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Telemedizin „Ärzte sind gezwungen, Video-Sprechstunden zu nutzen – so schwindet die Angst“

Florian Weiß ist der Chef des Telemedizin-Anbieters Jameda. Quelle: PR

Florian Weiß, Chef des Telemedizin-Anbieters Jameda, erlebt dank Corona einen spektakulären Boom: Innerhalb von Wochen hat sich die Zahl der digitalen Sprechstunden versechsfacht. 

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WirtschaftsWoche: Herr Weiß, Sie haben Anfang März angekündigt, Videosprechstunden über Ihre Plattform ein halbes Jahr lang kostenlos anzubieten. Wer nutzt die Online-Visite beim Arzt seitdem?
Florian Weiß: Wir haben mit unserer Aktion bewusst bestimmte Zielgruppen ins Auge gefasst, denen wir den Dienst kostenlos anbieten – nämlich diejenigen, die von der Krise ganz besonders betroffen sind: Das sind Allgemeinmediziner und Internisten, aber auch Kinderärzte und Hebammen. Gerade bei den Allgemeinmedizinern ist die Nutzung am stärksten nach oben geschossen. Denn Patienten mit Sorgen rund um Corona schlagen nun mal als erstes bei ihrem Hausarzt auf, und der wiederum hat ein ganz besonderes Schutzbedürfnis für sich, seine Mitarbeiter und seine Praxis.

Denn Ärzten geht es also vorrangig um Selbstschutz?
Nicht vorrangig, sondern – und das spiegeln uns die Ärzte auch zurück – geht es ihnen vor allem darum, Sicherheit zu geben. Denn viele Patienten sind aktuell stark verunsichert. Manch einer hat vielleicht Heuschnupfensymptome mit leichtem Husten und bringt das direkt mit Corona in Verbindung – da kann ein Arzt per Videosprechstunde sehr einfach und schnell beruhigend helfen.

Die Ärzte sind nur eine Seite der Medaille – wie nehmen die Patienten denn die neuen Angebote an, sind die willens und in der Lage, sich vor einen Computer mit Videokamera zu setzen, um ihren Arzt zu sprechen?
Patienten sind gerade jetzt gewillt, die Videosprechstunde zu nutzen – das ist eben der entscheidende, beschleunigende Effekt, den wir in der Corona-Krise beobachten. Vorher hatten auch wir angenommen, dass die Akzeptanz, auf beiden Seiten übrigens, noch mehr Zeit benötigt. Jetzt sieht man aber: Ärzte wie Patienten sind geradezu gezwungen, Video-Sprechstunden zu nutzen. Dadurch schwindet die Angst vor dem Fremden, und es fühlt sich sehr schnell wie eine ganz normale Behandlung an. Daher nehmen  nicht nur Ärzte, sondern auch Patienten Videosprechstunden durchweg sehr gut an.

Können Sie das auch in Zahlen ausdrücken?
Die Zahl der Ärzte und Psychotherapeuten, die über Jameda Videosprechstunden anbieten, hat sich zwischen Februar und März ungefähr vervierfacht. Im März wurden rund 10.000 Videosprechstunden durchgeführt – das ist ungefähr eine Versechsfachung gegenüber dem, was wir vorher gesehen haben. Und im April werden wir noch mal ordentlich zulegen – da kommt also wirklich etwas in Bewegung.

Das rationale Argument hinter der Videosprechstunde klingt ja sehr plausibel. Warum bedurfte es erst solch einer Krise, dass sie im großen Stil akzeptiert wird?
Auch wenn es eine hypothetische Überlegung ist: Ich bin mir sicher, die Akzeptanz wäre auch ohne Corona eingetreten, – aber nicht in dieser Geschwindigkeit. Der Haupttreiber ist tatsächlich, dass Ärzte und Patienten durch die Krise in die Nutzung gezwungen werden – und durch die Nutzung die Erfahrung machen, dass Videosprechstunden eine gute Alternative zur physischen Behandlung in der Praxis sind. Vorher war die Sorge vor dem Fremden, und die Nichtkenntnis dieser Alternative, schlicht das größte Hemmnis.

Ist denn die Entwicklung nachhaltig, also: Wird es nach der Krise so weitergehen mit Telemedizin?
Es wird sicherlich nicht dauerhaft solche Wachstumsraten wie derzeit geben, aber ein signifikant höheres Niveau bei Videosprechstunden als vor der Krise wird bleiben und die Nutzung weiter zunehmen. Es wird sich also dauerhaft als veritable zweite Behandlungsalternative durchsetzen. Ich vergleiche das gerne mit dem Aufkommen des E-Commerce: Da hat man anfangs noch betont, dass man ein Buch „im Internet“ gekauft habe – das erwähnt heute niemand mehr. Ähnlich wird die Entwicklung in wenigen Jahren bei Videosprechstunden sein.

Voraussetzung für den Boom war, dass die Kassenärzlichen Vereinigungen die Beschränkung der Abrechnung von Videosprechstunden aufgehoben haben. Wo wünschen Sie sich vielleicht noch mehr Unterstützung durch den Gesetzgeber?
In Zukunft wird für uns wichtig, dass Ärzte mit dem Umgang der Telemedizin noch stärker geschult werden, auch im Umgang mit neuen Technologien und Daten generell – und dass dies Einzug findet in die Ausbildung von Medizinern. Auch sollte es Angebote zur Fortbildung von Ärzten geben, damit das, was die Krise jetzt erzwungen hat, später zum Normalzustand wird. Es sollte darüber hinaus gelingen , vollständig digitale Versorgungspfade zu etablieren. Dazu gehören die Folgeprozesse nach Online-Terminbuchung und Videosprechstunde: So existiert etwa noch kein Standard für das E-Rezept; dieser soll noch erarbeitet werden. Es bedarf aber auch einer elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung – ein Thema, das ebenfalls jetzt in der Krise besonders an Bedeutung gewonnen hat.

Mehr zum Thema
In der Coronapandemie wird auf einen Schlag Alltag, woran Ärzte über Jahre verzweifelten: die digitale Sprechstunde. Davon profitieren die Patienten – und ein ganzer Kosmos von Start-ups, die zum Teil erstaunliche Technologien für die Medizin per Videochat parat halten.

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