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Leistungsbilanzüberschüsse Sturm im Wasserglas

Die Kritik an Deutschlands Exportüberschüssen ist verfehlt. In den nächsten Jahren werden diese im Zuge der demografischen Entwicklung ohnehin schwinden.

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Deutschlands hohen Exportüberschüsse regen erneut eine Diskussion darüber an, wie schädlich die Leistungsbilanzüberschüsse für andere Länder wirklich sind Quelle: dapd

Es ist schon fast ein Ritual. Jedes Mal, wenn amtliche Statistiker oder Forscher aus den Instituten steigende Exportüberschüsse Deutschlands melden, geht die Diskussion los, ob das gut oder schlecht ist. Während Gewerkschaften und internationale Organisationen den deutschen Unternehmen vorwerfen,  sich durch Lohndrückerei Wettbewerbsvorteile zu verschaffen und ausländische Unternehmen vom Weltmarkt zu verdrängen, verteidigt die deutsche Wirtschaft die hohen Exportüberschüsse als Ausweis der hohen Qualität deutscher Produkte und der außerordentlichen Leistungsfähigkeit der Unternehmen.

Nun geben Schätzungen des Münchner ifo Instituts, denen zufolge der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz in diesem Jahr auf knapp 160 Milliarden Euro steigen könnte, Anlass zur Aufregung.  Der Positivsaldo beliefe sich damit auf mehr als sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und könnte in Brüssel auf weitere Kritik stoßen. Denn die EU-Kommission untersucht im Rahmen ihrer Berichte zu makroökonomischen Ungleichgewichten, ob die Leistungsbilanzsalden der Euro-Länder aus dem Ruder laufen. Dabei sieht sie die kritische Marke für Überschüsse bei sechs Prozent des BIP, für Defizite hat sie diese auf 4 Prozent taxiert.

Welche Folgen haben die Überschüsse?

Wie schädlich aber sind die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse beziehungsweise die Defizite anderer Länder wirklich? Die Leistungsbilanz eines Landes setzt sich aus 4 Teilbilanzen zusammen: Die Handelsbilanz misst den Export und Import von Waren, die Dienstleistungsbilanz erfasst den grenzüberschreitenden Verkehr von Dienstleistungen, die Bilanz der laufenden Übertragungen umfasst die Transfers zwischen In- und Ausland wie etwa die Überweisungen von Gastarbeitern und die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen misst die Zu- und Abflüsse von Kapitalerträgen sowie die  Pendlereinkommen.

Ökonomisch entspricht der Saldo der Leistungsbilanz dem Saldo zwischen Ersparnissen und Investitionen eines Landes. Spart ein Land mehr als es investiert, weist es einen Überschuss der Exporte gegenüber den Importen, also einen Leistungsbilanzüberschuss aus. Die durch den Exportüberschuss erwirtschafteten Einkommen werden als Ersparnis im Ausland angelegt. Dieser  Kapitalexport treibt die Kapitalbilanz ins Defizit. Umgekehrt gilt für ein Land mit einem Überschuss der Investitionen gegenüber den Ersparnissen, das es ein Defizit in der Leistungsbilanz hat. Dieses muss  durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland finanziert werden. Das Land weist dann einen Überschuss in der Kapitalbilanz aus.  

Derartige Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen sind nicht per se schlecht. So kann ein weniger entwickeltes Land darauf angewiesen sein, Maschinen und Anlagen aus einem Land wie Deutschland zu importieren, um damit eine eigene wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen, die später Waren exportiert. Den anfänglichen Defiziten folgen dann im Laufe der Zeit Überschüsse in der Leistungsbilanz.

Problematischer Import

Die Top-Exporteure der Welt
The Royal Navy's Triton Warship Demonstrator (L) is moored next to HMS Belfast at London's Tower Bridge Quelle: REUTERS
A view of the new shiny spheres of the Atomium in Brussels Quelle: AP
The ancient Colosseum is seen during an heavy snowfalls Quelle: Reuters
Südkoreanische Flagge Quelle: dpa
Amsterdam's canals Quelle: dapd
A motorcyclist makes his way in the traffic jam on the Champs Elysee avenue Quelle: AP
A woman looks through products at a drug store in Tokyo Quelle: REUTERS

Problematisch sind hingegen Defizite, die vornehmlich auf dem Import von Konsumgütern beruhen. Da mit diesen kein Kapitalstock aufgebaut wird, tragen sich nichts dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes zu verbessern und so später Exportüberschüsse zu erzielen. So haben die Krisenländer der Euro-Zone, angefeuert von den niedrigen Zinsen der EZB, in den vergangenen Jahren auf Pump konsumiert. Der Importsog trieb ihre Leistungsbilanzen in die roten Zahlen, eine exportfähige Industrie aber haben sie nicht aufgebaut.

Es ist daher hanebüchen, Deutschland vorzuwerfen, es habe sich durch Lohndumping Wettbewerbsvorteile gegenüber den anderen Ländern der Euro-Zone erschlichen. Deutschlands Exportüberschüsse haben andere Ursachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die D-Mark im Festkurssystem von Bretton Woods jahrzehntelang unterbewertet. Im Exportgeschäft lockten daher hohe Gewinne. Das hat dazu geführt, dass die volkswirtschaftlichen Ressourcen (Arbeit, Boden und Kapital) vornehmlich in den Exportsektor geflossen sind. Die Pfadabhängigkeiten dieser Entwicklung wirken bis heute nach. Wer als Unternehmer im Exportgeschäft Fuß gefasst hat, hat Fähigkeiten entwickelt, die es ihm erlauben, Marktanteile zu halten, auch wenn die Währung aufwertet.

Die Probleme der deutschen Sparsamkeit

Dazu kommt, dass die deutsche Bevölkerung altert. Die noch Aktiven müssen vermehrt sparen, weil die umlagefinanzierte Rente nicht reichen wird, um den Lebensstandard im Alter zu halten. Der Sparüberschuss spiegelt sich im Positivsaldo der Leistungsbilanz wider. Wer den Deutschen jahrelang predigt, sie sollen mehr fürs Alter vorsorgen und Riesterrenten abschließen, darf sich nicht über die Überschüsse in der Leistungsbilanz beschweren.

Konjunktur



In den nächsten Jahren wird Deutschland von seinen Exportüberschüssen Abschied nehmen müssen. Denn die  Alten werden ihre Ersparnisse auflösen, aus Überschüssen werden dann Defizite in der Leistungsbilanz. Überspitzt formuliert:  Die Deutschen werden bald ihre im In- und Ausland angelegten Ersparnisse auflösen, um Rollatoren und Hüftgelenke zu importieren, die deutsche Unternehmen im Ausland produzieren, weil ihnen in Deutschland die dafür nötigen jungen Arbeitskräfte fehlen. Mal sehen, ob Deutschland dafür dann auch noch kritisiert wird.

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