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Geistesblitze der Ökonomie (XIV) "Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage"

Das Say’sche Theorem zählt zu den zentralen Lehrsätzen der klassischen Nationalökonomie. Jetzt hat ausgerechnet Frankreichs sozialistischer Staatspräsident François Hollande den liberalen Denker Jean Baptiste Say (1767–1832) für sich entdeckt.

Vordenker: Jean Baptiste Say Quelle: DPA/Picture-Alliance

Viele Journalisten im Festsaal des Pariser Élysée-Palastes denken, sie hören nicht recht. Vor ihnen steht der sozialistische Staatspräsident François Hollande und kündigt niedrigere Unternehmenssteuern, weniger Bürokratie und weniger Staat an. Nach rund zwei desaströsen Amtsjahren will der angeschlagene Präsident in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone einen überfälligen marktwirtschaftlichen Kurswechsel einläuten. Und damit das auch jeder im Saal richtig versteht, fügt er seiner ökonomischen Ruck-Rede das liberale Credo schlechthin hinzu: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage.“

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Diese von Hollande Mitte Januar genutzte Formulierung ist ziemlich alt. Sie ist als Say’sches Theorem in die Geschichte der Volkswirtschaftslehre eingegangen und bringt auf den Punkt, was einst ein anderer, durch und durch liberaler, Franzose niederschrieb. Jean Baptiste Say (1767–1832) hat mit seinem 1803 veröffentlichten Hauptwerk „Traité d’Économie Politique“ eines der Standardwerke angebotsorientierter Wirtschaftspolitik geschaffen. Er gilt damit als ein Vordenker der klassischen Theorie. Says Werk liest sich wie eine einzige Warnung vor falscher Steuerpolitik: Werden Unternehmen zu hoch besteuert, trifft sie das in ihrer Substanz. Bei niedrigen Steuern hingegen könnten Firmen billiger produzieren und setzten mehr Produkte ab.

Ein schlanker Staat mit möglichst niedrigen Steuern? Das muss auf Says Zeitgenossen Anfang des 19. Jahrhunderts radikal und realitätsfremd gewirkt haben. Bis dato stand die Wirtschaft unter dem Einfluss des Merkantilismus, einer von Interventionismus und hohen Staatsausgaben geprägten Wirtschaftsordnung. Doch Say war kein Theoretiker, der sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft verirrt hatte. Er war Nationalökonom, Geschäftsmann – und überdies politisch engagiert. 1767 in der Nähe von Lyon geboren, arbeitet er zunächst als Lehrling im elterlichen Betrieb. Um seine Kaufmannslehre fortzuführen, wird er nach England geschickt, wo die industrielle Revolution gerade Fahrt aufnimmt. Say erkennt die Vorteile des internationalen Handels, er lernt die englische Sprache und Kultur schätzen. Zurück in Paris, fällt ihm das Werk „Wealth of Nations“ des großen Ökonomen Adam Smith in die Hände. Die Lektüre weckt sein Interesse an der Nationalökonomie.

Während der Französischen Revolution sympathisiert Say mit den Republikanern und wird Mitglied des Tribunats, eines Gremiums, das über Gesetzgebung und Verfassung wacht. Unter Napoleon stößt Says liberale Haltung allerdings auf Widerstand, denn seine Forderung nach freiem Handel und niedrigen Steuern widersprechen der Politik des Generals, der auf steigende Staatsausgaben und Konsumsteuern setzt. 1804, dem Jahr, in dem sich Napoleon zum Kaiser wählen lässt, verliert Say sein Amt als Tribun im Ausschuss für öffentliche Finanzen. Er wird Mitunternehmer einer Baumwollmanufaktur.

Doch das Geschäft leidet unter den Lasten der öffentlichen Abgaben. 1819 wird Say Professor und lehrt am Conservatoire des artes et métiers. Bis zu seinem Tod durch Schlaganfall 1832 bleibt er der Lehre treu.

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