Insel seit über 1000 Jahren.

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