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Smartphones "Wir müssen uns eine digitale Diät verordnen"

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"Das Handy ist wie ein Glücksspielautomat"

Warum unterbrechen wir uns dann ständig?

Das Handy lässt sich am ehesten mit einem Glücksspielautomaten vergleichen. Wenn ich auf eine App klicke, kommt manchmal etwas Tolles, viel häufiger jedoch nicht. Aber weil vielleicht in der nächsten Sekunde wieder etwas Spektakuläres passieren könnte, klicken wir wieder und wieder. Nehmen Sie zum Beispiel die Dating-App Tinder. Da soll ich auf der Basis des Profilfotos entscheiden, ob ich interessiert wäre, eine Person näher kennenzulernen. Finde ich die Person hübsch und sympathisch, wische ich das Foto nach rechts. Finde ich die Person unattraktiv, schiebe ich das Foto nach links. Das ist der klassische Glücksspielautomat. Unterschwellig läuft da immer die Botschaft: Aber die nächste könnte doch die Traumfrau oder der Traummann sein. Und man klickt und wischt und schiebt.  Dieser Überraschungsmoment, nicht zu wissen, was gleich kommt, löst die Ausschüttung von Dopamin bei uns aus. Dopamin ist zwar kein Glückshormon, aber es motiviert uns und verspricht uns somit Glück. Das ist der zentrale Mechanismus in jedem Glücksspielautomaten und der kleinste gemeinsame Nenner von 99 Prozent der Interaktionen mit unserem Telefon.

Der ewige Blick aufs Smartphone
Wann ist der Umfang des Mobiltelefon-Konsums nicht mehr normal? Diese Frage ist für die Wissenschaftler nur schwer zu beantworten. Das Nutzen eines Smartphones ähnelt aber offenbar häufig dem eines Glücksspielautomaten – deswegen wird das Telefon so oft angeschaltet. Ein übermäßiger Konsum kann zur Vernachlässigung wichtiger Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. Quelle: dpa
Dem Wiesbadener Verein Suchtmittel zufolge nutzen Menschen ihr Handy in Momenten, in denen sie sich einsam fühlen. Auslöser können Lärm, Unterhaltungen oder bereits der Fernseher sein: Indem der Kontakt mit einem anderen Menschen gesucht wird, vermeiden sie eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Gleichzeitig findet aber auch kein direkter Kontakt statt. Auch in Momenten, in denen der Mensch unproduktiv ist, wird zum Telefon gegriffen. Wie die meisten Süchte führt die Handysucht in die Isolation. Quelle: dpa
Typisch für Smartphone-Süchtige: Das Telefon bleibt 24 Stunden am Tag an. Die Angst, ein Gespräch oder eine Nachricht zu versäumen, ist zu groß. Der Nutzer fürchtet sich vor dem Ausschluss von seinem sozialen Netzwerk. Quelle: dpa
Kontrolle ist bei Jugendlichen trotzdem keine gute Idee. Das zumindest sagt Heinz Thiery von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). "Man soll keine Vorgaben machen, die man nicht ernsthaft kontrollieren kann", so der Leiter der bke-Online-Beratung. Jugendliche würden ihre Smartphones immer bei sich tragen, so dass die Eltern darauf keinen Zugriff haben. Er empfiehlt feste handyfreie Tage. Quelle: dpa
Besaßen 2009 nur 6,3 Millionen Menschen ein Smartphone, waren es 2012 bereits 31 Millionen Nutzer in Deutschland. Damit besitzen mehr als die Hälfte aller Mobilfunkbesitzer ein Smartphone. Rund 34,6 Millionen Nutzer haben sich 2013 ein neues Mobiltelefon gekauft. Quelle: dpa
Am häufigsten nutzen die Deutschen ihr Smartphone abends. Mehr als 70 Prozent schauen auch nach 20 Uhr noch auf ihr Handy. Gerade einmal sechs Prozent checken Nachrichten morgens um 6 Uhr. Mittags sind es rund 40 Prozent. Drei Viertel der Nutzer sagen: Ohne mein Mobiltelefon verlasse ich nie das Haus. Quelle: dpa
In einer Studie hat die Universität Bonn das Telefonverhalten von 50 Studenten untersucht. Jeder vierte Teilnehmer nutzte sein Mobiltelefon mehr als zwei Stunden am Tag. Im Schnitt aktivierten sie 80 Mal täglich ihr Telefon – tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen diese Zahlen gar doppelt so hoch aus. Quelle: dpa

Macht uns das Smartphone also nicht smarter, sondern dümmer? 

Wenn jemand 90-mal am Tag sein Telefon entsperrt und herumklickt, sind das sicher keine 90 rationalen Entscheidungen. Das sind reflexartige Handlungen. Ich würde nicht sagen, dass uns Smartphones dümmer machen, aber eine übermäßige Handy-Benutzung reduziert sicher unsere intellektuelle Produktivität. Auch Langzeitfolgen sind nicht auszuschließen. Wir begeben uns in orthopädisch absurde Haltungen, und zerstreuen uns maximal schnell. Das ist eine Art kollektiven Anti-Yogas. So ähnlich wie im richtigen Yoga, stellen sich die Effekte erst im Laufe der Jahre ein.  

Sie übertreiben. In Zeiten als es noch keine Smartphones gab, haben wir doch auch ständig nach Zerstreuung gesucht.

Stimmt. Nur waren diese Methoden nicht halb so effektiv, und im Allgemeinen nicht portabel. Ich kann ja nur solange Fernsehen solange ich auf der Couch sitze. Das ist mit dem Handy anders. Immer mehr Menschen erkennen nun, was sie vernachlässigen. Bei Scheidungen wird das Handy mittlerweile häufiger als Grund genannt als Untreue. Laut Umfragen ist inzwischen jeder vierte Deutsche eifersüchtiger auf das Handy des Partners als auf einen möglichen Nebenbuhler. Eltern machen sich Schuldgefühle, weil sie ihrem Smartphone teils mehr Aufmerksamkeit widmen als ihren Kindern. Und hey, spätestens ab diesem Punkt ist die Sache nicht mehr lustig.

