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Die Woche im Netz

Was Tschisi mit Lobbyplag zu tun hat

Von nun an wollen wir einmal in der Woche auf Phänomene, Hypes und wichtige Entwicklungen im Internet zurückblicken. Worüber es sich nachzudenken lohnt.

Eskimo Eistafel Quelle: Unilever Austria/Eskimo

Wenn Sie nicht unbedingt Österreicher sind, dann werden sie das Eis, das dort derzeit für Furore sorgt, vermutlich nicht kennen. Und mit der Nachricht: "Tschisi kommt zurück" wohl auch nicht sonderlich viel anfangen können. Aber es ist so. Tschisi kommt zurück und 84.109 Österreicher sind nun verdammt glücklich. Wie ich auf die Zahl 84.109 komme? Nun, so viele Anhänger hat die Facebook-Seite "Wir wollen das Tschisi-Eis zurück" gefunden. Die Seite entstand im Herbst 2012 aufgrund der Wette des österreichischen Radiojournalisten Peter Brandlmayr. Laut Standard wettete er, dass die Facebook-Seite 100.000 Fans gewinnen werde.

Bisher ist ihm das zwar nicht gelungen, dafür aber hat er erreicht, dass Eskimo, das österreichische Langnese, das Eis zurück in die Läden bringt. Fast rührig liest sich das Statement der Firma: "Ihr seid wirklich eine unglaublich tolle Fangemeinde! Wir sagen VIELEN DANK für euren unermüdlichen großartigen Einsatz und eure Hartnäckigkeit!" Das Eis war 1990 auf den Markt gekommen und war 1999 eingestellt worden. Grund: zu geringe Nachfrage. Nun wird das Eis zwar nicht mehr die gewohnten Löcher haben, aber immerhin kommt es und die Fans können sich freuen. Mission accomplished - ein Liebessturm sozusagen.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Eissorte auf den Markt zurück kommt - vor etwa sieben Jahren gelang dies StudiVZ-Usern in Deutschland mit der Eissorte NoggerChoc.Und natürlich gibt es auch weitaus wichtigere Dinge, die durch die Möglichkeiten des Internets bzw. im speziellen soziale Netzwerke erreicht worden sind. Der Wahlsieg von Obama, die arabische Revolution, Schummeleien in Doktorarbeiten, die nun zum wiederholten Male zu Ministerrücktritten geführt haben und so weiter - kennen Sie alles, muss ich nicht ausführen.

Die Macher von Lobbyplag vergleichen Texte von Lobbyisten mit fertigen Gesetzestexten. Foto: Maurizio Gambarini/dpa Quelle: dpa

Doch kann eine Internetseite auch ein seit Jahrhunderten gelerntes Vorgehen verändern? Also zum Beispiel die Art und Weise, wie Gesetze entstehen. Am Sonntag ging Lobbyplag online. In Analogie zu Guttenplag, Vroniplag und all den anderen Internetseiten, die die Recherche nach Plagiaten in Doktorarbeiten erleichtern sollten, geht es hier darum, Gesetzesvorlagen auf den Einfluss von Lobbyisten zu durchforsten.

Lobbyplag startete mit den Vorlagen zu der Richtlinie zum EU-Datenschutz und das Ergebnis mutet durchaus erschreckend an. Amazon, Ebay, Microsoft, Google und Co. scheinen sich in den bisherigen Dokumenten ordentlich verewigt zu haben. Auf der Plattform wird öffentlich dargelegt, welche Abschnitte aus den Vorlagen von Unternehmen und Lobby-Organisationen in den Vorlagen übernommen wurden und von wem.

