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Abschied vom Gleichgewicht Warum Charles Darwin ein Segen für die Ökonomie ist

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Wie in der Natur: Die Quelle: AP

Als Bünstorf mit seinem Kollegen Steven Klepper erforschte, wie die kleine amerikanische Stadt Akron Anfang des 20. Jahrhunderts zur Hauptstadt der Reifenproduktion aufgestiegen ist, stieß er auf Gesetzmäßigkeiten, die man eigentlich aus der Biologie kennt: Vererbung, Selektion und das Überleben des Stärkeren. Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Akron die drei Reifenhersteller Goodyear, Firestone und Goodrich gegründet. Die aufstrebende Autoindustrie im benachbarten Detroit bescherte den Unternehmen bald ein gutes Geschäft – das lockte neue Firmen aus den ganzen USA an.

Doch die Zugezogenen konnten sich in Akron nicht durchsetzen, obwohl die Zahl der erfolgreichen Reifenhersteller stark anstieg. Sie wurden im Wettbewerb um das Überleben des Stärkeren geschlagen von Unternehmen, die vor Ort gegründet wurden und eine entscheidende Stärke quasi vererbt bekommen hatten: Die meisten erfolgreichen Reifenhersteller waren als sogenannte Spin-offs aus den drei Ursprungsfirmen hervorgegangen und hatten aus ihren Mutterunternehmen wertvolles Fachwissen mitgenommen.

Das brachte ihnen entscheidende Wettbewerbsvorteile. „Erfolgreiche Unternehmen bringen erfolgreiche Spin-offs hervor“ lautete die These, die Ökonom Bünstorf daraus ableitete. Belege dafür fand Bünstorf auch in anderen Branchen, zum Beispiel der deutschen Laser-Industrie.

Biologische Gesetze lassen sich nicht eins zu eins auf die Wirtschaft übertragen

Biologische Begriffe wie „Vererbung“ nehmen Anhänger der evolutorischen Ökonomik aber nur ungern in den Mund. „Die Biologie liefert Inspirationen, aber ihre Gesetze lassen sich nicht einfach eins zu eins auf die Ökonomik übertragen“, sagt Marco Lehmann-Waffenschmidt, der an der Technischen Universität Dresden zur evolutorischen Ökonomik forscht. Auch Ulrich Witt warnt: „Solche Analogien passen nie perfekt.“ Einig sind sich die Evolutionsökonomen aber, dass die Denkmuster aus Biologie und Evolutionstheorie helfen, ökonomische Prozesse besser zu verstehen.

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    Einer der Ersten, die versuchten, mit den Erkenntnissen von Charles Darwin wirtschaftliche Prozesse zu erklären, war Joseph Schumpeter. Er entwarf Anfang des 20. Jahrhunderts eine Theorie des Wettbewerbs zwischen Unternehmen. Auch Schumpeter glaubte nicht an Gleichgewichte, wie sie die neoklassische Ökonomik beschrieb: „Es gibt innerhalb des Wirtschaftssystems eine Energiequelle, die aus sich selbst heraus das Gleichgewicht stört.“

    Diese Energiequelle fand der Forscher in den Forschungsabteilungen der Unternehmen. Laut Schumpeter befinden sich Unternehmen in einem ständigen Wettbewerb um Marktanteile. Wer ein neues Produkt erfindet oder seine Produktionsanlagen effizienter macht, gewinnt Marktanteile und kann andere Unternehmen aus dem Markt drängen.

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