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Blick hinter die Zahlen #65 – Bildung Das digitale Bildungsdesaster

Kinder haben Priorität, hieß es nach dem ersten Lockdown. Doch auch fünfzehn Monate nach Pandemiebeginn kommt die Digitalisierung der Schulen kaum voran, wie etwa das Beispiel fehlender Tablets und Computer zeigt.

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Unter Berliner Eltern macht sich derzeit Bitterkeit breit: Touristen dürfen die Hotels der Hauptstadt offenbar früher besuchen als Kinder ihre Schulen. Bis zum Beginn der Sommerferien am 24. Juni sollen sie im Wechselunterricht bleiben, kündigte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) vergangene Woche an. Denn es sei „einiges zu organisieren“, um vollständigen Präsenzbetrieb zu ermöglichen. Auch deshalb soll’s erst nach den Ferien im August wieder losgehen mit dem regulären Unterricht.

Warum diese Vorbereitungen nicht längst getroffen worden sind, ließ Müller offen – und brach damit zugleich das Versprechen, das von zahlreichen Regierungsmitgliedern in gegeben worden ist. Auch von der Kanzlerin selbst.

„Wir setzen alles daran, Kitas und Schulen als erstes wieder öffnen zu können, um den Kindern ein Stück ihres gewohnten Alltags wiederzugeben und um Familien zu entlasten“, sagte Angela Merkel (CDU) Ende Januar. Inzwischen sind nicht nur die Baumärkte auf, sondern auch die Außengastronomie, der Einzelhandel und in einigen Ländern auch Hotels. Kinder müssen dagegen weiter warten auf ihren normalen Unterricht.



Wie groß jedoch der Aufholbedarf nach mehr als einem Jahr Homeschooling ist, zeigt die Studie des Münchner ifo-Instituts. Nur 4,3 Stunden haben sich Deutschlands Schulkinder demnach täglich im Schnitt mit schulischen Aktivitäten im jüngsten Lockdown Anfang des Jahres beschäftigt. Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als während der ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020 – aber immer noch drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor Corona.

„Die Coronakrise ist eine extreme Belastung für die Lernentwicklung und die soziale Situation vieler Kinder“, erklärt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, der mit seinem Team 2122 Eltern für die Studie befragt hat. „Besonders bedenklich“ findet er es, dass sich sogar mehr als jedes fünfte Kind (23 Prozent) nicht mehr als zwei Stunden pro Tag mit Schule beschäftigte.



Statt mit Mathe verbrachten die Schulkinder ihre Zeit lieber mit Mattscheiben: 4,6 Stunden saßen sie täglich vorm Fernseher, Computer und Handy. Das sind zwar 0,6 Stunden weniger im Vergleich zu den ersten Schulschließungen im Frühjahr, als diese passiven Aktivitäten sogar 5,2 Stunden pro Tag ausmachten – aber immer noch einen Anstieg um 0,6 Stunden im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit, heißt es in der Studie.

Dabei hatten Bund und Länder eigentlich verhindern wollen, dass Kinder im Homeschooling regelrecht abgehängt werden. Mit „Sofortprogrammen“ wurde der 2019 beschlossene und fünf Milliarden Euro umfassende „Digitalpakt Schule“ um 1,5 Milliarden Euro aufgestockt. Doch in der Praxis genutzt wird dieser gewünschte Bildungs-Booster bisher offensichtlich kaum.

500 Millionen Euro gibt es etwa für Tablets und Computer, damit Schülerinnen und Schüler unabhängig von der finanziellen und technischen Ausstattung im Elternhaus am Online-Unterricht teilnehmen können – doch „sofort“ ist offensichtlich ein dehnbarer Begriff, wie die Antwort des Bildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion von Anfang Mai zeigt.

Demnach sind aus dem 500-Millionen-Euro-Budget zum Stichtag 31. Dezember – dem aktuellsten verfügbaren Datum – bisher erst 40.930 Geräte über das Programm von den Ländern angeschafft worden. Insgesamt. Bundesweit. Für rund 11 Millionen Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen.



