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Corona-Pandemie „Es droht ein neuer Klassenkampf“

Raghuram G. Rajan ist ehemaliger Gouverneur der Reserve Bank of India, Professor für Finanzwissenschaft an der Booth School of Business der Universität Chicago sowie Verfasser des jüngst von ihm erschienenen Buchs The Third Pillar: How Markets and the State Leave the Community Behind. Quelle: REUTERS

In den Industrieländern wird die Corona-Pandemie bald offenbaren, wie viele vor allem junge Menschen ohne Chance auf stabile Arbeitsplätze mit Sozialleistungen in das Prekariat abgerutscht sind. Das könnte sich rächen.

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Unsere Reaktion auf die Covid19-Krise hätte weitaus besser sein können, als dies bisher der Fall war. Die unmittelbare Aufgabe besteht darin, die Ausbreitung des Virus durch umfassende Tests, strenge Quarantäne und soziale Distanzierung zu begrenzen. Die meisten Industrieländer sollten durchaus in der Lage sein, diese Maßnahmen umzusetzen, doch Italien wurde von der Epidemie vollkommen überwältigt – und die Reaktion in den USA war auch nicht gerade vertrauenerweckend.

Vorausschauend ist festzustellen, dass das Coronavirus jederzeit zurückkehren oder sogar eine saisonale Störung werden könnte, wenn es auf globaler Ebene nicht ausgerottet wird. Findet man nicht bald eine wirksame Behandlung (das antivirale Medikament Remdesivir von Gilead erscheint derzeit vielversprechend), werden alle Länder vor der Wahl stehen, sich entweder völlig abzuschotten oder auf eine globale Anstrengung zur Ausrottung des Virus zu drängen. Angesichts der Tatsache, dass Ersteres unmöglich ist, scheint weltweite Kooperation die naheliegendste Lösung zu sein. Das würde allerdings ein derzeit schmerzlich fehlendes Maß an globaler Führerschaft und Kooperation erfordern. Den Vorsitz der G20 hält derzeit Saudi-Arabien, das in interne und externe Streitigkeiten verstrickt ist. Und die Administration unter US-Präsident Donald Trump hat multilaterale Maßnahmen von vornherein abgelehnt.

Von erfahrenen Epidemie-Bekämpfern lernen

Dennoch könnten einige Schlüsselländer viel erreichen, wenn sie sich an die Spitze globaler Anstrengungen stellten. So könnten beispielsweise Länder wie China und Südkorea, die bei der Bekämpfung der Epidemie relativ erfolgreich waren, ihre bewährten Verfahren kommunizieren. Und einzelne Länder, denen es gelungen ist, das Coronavirus unter Kontrolle zu bringen, könnten überzählige Ressourcen in Länder verschicken, die mehr erfahreneres medizinisches Personal, Beatmungsgeräte, Testkits, Atemschutzmasken und dergleichen benötigen.

Darüber hinaus wäre es vielleicht möglich, China und die USA endlich dazu zu bringen, die jüngsten Zollerhöhungen rückgängig zu machen und auf die Androhung neuer Zölle (beispielswese auf Autos) zu verzichten. Eine vorübergehende Senkung der Zölle würde zwar wenig zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Investitionen beitragen, den Handel jedoch zumindest leicht ankurbeln. Darüber hinaus könnte ein Abkommen das Geschäftsklima hinsichtlich der Erholung nach der Pandemie verbessern.

Innerhalb der Länder besteht die unmittelbare - nach der Umsetzung von Maßnahmen zur Eindämmung des Virus – anzugehende Aufgabe darin, diejenigen in der informellen Wirtschaft zu unterstützen, deren Lebensunterhalt durch Quarantäne und soziale Distanzierung gefährdet ist. Bei den wirtschaftlich am stärksten gefährdeten Personen handelt es sich tendenziell auch um diejenigen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Daher sollten die Regierungen diesen Personen – oder, wenn schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen schwer auszumachen sind, allen – zumindest Geldtransfers sowie die Deckung virusbedingter medizinischer Ausgaben anbieten. In ähnlicher Weise sind möglicherweise Stundungen einiger Steuerzahlungen notwendig, um kleinen und mittleren Unternehmen zu helfen. Auch teilweise Kreditgarantien und andere Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Kreditflusses wären hilfreich.

Neue Möglichkeiten für die Ausgegrenzten schaffen

Insbesondere in den Industrieländern wird die Pandemie bald offenbaren, wie viele Menschen in den letzten Jahren in das Prekariat abgeglitten sind. Diese Gruppe umfasst vor allem junge Menschen und solche, die in „rückständigen“ Gegenden leben. Per Definition fehlt es den Angehörigen des Prekariats an Qualifikationen oder Ausbildung, die nötig sind, um an stabile Arbeitsplätze mit Sozialleistungen zu kommen, weswegen sie auch über wenig Einfluss „im System“ verfügen. Geldzahlungen würden ihnen die Botschaft vermitteln, dass sich das System noch immer um sie kümmert. Aber natürlich muss noch viel mehr getan werden, um das soziale Sicherheitsnetz zu erweitern und den wirtschaftlich Ausgegrenzten neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Populistische Parteien und deren Anführer haben die Notlage des Prekariats politisch genutzt, aber ihre Versprechen nicht eingehalten – nicht einmal dort, wo sie tatsächlich an der Macht sind. Die Pandemie könnte auch in diesem Bereich einen Hoffnungsschimmer bieten. Staaten, die etablierte Katastrophenschutzbehörden und Frühwarnsysteme ausgehebelt haben, stellen nun fest, dass sie doch Fachleute und Experten brauchen. Covid19 hat Dilettantismus und Inkompetenz in kürzester Zeit offenbar werden lassen. Lässt man die Fachleute ihre Arbeit tun, könnte man damit einen Teil des verlorenen Vertrauens in das Establishment wiederherstellen.

Auf politischer Ebene wird ein glaubwürdigeres professionelles Establishment die Chance bekommen, vernünftige politische Strategien voranzutreiben, die sich der Probleme des Prekariats annehmen, ohne damit einen Klassenkampf einzuläuten. Allerdings werden sich diese Möglichkeiten nicht endlos bieten. Wenn die Experten daraus kein Kapital schlagen, wird die Pandemie keinerlei positive Auswirkungen haben, sondern nur noch mehr Schrecken, Spaltung, Chaos und Elend verbreiten.

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