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Neuer Wohlstand Brasiliens Konsumrausch stützt den Boom

Der starke Real bremst Brasiliens Konjunktur. Doch bisher erweist sich der lokale Konsum der neuen Mittelschichten als erstaunlich krisenstabil und gleicht das Minus aus. Deutsche Konzerne profitieren überdurchschnittlich als Zulieferer des Booms.

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Der Boom in Brasilien wird vor allem durch den privaten Konsum getragen Quelle: Getty Images

Restaurants, Shopping-Center, Flughäfen, Hotels – schwierig, wer dieser Tage in Brasilien essen gehen, einkaufen oder verreisen will. Es ist nicht einfach einen freien Tisch zu bekommen oder ein Flugticket zu einem halbwegs vernünftigen Preis. Die Shopping-Center sind auch vor dem Weihnachtsgeschäft meist schon rappelvoll, und wer in Rio de Janeiro ein Hotelzimmer buchen will, muss lange suchen oder direkt tief in die Tasche greifen. Die Tourneen ausländischer Stars von Eric Clapton bis Justin Bieber sind ausgebucht – obwohl die Eintrittskarten deutlich mehr kosten als in Europa oder den USA. Es ist eindeutig: Von der weltweiten Wirtschafkrise ist in Brasilien wenig zu spüren. Die 190 Millionen Brasilianer konsumieren frohgemut als gäbe es kein Morgen – und sie stabilisieren damit die Konjunktur in Brasilien.

Stagniert das Wachstum?

Dennoch haben sich auch in Brasilien die Konjunkturerwartungen seit der Jahresmitte deutlich verschlechtert. Von der Wachstumsrate von 7,5 Prozent im vergangenen Jahr entfernt sich die größte Ökonomie Lateinamerikas immer weiter: Nilson Teixeira der Chefökonom von Credit Suisse in Brasilien befürchtet, dass Brasiliens Bruttoinlandsprodukt (BIP) dieses Jahr sogar weniger als drei Prozent zulegen und auch nächstes Jahr nur um 2,2 Prozent steigen könnte. Nach einer Umfrage der Zentralbank rechnen die meisten Investmentbanken mit einem Wachstum von 3,5 Prozent für das Jahr 2011. Der Internationale Währungsfonds IWF erwartet, dass Brasilien 2012 in Südamerika mit einem Wachstum von 3,6 Prozent das Schlusslicht bilden wird.

Dennoch sind die meisten Ökonomen derzeit vorsichtig mit Prognosen: Einig sind sie zwar, dass vor allem die Industrie nur schwach wachsen wird. Der anhaltende Konsum der Brasilianer, die Rohstoffexporte und die ausländischen Direktinvestitionen gleichen jedoch die schrumpfende Produktion des verarbeitenden Gewerbes teilweise aus. Doch wie stark – das ist bisher schlecht einzuschätzen.

Doch im Einzelnen: Es ist vor allem der starke Real, der die Industrie unter Druck bringt, denn bis vor kurzem gehörte der brasilianische Real mit einer Aufwertung von rund 50 Prozent zu den Währungen, die seit 2008 weltweit am stärksten gegenüber dem Dollar an Wert zulegten. Der Real hat im September erstmals leicht verloren, ist aber immer noch hoch bewertet. Deshalb haben brasilianische Industriekonzerne Schwierigkeiten mit ihren überteuerten Produkten im Export. Aber auch auf dem Binnenmarkt verlieren sie Marktanteile durch einströmende Importe, die der teure Real für Brasiliens Unternehmen vergleichsweise billig macht.

Der Handel mit der EU erreicht Rekordniveau

Das Volkswagen-Werk im brasilianischen Anchieta, bei Sao Paulo. Rund 3,4 Milliarden Euro will der deutsche Autobauer Volkswagen bis 2016 in seine brasilianischen Werke investieren. Quelle: dpa

Deshalb konnte die Autolobby – allen voran Volkswagen und Fiat – gegenüber der Regierung eine Erhöhung der Einführzölle für Importautos in Höhe von 30 Prozent durchsetzen. Die einheimischen Hersteller hatten zuvor rasant Marktanteile verloren, vor allem gegenüber den Importautos aus Korea und China, die bisher kaum im Land produzieren. "Dennoch wäre es falsch, das schwache Industriewachstum durch den starken Real nun einfach in die Zukunft fortzuschreiben", warnt Arthur Carvalho von Morgan Stanley. Denn einerseits sind die Investitionen seit Jahresmitte wieder angestiegen. Ein Indiz dafür sind die seit August sinkenden Stahlvorräte der Händler und Unternehmen. Große Infrastrukturprojekte im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft laufen zwar verspätet, aber dafür jetzt mit Hochdruck an. Auch der Handel zwischen der EU und Brasilien wird dieses Jahr ein historisches Rekordvolumen erreichen: Mit einem Warenaustausch in Höhe 100 Milliarden Dollar rechnet die Botschaft Brasiliens in Brüssel für dieses Jahr. Das sind 25 Prozent mehr als im Vorjahr.