Nur vier Länder haben laut BMBF, das auf „vorläufige Angaben verweist“, überhaupt Geräte angeschafft: Sachsen führt demnach mit 21.524 Tablets und Laptops, gefolgt von Niedersachsen (16.176 Geräte), Hessen (2.368) und Nordrhein-Westfalen, wo 862 angeschaffte Geräte auf 2,49 Millionen Schülerinnen und Schüler kommen. Die übrigen 12 Länder gaben laut BMBF als Bestellgröße „0“ an – „sofort“ geht anders.

Weitere 500 Millionen Euro aus dem vermeintlichen Turbo-Programm stehen seit November 2020 bereit, damit Schulen IT-Administratorinnen und -Administratoren einstellen und ihre digitale Technik verbessern können. Doch von den Ländern sind zum Stichtag 31. Dezember „bisher weder Mittel abgerufen noch gebunden“ worden, teilt das BMBF mit.

Noch langsamer geht es voran beim „Sofortprogramm“ für die Lehrerinnen und Lehrer: Auch für sie stehen 500 Millionen bereit, um Laptops anzuschaffen. Doch die Länder unterzeichneten die dafür notwendige Zusatzvereinbarung erst am 28. Januar 2021 – obwohl der Koalitionsbeschluss bereits im Sommer 2020 gefasst worden ist. Wie viele Mittel aus diesem Programm abgerufen worden sind, weiß die Regierung deshalb bisher nicht, erklärt das BMBF. Erst zum nächsten Stichtag am 31. Juni würden Zahlen vorliegen.

Dieses Schneckentempo bei den „Sofortprogrammen“ spiegelt nur das Desaster beim übergeordneten „Digitalpakt Schule“ wieder: 2019 wurde er von Bund und Ländern verabschiedet, mit fünf Milliarden Euro bis 2024 ausgestattet, doch es geht auch hier nur schleppend voran. Erst fünf Länder konnten laut BMBF zum Stichtag Ende Dezember über vollständig abgeschlossene Maßnahmen berichten.



Berlin führt dabei mit 75 abgeschlossenen Maßnahmen, für die rund 43.000 Euro Bundesmittel abgeflossen sind. Nach Höhe der Ausgaben führt wiederum Baden-Württemberg mit rund 2,6 Millionen Euro an Bundesmitteln für 61 Maßnahmen. Insgesamt wurden laut BMBF nur rund 7,2 Millionen Euro für abgeschlossene Maßnahmen abgerufen, das sind 0,14 Prozent von den eingeplanten fünf Milliarden Euro – und sogar nur 0,11 Prozent, wenn die zusätzlichen 1,5 Milliarden Euro aus dem „Sofortprogramm“ dazugerechnet werden.

„Wenn es bei diesem Tempo bleibt, werden bis zum Ende des DigitalPakt Schule 0,5 Prozent der Mittel ausgegeben sein“, kritisiert Birke Bull-Bischoff, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion und selbst ausgebildete Lehrerin: „Die ,Projekteritis‘ der Bundesregierung in Sachen digitale Bildung muss ein Ende haben“, fordert sie. Bundesministerin Anja Karliczek (CDU) habe nach eineinhalb Jahren DigitalPakt „immer noch keine Idee, wie digitale Bildung dauerhaft finanziert werden muss. Wir brauchen eine gemeinsame Lösung und keinen Flickenteppich von 16 Ländern“, erklärt Bull-Bischoff. Bildungsgerechtigkeit müsse deshalb bundesweit geregelt werden. „Bildungserfolg darf nicht davon abhängen, in welchem Land junge Leute lernen.“



Dabei wird aus den öffentlichen Haushalten zunehmend mehr Geld ausgegeben für die Ausbildung an öffentlichen Schulen. 8200 Euro waren es 2019 pro Schülerin oder Schüler, das sind fast 2000 Euro mehr als zwei Jahre zu vor, wie die Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen.

Mit dem Digitalpakt sind die Mittel zwar nun erheblich aufgestockt worden – doch der schleppende Abruf und der Aufholbedarf nach einem Jahr Homeschooling zeigen, dass es für kluge Köpfe mehr als Kohle braucht.

Mehr zum Thema: Mit zwei Milliarden Euro vom Bund sollen Schüler Lernrückstände aus der Pandemiezeit aufarbeiten, auch mit Ferienprogrammen. Doch Länder und Fachleute beklagen viele offene Fragen. Schule in Coronazeiten: Die selbst ernannte „Bildungsrepublik“ – ein Armutszeugnis

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