Aldi verkauft "Paris"-Raketen
Werbe-Patzer vor Silvester: Aldi Süd verkauft ein 105-teiliges Feuerwerks-Paket mit "7 Brilliant-Bomben-Raketen" und "fetzigen Knallfröschen" unter dem Namen "Paris". Viele Kunden sind erzürnt. Zu sehr fühlen sie sich an die zwei Terrorserien in der französischen Hauptstadt erinnert, die in diesem Jahr mehr als 140 Menschen das Leben kosteten. Der Name sei "peinlich" und "geschmacklos", heißt es in den Sozialen Netzwerken. "Das nenn ich nen Totalausfall der Marketingabteilung", schreibt ein Twitter-Nutzer. Discounter Aldi, der auch Feuerwerks-Körper mit Namen wie Kapstadt und "Palermo" im Angebot hat, erklärt den Fauxpas mit den langen Bestell- und Produktionsvorläufen. "Bitte seien Sie versichert, dass es nicht unsere Absicht war, unsere Feuerwerkskörper mit den Anschlägen von Paris in Verbindung zu bringen", antwortet der Discounter verärgerten Facebook-Nutzern. "Unsere Silvesterpakete werden bereits weit im Voraus gekauft und geplant, sodass eine Reaktion auf aktuelle Ereignisse leider nicht möglich ist." Auch andere große Unternehmen haben sich mit Werbe-Schnitzern schon den Unmut ihrer Kunden zugezogen.
Die Modekette Sinn Leffers bot ein Shirt an, auf dem ein sexistischer Spruch prangt: "Twinkle, twinkle, little whore - close your legs, they're not a door". "Blinzel, blinzel, kleine Hure - schließe deine Beine, sie sind keine Tür". Das T-Shirt stammt vom französischen Anbieter Boom Bap, der für provokante Sprüche bekannt ist. In den sozialen Netzwerken entlud sich ein Shitstorm. Mittlerweile hat das Unternehmen reagiert und sich entschuldigt. Die T-Shirts wurden aus dem Sortiment genommen. Insgesamt haben wohl 500 Shirts in 30 Filialen im Regal gelegen - auch beim Mutterunternehmen Wöhrl. Quelle: Screenshot
"Dreifarbige Sklaven-Sandalen" bot die Modekette Zara in ihrem Online-Shop an - und erntete sogleich Protest und Spott. In den sozialen Netzwerken verbreiteten sich schnell Bilder des Angebots. "Die Hakenkreuze waren wohl nicht genug", twitterte etwa Userin Ronja M. Das Unternehmen spricht von einem "Übersetzungsfehler" - worin dieser bestehen soll, wurde allerdings nicht erklärt. Zara nahm die Schuhe inzwischen aus dem Sortiment. Quelle: Screenshot
Auf den Spott musste die Modekette Mango angesichts dieses " Chiffonhemds mit Blitzmuster", wie die Bluse im Prospekt heißt, nicht lange warten. Die Frage "Wehrmacht denn sowas?" scheint nicht ganz unberechtigt, erinnern die "Blitze" doch sehr stark an die Sig-Runen des SS-Emblems. Immerhin hat Mango das Doppel-S vermieden, die Frage nach dem "totalen Look" war dennoch unvermeidlich und auch nicht ganz daneben: Mango selbst bietet auf seiner Website ein Pombipaket mit Hose und Stiefel an – beworben mit dem Spruch "Wollt ihr den Total Look".Bekannt zynisch meldete sich auch der Satiriker und Europaabgeordneter Martin Sonneborn auf Facebook zu Wort: "Wieso hat Mango dieses Modell nur für Damen – es gibt doch auch männliche Nazis…?" Quelle: Screenshot
Damit frau zu Halloween in sexy Kostüme passt, sollte sie Sandwiches der Fast-Food-Kette Subway essen. Mit diesem neuen Werbespot ( hier geht es zum Video auf Youtube) setzte sich die Sandwich-Bude gehörig in die Nesseln. Im Internet hagelt es Kritik an der Botschaft, dass Frauen dünn und aufreizend gekleidet zu sein hätten. Auch die Werbebotschaft, mit den Weißbrot-Sandwiches abnehmen zu können, sorgt für Beschwerden. Quelle: Screenshot
"Butter zum Braten von Schweizern" gibt es dank einer Übersetzungspanne bei der Schweizer Supermarktkette Migros zu kaufen. Auf ihrem Produkt „Schweizer Bratbutter“ heißt es im italienischen Untertitel „Burro per arrostire Svizzeri“. Das bedeutet: „Butter zum Braten von Schweizern“. „Das ist peinlich und unfreiwillig komisch zugleich“, sagte Migros-Sprecherin Martina Bosshard. Es handele sich um einem „blöden Übersetzungsfehler“. Das Produkt sei seit zwei Wochen auf dem Markt, seitdem sei auch der Fehler bekannt. Mitarbeiter im italienischsprachigen Kanton Tessin hätten das Missgeschick beim Auspacken bemerkt. Man habe daraufhin sofort mit der Produktion neuer Packungen begonnen. Weil das Produkt selbst aber einwandfrei sein, verkaufe man zunächst noch die Ware in der alten Verpackung ab. Quelle: Screenshot
Das Verteidigungsministerium hat eine Werbekampagne für Frauen in der Bundeswehr nach einer Panne abgebrochen. Auf der Internetseite war eine Werbung für „Zewa wisch & weg“-Haushaltstücher mit der Unterzeile aufgetaucht: „So vielfältig wie Sie: Individuelle Karrieremöglichkeiten für Frauen bei der Bundeswehr.“ Die Seite war von einer vom Bundesamt für das Personalwesen der Bundeswehr beauftragten Werbeagentur erstellt worden. Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums erklärte, dass die Kampagne bis auf weiteres gestoppt wurde. „Sollten sich erste Angaben erhärten, dass ein Programmierfehler der vom Bundesamt beauftragten Agentur Ursache für die irrtümliche Verbreitung des „Zewa-Bildes“ und die sich anschließende rufschädigende Diskussion war, behält sich das Ministerium rechtliche Schritte vor“, erklärte sie. Über den Stopp der Kampagne hatte zuerst der verteidigungspolitische Blog „Augen geradeaus!“ berichtet. Quelle: dpa

Kein Wunder also, dass derzeit heftig diskutiert wird: Wie groß ist der Einfluss von Lobbyisten? Und ist dieser Einfluss schlecht? Sorgt der Schritt in die Transparenz dafür, dass Gesetzestexte nun sorgfältiger geprüft, Quellen offengelegt werden oder werden Lobbyisten in Zukunft noch gewiefter vorgehen, um ihre Interessen durchzusetzen?

Die Mitarbeit bei Lobbyplag ist nicht ganz so einfach wie das Liken einer Facebookseite, die eine Eissorte zurückbringen soll. Damit das einfacher wird, versuchen die Macher hinter Lobbyplag, die Journalisten Marco Maas, Richard Gutjahr und Max Schrems von Europe vs. Facebook, übrigens gerade ein wenig Geld aufzutreiben und setzen dabei - Sie ahnen es bereits - ebenfalls auf die Crowd. Doch seien es Eissorten - Grünofant, Brauner Bär und Dolomiti scheinen da untergegangene Sorten mit einem gewissen Potenzial an Wiederauferstehung zu sein, Politiker - die Facebookseite "Wir wollen Guttenberg zurück" zählt bereits heute 468.000 Fans - oder Wirtschaftsskandale, die es aufzudecken gilt: Veränderung ist möglich.  Sie müssen sich ja nicht unbedingt das Siemens-Handy S45 aus dem Jahr 2001 zurückwünschen.   

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Offenlegung: Die Autorin dieses Textes talkt gemeinsam mit Richard Gutjahr, einem der Journalisten hinter Lobbyplag, und ein paar anderen Köpfen aus dem Internet jeden Montag im "Digitale Quartett".

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