WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Axel Haverich im Interview "Tabubruch als Regel"

Der Herzchirurg und Organzuchtpionier hält es für möglich, dass das Klonen in 15 Jahren ebenso akzeptiert sein wird wie heute die Gentests.

Transplantationschirurg Axel Haverich Quelle: PR

WirtschaftsWoche: Professor Haverich, Sie versuchen seit Jahren Organe wie Herzen oder Lebern im Labor nachwachsen zu lassen. Wären geklonte menschliche Stammzellen, wie sie gerade von US-Forschern geschaffen wurden, dabei hilfreich?

Haverich: Aus Sicht der Patienten, die solche Organe später einmal eingepflanzt bekommen werden, möglicherweise schon. Es wäre ein zusätzliches Verfahren, um Gewebe aus patienteneigenen Zellen zu gewinnen. Nur so lassen sich Ersatzorgane züchten, die der Körper später nicht abstößt.

Klappt das bisher noch nicht?

Mit den embryonalen Stammzellen, die wir früher benutzten, hätte es nicht funktioniert. Denn diese in Zelllinien immer weiter vermehrten Zellen stammen ja von fremden Individuen. Doch seit 2008 arbeiten wir mit induzierten pluripotenten Zellen, also zurückprogrammierten Körperzellen – etwa aus der Haut des Patienten. Mit diesen IPS-Zellen können wir schon sehr gut patienteneigenes Gewebe herstellen.

Auch ganze Organe?

Noch sind die Gewebestücke, die wir züchten, zu klein, um damit schon Teile des Herzens oder ein ganzes Herz zu ersetzen. Wir müssen die Technik noch optimieren. Dabei macht es aber keinen Unterschied, woher die Zellen kommen.

Worin unterscheiden sich geklonte und rückprogrammierte Zellen?

Die rückprogrammieren IPS-Zellen haben den großen Vorteil, dass sie ethisch völlig unproblematisch sind. Sie werden aus Körperzellen des betroffenen Patienten gewonnen, ohne dass ein Forschungsembryo mithilfe einer Spendereizelle hergestellt werden muss. Das wäre beim therapeutischen Klonen anders. Diese Debatte brach schon vor 17 Jahren bei dem Schaf Dolly los, dem ersten geklonten Säugetier. Ich hielt das immer für kritisch. Und schon damals fragten mich Feministinnen, wo ich die ganzen Eizellen herbekommen wollte.

Die Geschichte der Genetik
Bereits Wissenschaftler der Antike interessierten sich für Fragen der Vererbung. Etwa 500 vor Christus erklärte der griechische Philosoph Anaxagoras, dass der Embryo im männlichen Spermium bereits vorgeformt sei. Dass nur der Mann Erbanlagen besitze, behauptete auch Aristoteles etwa 100 Jahre später. Ähnliche Vorstellungen hielten sich noch bis in die Neuzeit hinein, da es an Instrumenten und Technik fehlte, um tiefer in die Forschung eintauchen zu können. Quelle: Gemeinfrei
Den Grundstein zur sogenannten modernen Vererbungslehre legte Gregor Johann Mendel. Der Augustinermönch schrieb 1865 die sogenannten Mendelschen Regeln nieder. Sie erfassen bis heute die Prinzipien für die Vererbung körperlicher Merkmale. In seiner Forschung experimentierte Mendel mit Erbsen, und zwar mit sieben unterschiedlichen Merkmalen reinrassiger Erbsenlinien, und fasste die Ergebnisse seiner Kreuzungsversuche zu drei Grundregeln zusammen. Quelle: Gemeinfrei
1869 wurden in Fischspermien erstmals Nukleinsäuren, die Bausteine der DNA (Desoxyribonukleinsäure), entdeckt. Den Zusammenhang zur Struktur der Erbsubstanz konnten Wissenschaftler bis dahin jedoch nicht herstellen. Erst 19 Jahre später entdeckte Wilhelm von Waldeyer (im Bild) die Chromosomen in menschlichen Zellen. Quelle: Gemeinfrei
1890 wies dann der deutsche Biologe Theodor Boveri nach, dass die Chromosomen Träger der Erbinformation sind.  Quelle: Gemeinfrei
William Bateson war es, der 1906 den Begriff "Genetik" für die Vererbungsgesetze einführte. Quelle: Gemeinfrei
Bereits 1903 vermutete der amerikanische Biologe Walter S. Sutton, dass paarweise auftretende Chromosomen Träger des Erbmaterials sind. Dieser Ansatz wurde ab 1907 von Thomas Morgan an der Drosophila melanogaster (eine Taufliegenart) verfolgt und ausgebaut. Morgan gelang es, Gene als Träger der geschlechtsgebundenen Erbanlagen an bestimmten Stellen der Taufliegen-Chromosomen zu lokalisieren. Für diese Leistung erhielt er 1933 den Nobelpreis für Medizin. Quelle: dpa
James Watson (im Bild) entdeckte gemeinsam mit seinem Kollegen Francis Crick 1953 die Doppelhelixstruktur der DNA. Sie stellten fest, dass das DNA-Molekül ein dreidimensionaler, spiralförmiger Doppelstrang ist, in dessen Innenraum sich die vier Basen immer paarweise zusammenschließen. Das Besondere an dieser Struktur sei, so die beiden Forscher, dass sie sich selbst kopieren könne. Damit hatten Watson und Crick auch den Mechanismus der Vererbung erklärt. Dafür erhielten auch sie den Nobelpreis. Quelle: dpa

Haben die geklonten Eizellen denn aus technischer Sicht irgendwelche Vorteile?

Das ist derzeit noch nicht klar. Sicher ist nur, dass sie noch ein zweites Problem haben: Denn auch wenn die Spendereizellen entkernt sind und der Zellkern des Patienten dort hinein gebracht wird, enthalten die Eizellen noch eigene, sogenannte epigenetische Informationen. Die können sich später bemerkbar machen. Und das hat meist negative Folgen. So werden vor allem diese epigenetischen Faktoren dafür verantwortlich gemacht, dass Dolly nicht alt geworden ist.

Sie sind also gar nicht wild auf diese geklonten Zellen?

Nein, derzeit nicht. Ich will aber nicht ausschließen, dass es noch ein Aufholmanöver gibt. Vielleicht haben sie Vorteile, die wir jetzt noch nicht erkennen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%