Lenovo-Chef Yang Yuanqing: „Nach dem Sommer wird sich die Chipkrise entspannen“
Unter Führung von CEO Yang Yuanqing hat der chinesische IT-Konzern Lenovo unter anderem IBMs PC-Sparte und das Mobilfunkgeschäft von Motorola gekauft.
Foto: LenovoYang Yuanquing, 57, stieß 1989 zum damals noch als Legend Group firmierenden Elektronikhersteller Lenovo. 2004 wurde der Informatiker Yang zum Vorstandschef berufen. Unter seiner Ägide übernahm Lenovo 2005 die PC-Sparte von IBM und 2014 das Mobilfunkgeschäft von Motorola.
WirtschaftsWoche: Herr Yang, ist Lenovo eigentlich ein Krisengewinner in der Coronapandemie?
Yang Yuanquing: Die Frage hat mir noch niemand gestellt. Wie kommen Sie darauf?
Lenovo ist seit Jahren einer der größten PC-Hersteller weltweit. Aber in einem Markt, in dem Smartphones den Desktops und Notebooks immer stärker den Rang abgelaufen haben. Der weltweite Rechnerabsatz schrumpfte seit 2011 um ein knappes Drittel auf nur noch knapp 260 Millionen Stück. Bis Corona kam …
… und die Verkaufszahlen Dank der plötzlichen Zusatznachfrage fast wieder die alten Absatzrekorde erreicht haben. Das hat der ganzen Branche neuen Schub gegeben.
Als Marktführer haben Sie davon besonders profitiert.
Einen „Krisengewinner“ möchte ich uns trotzdem nicht nennen. Lieber einen „Möglichmacher“ des extrem beschleunigten digitalen Wandels, den die Pandemie ausgelöst hat. Der massenhafte Umzug der Menschen ins Homeoffice, die Digitalisierung vieler Geschäftsprozesse, die das verteilte Arbeiten auch in der Pandemie erst ermöglicht haben, das wäre ohne all die neuen – vorwiegend mobilen – Rechner nicht denkbar gewesen.
Und nun ist der außergewöhnliche Bedarf gestillt und der Markt fällt wieder aufs alte, niedrigere Niveau zurück.
Nein, das glaube ich nicht. Die Nachfrage ist weiter hoch. Unter anderem, weil sich gezeigt hat, dass ein PC pro Haushalt den Menschen heute nicht mehr reicht. Ob für Arbeit, Studium, Schule oder Freizeit – mittlerweile ist es normal, dass jedes Familienmitglied einen eigenen Computer besitzt.
Lange hieß es, dass dafür ein Smartphone oder ein Tablet reichen. Ein Irrtum?
Es zeigt sich, dass die Geräte herkömmliche Rechner in vielen Situationen doch nicht völlig ersetzen können. Und dann werden virtuelle Welten, wie etwa das Metaverse, ganz neue Nutzungsszenarien schaffen. Ich bin mir sicher, das hält die Nachfrage hoch und die Branche wird noch über mehrere Jahre einen Absatz von 350 Millionen Rechnern und mehr erleben.
Die Nachfrage trifft auf einen anhaltenden Mangel an Mikrochips, der alle möglichen Industrien belastet. Wie sehr erschwert die Knappheit auch Ihr Geschäft?
Wir hatten und haben zum Glück eine sehr stabile Lieferkette und konnten damit sehr verlässlich liefern. Allerdings hat die Knappheit auch nicht so sehr die hochwertigsten Mikrochips getroffen, sondern eher weniger komplexe Bauteile. Das hat es uns sicher etwas leichter gemacht als manchem Unternehmen, das auf einfachere oder schlicht andere Chiptypen angewiesen ist.
Sehen Sie denn eine Entspannung beim Chipmangel?
Ja, ich bin überzeugt, dass sich die Lage ab dem Sommer merklich verbessert. Inzwischen haben sich viele Hersteller an die unerwartet starke Nachfrage angepasst, die zu den Engpässen geführt hat. Tatsächlich war es ja nicht so, dass dauerhaft große Produktionskapazitäten ausgefallen wären, sondern umgekehrt: In einer pandemiebedingt sonst eher schrumpfenden Wirtschaftsentwicklung hat die verstärkte Digitalisierung eine Sonderkonjunktur für IT-Komponenten ausgelöst. Darauf konnten sich die Zulieferer nur nicht sofort einstellen. Aber das ändert sich jetzt.
Die Zusatznachfrage führt aber nun ihrerseits zu Engpässen bei wichtigen Rohstoffen für Elektronikbauteile. Verlagert sich das Problem jetzt nicht einfach eine Stufe weiter nach unten im Produktionsprozess?
Wir stecken ohnehin mitten in einem grundlegenden Wandel der Wirtschaftskreisläufe, in dem es darum geht, nachhaltiger zu wirtschaften und unter anderem den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen zu reduzieren. Ganz wichtig ist dabei aber auch, Rohstoffe viel stärker als in der Vergangenheit wieder in den Produktionskreislauf zurück zu bringen. Für uns ist Nachhaltigkeit ein ganz wichtiges Thema, dem wir – vom Design der Geräte bis zur Aufbereitung nach dem Ende der Lebenszeit – erhebliche Aufmerksamkeit und Entwicklungskapazitäten widmen.
Was bedeutet das konkret?
Unser Ziel ist, den kompletten Lebenszyklus der Technik zu begleiten und die genutzten Rohstoffe möglichst umfassend wiederverwerten zu können. Aber das ist ein Ziel, das Lenovo alleine nicht lösen kann, sondern bei dem die ganze Industrie gefordert ist. Daran arbeiten wir.
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