Depressionen Wenn die Gedanken im Kopf unaufhörlich kreisen

Seite 3/4

"Mir geht es wieder schlechter"

Kerstin wurde inzwischen entlassen. „Es gibt in der Regel nicht nur eine Depression im Leben. Ich hoffe dennoch, dass ich vollständig gesund bin“, sagte sie damals. Eine Woche später ruft sie an, wie verabredet. „Mir geht es wieder schlechter.“ Sie versuche einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen. Aber 10, 20 Therapeuten am Tag anzurufen, bis einer zurückruft, ist in einer depressiven Phase kaum zu schaffen. Und meistens gibt es Absagen. Den frühesten Termin könne sie im Februar bekommen, sagt Kerstin. Zu lange für jemanden, den Todesgedanken quälen.

Es gibt zu wenig Psychotherapeuten in Deutschland. Der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz, sagt, der Fehler liege schon bei der Bedarfsplanung 1999, zehn Jahre nach der Öffnung der Mauer. Damals sei für die alten und die neuen Bundesländer geplant worden, „obwohl in den neuen Bundesländern der Bereich Psychotherapie noch sehr, sehr wenig ausgebaut war“. Diesen Fehler schleppe man bis heute mit durch. Eine Folge sei, dass die Patienten oft monatelang auf einen Behandlungstermin warten müssten. Werde also ein Patient aus einem Krankenhaus entlassen, könne das, was im Krankenhaus erreicht worden sei, oft nicht aufrecht erhalten werden.

Ein Psychotherapeut in Berlin-Neuköln rechnet vor: 30 Gespräche à eine Stunde in der Woche plus Bürokratie wie die Dokumentation des Behandlungsverlaufes - da seien schnell 50 Stunden zusammen. Mehr gehe nicht.

Diese Berufe machen depressiv
MontagsbluesBesonders montags fällt es uns schwer, etwas positives am Arbeiten zu finden. Laut einer amerikanischen Studie dauert es im Durchschnitt zwei Stunden und 16 Minuten, bis wir wieder im Arbeitsalltag angekommen sind. Bei Menschen ab dem 45. Lebensjahr dauert es sogar noch zwölf Minuten länger. Doch es gibt nicht nur den Montagsblues: Manche Berufsgruppen laufen besonders stark Gefahr, an einer echten Depression zu erkranken. Allein in Deutschland haben nach Expertenschätzungen rund vier Millionen Menschen eine Depression, die behandelt werden müsste. Doch nur 20 bis 25 Prozent der Betroffenen erhielten eine ausreichende Therapie, sagte Detlef Dietrich, Koordinator des Europäischen Depressionstages. Quelle: dpa
Journalisten und AutorenDie Studie der medizinischen Universität von Cincinnati beinhaltet Daten von etwa 215.000 erwerbstätigen Erwachsenen im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Forscher um den Psychiater Lawson Wulsin interessierte vor allem, in welchen Jobs Depressionen überdurchschnittlich oft auftreten und welche Arbeitskriterien dafür verantwortlich sind. Den Anfang der Top-10-Depressions-Jobs macht die Branche der Journalisten, Autoren und Verleger. Laut der Studie sollen hier etwa 12,4 Prozent der Berufstätigen mit Depressionen zu kämpfen haben. Quelle: dpa
HändlerDer Begriff „Depression“ ist in der Studie klar definiert. Als depressiv zählt, wer mindestens zwei Mal während des Untersuchungszeitraums (2001 bis 2005) krankheitsspezifische, medizinische Hilferufe aufgrund von „größeren depressiven Störungen“ gebraucht hat. Händler aller Art, sowohl für Waren- als auch für Wertpapiere, gelten demnach ebenfalls als überdurchschnittlich depressiv. Platz neun: 12,6 Prozent. Quelle: dpa
Parteien, Vereine & Co.Neben den Hilferufen nach medizinischer Fürsorge flossen noch andere Daten in die Studie ein. Die Forscher beachteten außerdem Informationen wie Alter, Geschlecht, persönliche Gesundheitsvorsorge-Kosten oder körperliche Anstrengung bei der Arbeit. Angestellte in „Membership Organisations“, also beispielsweise politischen Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen, belegen mit über 13 Prozent den achten Platz im Stress-Ranking.
UmweltschutzDer Kampf für die Umwelt und gegen Lärm, Verschmutzung und Urbanisierung ist oft nicht nur frustrierend, sondern auch stressig. Knapp 13,2 Prozent der beschäftigten Erwachsenen in dem Sektor gelten laut den Kriterien der Forscher als depressiv. In den USA betrifft das vor allem Beamte, denn die Hauptakteure im Umweltschutz sind staatliche Organisationen und Kommissionen. Quelle: AP
JuristenAls mindestens genauso gefährdet gelten Juristen. Von insgesamt 55 untersuchten Gewerben belegten Anwälte und Rechtsberater den sechsten Platz im Top-Stress-Ranking: Rund 13,3 Prozent der Juristen in Pennsylvania gelten für die Forscher der medizinischen Universität Cincinnati depressiv. Quelle: dpa
PersonaldienstleisterAuf Rang fünf liegen Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich. Deren „Ressource“ ist der Mensch – und der ist anfällig: Denn der „Personal Service“ in Pennsylvania hat nach Lawson Wulsin und Co. eine Depressionsrate von knapp über 14 Prozent. Und nicht nur Kopf und Psyche sind von der Krankheit betroffen, sondern offenbar auch der Körper: Schon seit Jahren forscht Wulsin auf diesem Gebiet und geht von einer engen Verbindung von Depression und Herzkrankheiten aus. Gefährdeter als Menschen aus dem Dienstleistungsbereich sind nur vier andere Jobgruppen.