1,5 Millionen Dollar für "Yo"
YoDämlich oder genial: Dem israelischen Entwickler Or Arbel hat seine App "Yo", die eigentlich als Aprilscherz gedacht war, mittlerweile 1,5 Millionen Dollar Venture-Capital eingebracht. Die Gratis-App hat bislang oberflächlich betrachtet genau eine Funktion: Man kann seinen Freunden das Wörtchen "Yo" aufs Smartphone schicken. Die App wurde schon mehr als zwei Millionen Mal heruntergeladen, mehr als vier Millionen Yos wurden verschickt. In den kommenden Wochen soll es nun ein Update geben, das Yo in eine Messaging-Plattform verwandeln soll, mit der dann auch Links verschickt werden können. Der Service soll ähnlich wie Twitter oder WhatsApp funktionieren, aber viel einfacher gehalten sein, berichtet das " Wall Street Journal". Zudem werde an einer RSS-Funktion gearbeitet, über die Webseiten, Blogger oder Verlage per Push-Benachrichtigung Infos an die Nutzer weitergeben können. Bereits heute wird Yo etwa in Manhattan eingesetzt, um Nutzer darüber zu informieren, dass ein Fahrrad des Sharing-Anbieters Citibike frei ist. In Israel könne man sich bereitsper Yo informieren lassen, wenn Raketen in der Luft sind, berichtet das WSJ weiter. Quelle: Screenshot
NoddlerVirtuelle Küsse, Tritte in den Hintern, Ohrfeigen, ein freundliches Schulterklopfen oder Torten in Gesichter werfen - Noddler ist eine wirklich emotionale App für Apples Betriebssystem iOS 6. Design und Anwendung sind sehr simpel gehalten: Einfach einen Kontakt wählen, eine aus 40 Aktionen aussuchen und das iPhone schütteln. Die Aktion kann dann auf Facebook, Twitter und App.net veröffentlicht werden. Die App ist gratis im App-Store erhältlich. Quelle: Screenshot
iBierDie App iBier ist zwar relativ nutzlos, dafür ein echter Partygag. Einfach das Smartphone nach hinten kippen und mit Glucks-Geräuschen vermeintlich ein Bier austrinken. Rülps-Geräusche inklusive. Quelle: Screenshot
iSteamDiese App lässt den Bildschirm des Smartphones beschlagen. Wie bei einem Badezimmerspiegel lässt sich dann mit dem Finger darauf herum malen. Dabei quietscht es, wie auf einem echten Spiegel. Quelle: Screenshot
AdventskranzDiese App soll den User durch die vorweihnachtliche Zeit führen und für besinnliche Stimmung sorgen. Vor dem 1. Advent erscheint der Adventskranz mit vier unbenutzten Kerzen. An jedem Adventssonntag wird dann - wenig überraschend - je eine Kerze mehr angezündet. Nach Weihnachten, am 27. Dezember, erlöschen die Kerzen wieder bis zum nächsten Jahr. Kerzenfarbe, Hintergrund und auch der Kranz selbst lassen sich verändern. Durch seine Facebook-Anbindung kann dieser mit den Freunden geteilt werden. Außerdem lassen sich eigene Fotos als Hintergrund einbinden. Die Kerzen auf dem Kranz flackern und bewegen sich je nach Neigung des iPhones/iPads, und sie lassen sich über das Mikrofon auspusten. Quelle: Screenshot
AirCoasterDie Achterbahnfahrt auf dem Sofa bietet der AirCoaster an. Die App verspricht dem Kunden eine realistische 3D-Optik. Den Rummel ersetzen kann die Anwendung trotzdem nicht. Quelle: Screenshot
Blase LuftDie App sorgt dafür, dass Luft aus dem iPhone gepustet wird. Damit kann man dann zum Beispiel eine Kerze ausblasen. Selber pusten funktioniert natürlich auch.

Was für Auswirkungen hat der exzessive Smartphone-Konsum auf die Arbeitswelt?

Das hat dramatische Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Wir verdienen unser Geld mit unserem Kopf, nicht mit unseren Armen und Beinen. Werte werden mit unserer geistigen Ressource geschaffen. Das heißt: Es werden sich jene Unternehmen durchsetzen, die am cleversten mit den geistigen Ressourcen ihrer Mitarbeiter umgehen.

Was heißt das konkret für Firmen. Werden wir künftig alle unsere Smartphones am Eingang abgeben müssen?

Nein, wir reden ja hier über Wissensarbeiter. Das sind Leute, die ihr Telefon auch zum Arbeiten benötigen. Auch sind wir Deutschen etwas zu schnell dabei, neue Gesetze und Regeln zu erlassen. Volkswagen schaltet seit einiger Zeit nach Arbeitsende  die E-Mail-Server ab. Solche Restriktionen sind  fehlgeleitet, Flexibilität hat ja auch etwas Positives. Andere heben sämtliche Regelungen auf, man kann arbeiten wann man will, und wo. Da landen wir wieder im Kommunikationsdesaster. Beide Ansätze wollen aufrichtig das Beste für ihre Angestellten, laufen aber in völlig unterschiedliche Richtungen. Dies zeigt zunächst die Hilflosigkeit der Unternehmen. Die wahren Herausforderungen der Digitalisierung sind in Brisanz, Umfang und Komplexität in den Personalabteilungen noch nicht angekommen. Die sollten mal ganz dringend mit uns reden.

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