Krebsforscher Michael Platten "Wir unterbinden den ersten Schritt der Entartung zur Krebszelle"

Der Heidelberger Neuroimmunologe und Krebsforscher Michael Platten hat mit seinem Team eine neue Krebsimpfung entwickelt. Im Tierversuch konnten sie das Wachstum von Hirntumoren unterbinden, was Platten in einer eben erschienenen Publikation im Fachmagazin „nature“ beschreibt. Grundsätzlich könnte diese therapeutische Impfung aber auch viele andere Krebsarten stoppen.

In diesen Regionen ist das Krebsrisiko am höchsten
Die Anzahl der Todesfälle durch bösartige Tumore ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. 2011 sind 852.328 Deutsche an Krebs gestorben. Damit bleibt die Krankheit nach den Herz- und Kreislauferkrankungen zwar die zweithäufigste Todesursache, allerdings ist der Anteil an allen Todesfällen in den letzten 30 Jahren um fast 25 Prozent gestiegen. Am häufigsten starben Männern und Frauen im Jahr 2011 an Krebs im Bereich der Verdauungsorgane. 38.531 Männer (32 Prozent) und 31.694 Frauen (30 Prozent) waren betroffen. Am zweithäufigsten traten bei den Männern Todesfälle aufgrund von Lungen- und Bronchialkrebs mit 31.293 Sterbefällen auf (Anteil von 26 Prozent). Bei den Frauen liegt Brustkrebs an zweiter Stelle mit 17.815 Sterbefällen (Anteil von knapp 18 Prozent). Außerdem sind in Deutschland nach einer Prognose des Berliner Robert Koch-Instituts mehr Menschen neu an Krebs erkrankt als in den Vorjahren. Der Krebsatlas der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (GEKID), zeigt allerdings, dass es sowohl bei den Krebsarten als auch bei der Häufigkeit der Erkrankungen regionale Unterschiede gibt. Quelle: dpa
Ost- und WestdeutschlandSo tritt in den neuen Bundesländern beispielsweise deutlich seltener Brustkrebs auf. Im Osten ist sowohl die Erkrankungs- als auch die Sterblichkeitsrate um 20 bis 30 Prozent geringer als in Westdeutschland. Laut Einschätzung von GEKID kann das darin begründet sein, dass Frauen in der ehemaligen DDR weniger Hormone nahmen, als die Frauen im Westen. Außerdem bekamen die Frauen im Osten früher Kinder und stillten sie länger. Das reduziert die Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken. Quelle: dpa
SüddeutschlandAuch zwischen Nord und Süd gibt es Unterschiede: So treten in Bayern und Baden-Württemberg weniger Brustkrebsfälle auf als im Nordwesten Deutschlands. Insgesamt erkrankten in Bayern und Baden-Württemberg im Jahr 2010 67.138 Menschen an Krebs. Quelle: dpa
NorddeutschlandIm Norden dagegen sind die Zahlen der Prostatakrebserkrankungen höher. Besonders viele Patienten gibt es in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Das könne laut GEKID zwar auch daran liegen, dass in diesen Ländern mehr Männer die PSA-Früherkennungs-Tests nutzen und somit einfach mehr Zahlen vorliegen. Allerdings sei im Norden auch die Sterblichkeitsrate für Prostatakrebs etwas höher als im Rest von Deutschland. Quelle: dpa
StadtstaatenIn Bremen, Hamburg und Berlin ist das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, am höchsten. Besonders Frauen bekommen in den Stadtstaaten überproportional häufig Tumore in der Lunge. Das kann zum Teil am Smog liegen, zum anderen Teil daran, dass immer mehr Frauen rauchen. Lungenkrebs ist in Deutschland die dritthäufigste Krebserkrankung – sowohl bei Männern als auch Frauen. Quelle: dpa
KüstenregionenAußerdem geht aus dem Krebsatlas von GEDIK hervor, dass es an der Nord- und Ostsee deutlich weniger Fälle von Schilddrüsenkrebs gibt, als in Süddeutschland. Das könnte daran liegen, dass die Menschen in den Regionen an der Küste besser mit Jod versorgt sind, als im Süden. Menschen mit chronischem Jodmangel haben ein höheres Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Quelle: dpa
OstdeutschlandIm Osten Deutschlands erkranken deutlich mehr Menschen an Magenkrebs, als im Rest der Republik. Besonders viele Neuerkrankungen gibt es in Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Woher der Unterschied kommt, ist unklar. Quelle: ZB

WirtschaftsWoche Online: Professor Platten, Sie haben eine Impfung gegen Krebs entwickelt. Wie funktioniert sie?

Michael Platten: Unser Impfstoff macht das Immunsystems des Körpers aufmerksam auf eine bestimmte Abfolge von Eiweißbausteinen, die ausschließlich in Tumorzellen vorkommen, nicht aber in gesunden Zellen. Wir haben festgestellt, dass in Hirntumoren, den sogenannten Gliomen, typischerweise eine Genveränderung auftritt, die zu diesen veränderten Eiweißen führt. Also haben wir diese veränderten Eiweiße, so genannte Peptide, im Labor nachgebaut und zusammen mit einem Impfverstärker, wie er auch in handelsüblichen Impfungen eingesetzt wird, unsern Versuchsmäusen unter die Haut gespritzt.

Zur Person

Diese Mäuse hatten Tumore?

Ja, in einem sehr komplizierten Verfahren haben wir bei den Mäusen, die typisch menschliche Immunsystem-Gene besaßen, Tumore mit dieser spezifischen Genmutation erzeugt. Diese Tumore haben wir dann eingepflanzt, um zu testen, ob die Impfung wirkt.

Und wie war der Effekt?

Hervorragend. Bei nahezu allen Mäusen, die die Impfung bekamen, hörten diese Tumore auf zu wachsen. In der Kontrollgruppe, die eine Placebo-Impfung erhielt, wucherten die Gliome dagegen weiter. Das heißt, die Impfung funktioniert.

Jedenfalls bei Mäusen. Wenn werden Sie die Impfung an Menschen erproben?

Den Antrag für eine erste klinische Studie am Menschen bereiten wir gerade vor. Ich rechne damit, dass wir Anfang 2015 los legen können.

Der Heidelberger Neuroonkologe, Michael Platten, im Interview mit WirtschaftsWoche Online. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Könnten Menschen sich eines Tages mit Ihrer Impfung ganz generell vor Hirntumoren schützen?

Nein, es handelt sich um eine typische therapeutische Impfung, die bei bereits erkrankten Menschen eingesetzt werden soll. Aber gerade bei Hirntumoren wäre eine solche Therapie sehr hilfreich. Denn fast alle Hirntumore beginnen irgendwann wieder zu wachsen – meist einige Jahre nachdem Ärzte sie operativ entfernt, bestrahlt und mit einer Chemotherapie eingedämmt haben. Dieses erneute Aufflammen soll unsere neue Impfung unterbinden.

Unterscheidet sich Ihr Ansatz von anderen therapeutischen Krebs-Impfungen, die schon weiter in der Entwicklung sind, etwa vom Tübinger Biotech-Unternehmen Immatics?

Unser Impfstoff ist tatsächlich etwas anderes, weil dieses Peptid nur bei Tumorzellen, aber nie bei gesunden Zellen vorkommt. Die Krebs-Impfstoffe von Immatics und anderen Firmen und Forschergruppen richten sich dagegen bislang auf Eiweiße, die zwar gehäuft, aber nicht ausschließlich bei Krebszellen zu finden sind. Deshalb gehen wir davon aus, dass unser Impfstoff noch zielgerichteter sein wird.

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