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Tauchsieder

Ist Putin der King of the Krim?

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Linke und Rechte verbünden sich gegen "den Westen"

Frau schwenkt Russland-Fähnchen Quelle: dpa

Noch übler sind die Heckenschützen-Invektiven der Linken gegen die USA. Merkel mache sich zum Büttel der Amerikaner, wenn sie im Parallelschwung mit Barack Obama Sanktionen gegen Russland verhänge, sagt der listige Gysi, zumal die USA bei einem Zusammenbruch der Wirtschaftsbeziehungen zwischen "dem Westen" und Russland viel weniger zu verlieren hätten als Europa... - was für ein Unsinn, denn bei dem, was Gysi "Duckmäusertum" nennt, handelt es sich in Wahrheit um die Verteidigung der letzten Reste dessen, wofür Demokraten einmal die schönen Worte der "Wertegemeinschaft" und der "Bündnistreue" zur Verfügung standen. Selbst das Argument von der "Einkreisung" Russlands, vom "Vorrücken" der Nato an die Grenzen von Putins Reich und von der andauernden "Demütigung" einer stolzen Kulturnation durch die EU-Osterweiterung zieht nicht: Denn welches "Russland" wird brüskiert, wenn Polen, Esten, Letten, Litauer und Ukrainer nach mehr Freiheit verlangen und darin "vom Westen" unterstützt werden? Putins Russland? Oder das Russland derer, die sich vor Putin fürchten, deren Opposition er nicht erträgt, die er nicht demonstrieren lässt, die er einsperrt und laufend versucht, mundtot zu machen?

Nein, liebe Linke, die ganze Sache ist ganz einfach: Der Fehler "des Westens" war nicht die "Einkreisung" Russlands, sondern die Kumpanei seiner politischen und wirtschaftlichen Elite mit Russlands Rohstoffplutokratie - das wäre eine ernst zu nehmende Kritik. "Der Westen" ist zu viel auf die Macht und das Geld und das Gas in Russland zugegangen - und zu wenig auf die Russen selbst. Er hat zu freizügig mit dem oligarchischen Staatskapitalismus geschäkert und dabei seine hübsche marktwirtschaftliche Jungfräulichkeit verloren. Aber natürlich, ich vergaß, lieber Gregor Gysi, wenn Vladimir Putin Macht und Geld konzentriert, dann ist das allemal besser als wenn die Deutsche Bank es tut, nicht wahr? Ach, es ist so erbärmlich.

Stattdessen macht man es sich bei den Linken schön gemütlich im Verrechnen der Doppelmoral und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Putin und seine Freunde in Peking und Pyöngyang im Vergleich zu Bill Clinton und Tony Blair und ihren Freunden in Berlin und Paris die kleineren Schurken sind.

Die Wahrheit ist: Die Doppelmoral derer, die Russland jetzt besonders eifrig vor der (zugegebenen) Doppelmoral "des Westens" verteidigen, heißt nicht etwa Doppelmoral, sondern Zynismus. Denn diese Doppelmoral verbiegt nicht nur Zusammenhänge und Argumente - sie verhöhnt auch nachträglich die Kosovaren - und vorsorglich Tartaren, Ukrainer und Russen, die sich, anders als Gysi, sehr gut überlegen müssen, was sie auf den Marktplatz der Meinungen tragen und was nicht.

Noch fürchterlicher als die Linken argumentieren die Rechten von der AfD: Die Quellen ihrer sonderbaren Putin-Freundschaft sind noch entlegener - und noch dürftiger. Offenbar ist der Hass auf den "Euro", die "Vereinigten Staaten von Europa" und die "Brüsseler Regierungswut", auf "Frauen mit Kopftüchern", nicht so "gut integrierte Ausländer" und jede Form von "Vielvölkerstaat", auf einen US-Präsidenten, der Deutsche "wie Terroristen" behandelt, auf eine sozialdemokratische Kanzlerin, die nationale Interessen auf dem Altar der europäischen Freundschaft opfert und ganz allgemein auf universalistisch argumentierende Gutmenschen so groß, dass man sich bei der AfD in die Zeit der Bismarckschen Bündnispolitik zurück wünscht, als man noch von Nation zu Nation sprach, wie echte Männer es mit echten Männern zu tun pflegen: "Wir Deutschen vergessen manchmal, dass Russland die Loslösung des 'heiligen Kiew' nie verwunden hat" und "dass Russland... Preußen vor dem Untergang bewahrt hat".

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