30 bis 2030 | Thorsten Chmielus: Der Jäger der unsichtbaren KI-Flieger
Thorsten Chmielus
Foto: PRNicht, dass Thorsten Chmielus spezielle Erwartungen an das Event unterm Zuckerhut gehabt hätte. Trotzdem verlief der G20-Gipfel in Rio de Janeiro Mitte November ganz nach dem Geschmack des Spezialisten für Hochfrequenzanalytik und Chefs des Unternehmens Aaronia.
Denn das Drohnendetektionssystem Aartos, das der Unternehmer aus dem Eifeldörfchen Strickscheid an die Copa Cabana geliefert hatte, tat dort genau das, wofür es gedacht war: Allein am ersten Gipfeltag schlug Chmielus’ digitale Luftraumüberwachung rund 20 Mal an, entdeckten die Sicherheitskräfte der brasilianischen Bundespolizei PF mithilfe seiner Technik Drohnen, die den gesperrten Luftraum über der Konferenz anflogen, übernahmen per Funk die Kontrolle über die Kleinflieger und zwangen sie zur Landung. „Wir hätten jede Drohne in einem Radius von mehr als 40 Kilometern direkt nach dem Start lokalisieren können“, erzählt der Unternehmer, der auch 2022 schon den G20-Gipfel in Bali mit seiner Technik abgesichert hatte.
Dabei war die Drohnenjagd nur ein Zufallstreffer für das 2003 gegründete und zunächst auf Hochfrequenzmesstechnik spezialisierte Unternehmen. Mit dessen Sensorik analysieren etwa Raumfahrtbehörden bis heute selbst schwächste Radiosignale aus den Weiten des Weltalls. Messinstitute werten Störstrahlung elektrischer Geräte aus oder überprüfen Funktechnik. Vor gut zehn Jahren aber überraschte ein Kunde Chmielus mit der Frage, ob er mit der Technik nicht auch Drohnen lokalisieren könne. Er konnte – und das so erfolgreich, dass Drohnendetektion heute rund vier Fünftel zum Firmenumsatz beisteuert. Das Geschäft wächst pro Jahr um 30 bis 40 Prozent.
Aartos, das Detektionssystem der Firma, erfasst und analysiert mit Spezialantennen und -software den Funkverkehr zwischen Drohne und Pilot und berechnet deren Positionen unter anderem über Peilung und Signallaufzeit. Die Muster der elektromagnetischen Wellen seien „so charakteristisch wie Fingerabdrücke“, sagt der Aaronia-Chef. Sie verrieten nicht nur, wenn eine Drohne starte, sondern auch, welches Modell unterwegs sei. Entsprechend strikt hält Chmielus seine Datenbank mit vielen Tausend Frequenzmustern aus aller Welt unter Verschluss. Geschäftsgeheimnis.
Auch Promis schwören auf die Drohnen-Abwehr
Das macht den Spezialisten aus der Eifel zu einem der weltweiten Technologieführer in dieser Hightechsparte der Sicherheitstechnik. Zu den Kunden gehören Technologiekonzerne wie Boeing, Microsoft, Shell oder Samsung, aber auch Dax-Unternehmen von BASF bis VW, zudem Flughäfen wie etwa London Heathrow, aber auch Behörden wie die Bundeswehr, die Nato oder die US-Regierung; daneben Prominente, die ihr Privatleben „vor den fliegenden Kameras der Paparazzi schützen wollen“, berichtet Chmielus.
Vor allem ein Einsatzszenario treibt die Nachfrage nach Drohnendetektion jüngst massiv nach oben: Der Krieg in der Ukraine hat den Einsatz der kleinen Billigflieger als todbringende Einwegwaffe vom theoretischen Gedankenspiel zum blutigen Alltag werden lassen. Und die rechtzeitige Erkennung der als Sprengstoffträger oder fliegende Spione genutzten Drohnen zu einer Frage von Leben und Tod. Chmielus, der sich selbst als eingefleischten Pazifisten bezeichnet, bleibt vage, ob und welche Technik er in die Ukraine liefert. Drohnendetektion sei ein „Must-have“ für die Kriegsparteien. „Heute hat die jeder“, sagt er.
Währenddessen denkt er schon über die nächste Generation seiner Aartos-Plattform nach. Denn so wie heute, per Funk mit ihren irgendwo am Boden befindlichen Piloten verbunden, würden Drohnen zumindest in sensiblen Missionen nicht mehr lange fliegen. „Künftig sorgen künstliche Intelligenz und spezielle Beschichtungen, die Radarstahlen schlucken, dafür, dass die Geräte kaum mehr anhand der abgestrahlten elektromagnetischen Wellen identifizierbar sind“, weiß der Frequenzexperte.
Bleiben Gipfelgäste, Unternehmen oder Soldaten dann schutzlos gegen die Flieger? Chmielus glaubt das nicht und setzt auf ein anderes Verfahren, mit dessen Hilfe er seine Technik in den nächsten Jahren weiter verfeinern will: Passiv-Radar heißt die Technik, die sich das Prinzip, dass alles, was fliegt – und sei es noch so gut gegen Reflexionen aktiver Radarstrahlen geschützt – die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen in der Luft stört, zunutze macht.
Diese Störungen ließen sich messen, auswerten und wiederum zur Drohnendetektion nutzen, erläutert Chmielus. Und er weiß auch schon, welche Strahlenquelle er sich dabei unter anderem zu Nutze machen will: „Elon Musks Starlink-Satelliten bestrahlen die Erde mittlerweile fast flächendeckend und liefern uns so quasi kostenlos das Grundrauschen, mit dessen Hilfe wir künftig auch autonome Drohnen entdecken können“, ist der Unternehmer überzeugt.
Ab kommendem Jahr sei auch Passiv-Radar Teil von Aartos – und nicht nur der nächste G20-Gipfel gegen die nächste Generation KI-gesteuerter Fluggeräte geschützt.
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