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Ortsbesuch in Zell am See Wenn Araber und Europäer gemeinsam Urlaub machen ...

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"Große Freude mit unseren arabischen Kunden"

Die Araber, sagt der Syrer, hätten keine Ahnung von Österreich. Kaum sagt er das, kommt ein Mann herein und fragt, wo er ein Feuerzeug kaufen kann. „Die sind wie die Kinder, die fragen und fragen und fragen.“ Das sei aber gut fürs Geschäft, denn wer fragt, kauft vielleicht auch was. Also wirbt er vor der Tür in Arabisch. Schräg gegenüber in der Filiale der Schmuckgeschäfts Swarowski begrüßt Christine Weibezahl arabische Gäste mit „Salaam Alaikum“: die Begrüßung beherrscht sie, danke und bitte auch. „Wir haben eine große Freude mit unseren arabischen Kunden“, sagt sie etwas zu überschwänglich. Es sei zwar eine andere Mentalität, sie seien aber „sehr nett und aufgeschlossen“. Vor allem: „Die Damen legen Wert auf schönen Schmuck“, sagt sie, „überwiegend kaufen sie dann auch.“

Sicher ist die Konsumfreude der Araber der wichtigste Grund, weshalb die Ortsansässigen von Zell am See durchweg positiv auf ihre monokulturellen Gäste zu sprechen sind. Laut einer zwei Jahre alten Erhebung eines Tourismusverbands gibt der Touri vom Golf pro Tag und Kopf 245 Euro in Österreich aus – fast doppelt so viel wie Durchschnittstouristen. Eine vierköpfige Familie lässt somit täglich rund 1000 Euro im Ort. Das ist mehr als deutsche Familien im Schnitt für einen zwölftägigen Urlaub locker machen.

Und so muss man schon gründlich suchen, um Elemente des Widerstands zu finden. Im Hotel Lebzelter etwa sagt die Inhaberin die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will trotzig: „Wir passen uns den Arabern nicht an.“ Andere mögen das machen, sie bleibe der österreichischen Küche treu. Nur der Küche? „Ja, die essen am liebsten Pizza und Pasta, das gibt‘s hier nicht. Und unsere Zimmer sind denen auch zu klein.“ Trotzdem sagt die schnodderige Gastwirtin, sie freue sich über den Boom dank der Araber – und wer trotz Kaiserschmarrn und Fleischpflanzerl bei ihr um ein Zimmer bitte, sei freilich willkommen.

So scheitert auch dieser Versuch, einen echten Gegner des Araber-Booms zu finden. Oben im Nachbardorf Kaprun soll es eine Gastwirtin geben, die vor zwei Jahren ein Schaf vor dem Schächten gerettet hat, wie die Lokalpresse schrieb. Sie habe ihre Appartements als araberfrei erklärt, weil sie laut und wild gewesen seien. Aber man könnte ja erst einmal bei Bürgermeister und im Tourismusbüro fragen: Was bringen die Araber für die Region wirtschaftlich?

Doch der Bürgermeister schweigt. Und auch im Tourismusbüro heißt es, dass man sich zu einzelnen Besuchergruppen nicht äußern wolle – es gebe dazu einen Beschluss des Gemeinderats. Im Rathaus scheint man vorsichtiger geworden zu sein: Der Ansturm der Araber hat Zell am See in den vergangenen Jahren einige schlechte Boulevardpresse eingebracht, sodass man nun lieber schweigt statt des Image der alpenländischen Araber-Oase zu zementieren. Wobei die Schlagzeilen auch damit zu tun hatten, dass die Tourismusagentur vor zwei Jahren einen verunglückten „Knigge“ für arabische Touristen veröffentlichten: Dass sie sich im Auto anzuschnallen hätten, war darin zu lesen, und von der Vollverschleierung riet man ebenfalls ab: „Bei uns symbolisiert die Farbe Schwarz Trauer“, stand darin zu lesen. „In unserer Kultur“ sei man es gewohnt, „in das lächelnde Gesicht unseres Gegenübers“ zu blicken. Ein Sturm der Entrüstung über die Zeigefinger-Kulturpolitik führt dazu, dass der „Knigge“ nicht weiter verteilt wurde.

Aber wieso verirren sich so viele Araber ausgerechnet nach Zell am See – und nicht nach Schladming, Davos oder Garmisch?

Diese Nationen verreisen am meisten

Sam macht einen Selfie am Ufer des Sees. Er ist 29 Jahre alt und machte vor wenigen Wochen den Master in Elektrotechnik in Australien. Natürlich hat er einen Job, zuhause in Saudi-Arabien – jeder Saudi hat Arbeit, wenn er will. Aber Sam will noch nicht für den Industriedienstleister arbeiten, bei dem er angeheuert hat, er reist erst einmal quer durch die Alpen. Also auf nach „Selamsi“, wie Araber das Touri-Dorf nennt.

„Ich hörte von Freunden, dass es hier schön sein soll“, sagt er, „und es ist schön.“ Das Wetter sei der Grund, weshalb es so viele Landsleute ausgerechnet hierher verschlägt. Es gebe den See, sei aber nicht so heiß wie am Meer. Umgeben sei er von Bergen, auf denen sogar Schnee liege – für jene, die Abkühlung mögen. Auf der Arabischen Halbinsel liege die Temperatur zurzeit bei 55 Grad im Schatten, sagt Sam: „Ist doch klar, dass wir im Sommer alle abhauen.“

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