Gleichzeitig hat die Zentralbank mit der überraschenden Zinssenkung von Ende August klar gemacht, dass sie diesmal nicht wie 2008 abwarten will, bis eine weltweite Rezession die Nachfrage auch in Brasilien kappt. In inzwischen zwei Zinsschritten hat die Geldbehörde den Leitzins auf 11,5 Prozent gesenkt, um der Konjunktureintrübung etwas entgegen zu setzen. Die Maßnahmen zeigten unmittelbar deutliche Wirkung: Der Real hat bereits im September fast 13 Prozent gegenüber dem Dollar verloren, was die Industrie zu neuem Wachstum verhelfen dürfte.

Stärken und Schwächen der BRIC-Staaten
Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China Quelle: REUTERS
Leute shoppen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien Quelle: dapd
Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos Quelle: dpa
Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein. Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion. Quelle: dapd
Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien. Quelle: AP
Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China. Quelle: REUTERS
Im Bild: Ein Eierverkaufsstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz. Quelle: REUTERS

Die Übernahme brasilianischer Konzerne durch ausländische Unternehmen wächst

Zudem profitiert die brasilianische Wirtschaft durch anhaltend hohe Direktinvestitionen. 75 Milliarden Dollar haben Investoren in den letzten zwölf Monaten nach Brasilien geschickt, um damit Akquisitionen, Fusionen oder den Bau ganz neuer Fabriken zu finanzieren. Das ist der höchste Zufluss seit zehn Jahren. Nach einer Untersuchung des Wirtschaftsprüfers KPMG hat sich die Zahl der Übernahmen brasilianischer Konzerne durch ausländische Unternehmen seit 2009 verdoppelt. Im ersten Halbjahr hat nirgendwo sonst weltweit die Zahl der Übernahmen von Unternehmen aus den Industrieländern weltweit so stark zugelegt wie in Brasilien.

Die hohe Inflation ist ein Problem

Tausende VW Minivans im Volkswagenwerk in São Paulo Quelle: AP

"Alle Multis weltweit lockt derzeit der große Binnenmarkt Brasiliens an", sagt Alfredo Valladão, Präsident der Europa-Brasilien-Boards. Das gilt sowohl für Hersteller von Konsumprodukten als auch von Investitionsgütern sowie die Zulieferer für die Branchen. Denn Brasilien ist mit seinen 190 Millionen Einwohnern und seinem breit aufgestellten Industrie- und Dienstleistungssektor für viele Firmen einer der wichtigsten Absatzmärkte weltweit – weit größer, als es Brasiliens Bedeutung im Welthandel vermuten lässt. Denn trotz der im Vergleich mit Indien und China bescheidenen Wachstumsraten, ist Brasiliens Markt interessant wegen des hohen Pro-Kopf-Einkommens der Brasilianer. Es ist mit rund 13.000 Dollar etwa doppelt so hoch wie das der Chinesen und zehnmal höher als das der Inder.

Deutsche Unternehmen sind in Brasilien besonders dazu prädestiniert, vom anhaltenden Konsumboom zu profitieren. "In Brasilien besitzen deutsche Konzerne wie nirgendwo sonst auf der Welt Schlüsselpositionen in der Industrie", sagt Peter Rösler vom Lateinamerika Verein in Hamburg. Sie haben mehr in Automobilbau, Chemie, Pharmazie, Elektrotechnik und Maschinenbau investiert als in China. 1200 Konzerne mit deutscher Beteiligung gibt es in Brasilien. São Paulo gilt als die größte deutsche Industriestadt weltweit.

Neues Inflationsrisiko

Zwar haben Regierung und Zentralbank ihr Ziel erreicht, die weitere Aufwertung des Real zu stoppen. Die Frage ist jedoch, wie hoch die Kosten dafür noch werden: Denn die Inflation hat mit akkumuliert 7,3 Prozent auf die vergangenen zwölf Monate einen neuen Spitzenwert der vergangenen sechs Jahre erreicht. Einige Investmentbanken wie Itaú Unibanco schätzen, dass der Gipfel der Geldentwertung erreicht sein könnte. Aber selbst die optimistische Zentralbank erwartet, dass ihr Inflationsziel von 4,5 Prozent erst Ende nächsten Jahres erreicht wird. Zentralbankpräsident Alexandre Tombini hat weitere leichte Zinssenkungen angekündigt und rechtfertigt diese mit der sich verschärfenden Weltwirtschaftskrise.

Die Folgen der wachsenden Inflation sind jetzt bereits schmerzlich zu spüren: Die Anzahl der Streiks nehmen in Brasilien zu. Die Post und die Bankangestellten legten über Wochen ihre Arbeit nieder. Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften wächst weiter, angesichts einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote von sechs Prozent und rund 100.000 neuen Jobs, die jeden Monat netto neu hinzu kommen. Die für Januar 2012 festgesetzten Mindestlohnerhöhungen von 14 Prozent werden die Teuerung zusätzlich vorantreiben.

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