Das Problem könnte sich durch traumatisierte Flüchtlinge verschärfen. Mohammed (25) kam aus dem Bürgerkriegsland Somalia über Kenia, den Sudan, Libyen und Italien nach Deutschland. Er sah auf dem Weg hierher Menschen sterben. In Kenia wurde er eineinhalb Jahre eingesperrt. In Libyen wurde er geschlagen. Er zeigt auf lange Narben auf dem seitlichen Brustkorb. Im Dezember 2015 kam er in Deutschland an. Hier wurde er krank. „Ich höre Stimmen in meinen Ohren“, sagt er. Mohammed hat keine Familie in Deutschland - in dieser so anderen Kultur. „Im Schlaf sehe ich, wie mich Menschen umbringen wollen.“ Er hat keine Papiere, will aber bleiben. Da er keine Zukunftsperspektive hat, wollte er sich umbringen. Jetzt bekommt er Medikamente.

Bei Jasmin (52) hat wohl alles mit einer Ehekrise angefangen. Die Lehrerin mit Leib und Seele konnte irgendwann keine Arbeiten mehr nachgucken. Der Kontakt zu anderen fiel schwer. Die Einweisung ins Krankenhaus brachte keine nennenswerte Besserung. Zu Hause bekam sie wieder wahnsinnige Ängste. Das ging so weit, dass sie sich beim Einkaufen in ihrem kleinen Städtchen die Kapuze über den Kopf zog.

Andererseits euphorisierte sie ein überdurchschnittlicher Erfolg ihrer Schule bei einem Wettbewerb. Sie fing an, viel einzukaufen: von Weihnachtsbettwäsche bis hin zu einem teuren Auto, verrückte Dinge eben. Sie nimmt ab, bis auf 45 Kilo. Irgendwann stand die Polizei im Wohnzimmer und brachte sie - in Handschellen, weil sie sich wehrte - in die geschlossene Abteilung. Sie habe die Ärzte immer nur angeschrien. Manisch nennt man ein solches Verhalten. „Für die Familie ist das ganz schlimm“, sagt Jasmin. „Und nun die Gene auch beim Kind?! Ich hoffe, dass wir wieder zusammenkommen.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%