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Schnüffler-Apps Wie Eltern ihre Kinder digital überwachen

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Überwachung von Facebook & Co.

"Wussten Sie, dass eins von fünf Kindern Sexangebote im Netz bekommen hat und dass die meisten Kinder zum ersten Mal mit elf Jahren einem Porno ausgesetzt werden? Dies führt in vielen Fällen zu einem langen Kampf mit Pornosucht", schürt etwa die App "Net Nanny" die Sorgen von Eltern.

Lotte Rose, Pädagogik-Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences, kritisiert diese Panikmache: "Die Apps propagieren die Annahme: Wenn das Kind nicht überwacht wird, wird es sich schlecht entwickeln und ist gefährdet. Das bedeutet auch Stress für die Eltern."

Die Spitzel-Dienstleistungen kosten etwa drei bis sechs Euro im Monat. Doch für viele Eltern scheint sich das zu lohnen. So rezensiert eine Mutter die App Qustodio, für die jährlich 35 Euro anfallen: "Ich finde, das ist das Geld wert: Endlich zu sehen, was meine Söhne online und auf Facebook machen."

Dabei seien soziale Netzwerke reale und vor allem private Lebensräume, in denen Teenager sich aufhalten, wie Rose erklärt. "Jugendliche sollen selbst entscheiden können, mit wem sie ihre Gedanken und Gefühle teilen. Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatheit."

Kinder können sich gegen die ungewollte Spionage nicht wehren, indem sie etwa die Schnüffel-Apps einfach löschen. Denn die meisten können ohne Passwort nicht entfernt werden.

In den Rezensionen der Programme wird klar, warum sich die Kinder darauf einlassen: "Das war die Bedingung für das Smartphone. Meine Kids scheinen nicht so begeistert, ich schon", schreibt eine Mutter im AppStore. So zählt die App "Qustodio" nach Unternehmensangaben weltweit über eine Million Nutzer und ist auf mehreren Millionen Geräten installiert.

Fragwürdiges Schnüffeln

Rechtlich sind die Apps in Deutschland zunächst kein Problem, wie Datenschützer Thilo Weichert erklärt. Es handele sich um eine private Anwendung, bei der die Nutzer dem Datenaustausch zustimmen.

"Dabei haben auch Jugendliche spätestens ab dem Alter von 14 Jahren ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es gibt hier allerdings keine Rechtsprechung", erläutert Weichert. Schließlich komme es selten vor, dass Kinder gegen ihre Eltern klagen.

In jedem Fall fragwürdig seien Apps, die die Kinder heimlich überwachen. Zum Beispiel bietet die App "Children Tracker" die Option, das Programm-Icon zu verbergen, so dass die Kinder nicht wissen, ob eine Kontroll-App installiert ist.

Auch das Hamburger Startup "Familonet" hat eine App entwickelt, mit der sich Familien ihre augenblicklichen Koordinaten mitteilen. Im Gegensatz zu amerikanischen Apps wie "Child Tracker" oder "AT&T Family Map", bei denen ein permanentes Livetracking stattfindet, müssen die Beteiligten hier freiwillig ihren Standort senden. "In Europa sind die Menschen deutlich sensibler, was ihre digitalen Daten angeht", sagt Hauke Windmüller, einer der Gründer.

Wissen, wo wer gerade ist: Für den Geschäftsführer von Familonet ist das ein Beitrag zum Familienzusammenhalt. "Es erleichtert den Familienalltag, weil die Eltern zum Beispiel wissen, wann sich die Kinder auf dem Heimweg befinden und sie das Essen vorbereiten können", sagt Hauke Windmüller, einer der Gründer von Familonet. Er verzeichnet steigende Wachstumsraten seiner Familien-App: Innerhalb eines Jahres hatte das Programm laut Windmüller 200.000 Nutzer weltweit.

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