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Oliver Brüstle"Therapeutisches Klonen hat keine klar ersichtlichen Vorteile"

Erstmals ist es Forschern gelungen, menschliche Zellen zu klonen - bringen wird es der Medizin jedoch nichts. Stammzellforscher Oliver Brüstle ist davon überzeugt, dass der Durchbruch zu spät kommt.Susanne Kutter 16.05.2013 - 18:12 Uhr

Der deutsche Stammzellforscher Oliver Brüstle ist sich sicher, dass das Klonen von Stammzellen der Medizin nichts bringt. Längst gibt es bessere Stammzell-Methoden.

Foto: AP

WirtschaftsWoche: Warum war es so schwierig, Menschen zu klonen? Die Technik des Zelltransfers, die bei Dolly klappte, ist ja schließlich schon 17 Jahre alt.

Oliver Brüstle: Warum das beim Menschen so schwierig ist, kann niemand genau sagen. Doch die Forscher sind in dieser Studie eben genau dieser Frage nachgegangen, woran die bisherigen Versuche mit menschlichen Zellen scheiterten. Sie stellten fest, dass einer der Schlüsselpunkte die vorzeitige Aktivierung der Eizellen war. Die musste unterbunden werden. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Mit Kaffee klappte es?

Ja, offensichtlich waren die Zugabe von Koffein und andere Neuerungen wie der Einsatz eines Virus für die Zellfusion in er Lage, den Reprogrammierungsprozess so zu optimieren, dass aus den geklonten Zellen Stammzelllinien entwickelt werden konnten.

Medizin

Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen

Als der südkoreanische Klonforscher Hwang Woo-suk seine – frei erfundenen – Ergebnisse von angeblich geklonten menschlichen embryonalen Stammzellen 2004 und 2005 im renommierten Wissenschaftsjournal „Science“ veröffentlichte, hegte niemand Zweifel. Halten Sie die Befunde diesmal für echt?

Nach allem, was man bisher sagen kann, ja. Mir ist zumindest beim Lesen der Studie nichts aufgefallen, was rote Warnlampen aufleuchten lassen würde. Was mich allerdings ein wenig irritiert hat ist die kurze Zeit, die zwischen dem Einreichen der Arbeit und ihrer Annahme durch die die Zeitschrift „Cell“ lag. Das waren nur wenige Tage. Normalerweise dauert solch ein Prozess, in dem andere, renommierte Forscher im Auftrag der Zeitschrift die Arbeit begutachten und auf mögliche Unstimmigkeiten hin prüfen, mehrere Wochen. Aber ich gehe davon aus, dass ein angesehenes Fachblatt wie „Cell“ gerade nach der Vorgeschichte mit Herrn Hwang hier sorgfältig geprüft hat.

Sind die Forscher denn bekannt?
Es sind Kollegen, die bereits in der Vergangenheit durch Publikationen in hochrangigen Journalen aufgefallen sind – also kein Team, das unbekannt ist.

Welche Arten wann zum ersten Mal kopiert wurden - und wie viele geklonte Exemplare es jeweils weltweit gibt, Fotos: dpa, John Engelhardt, Audubon, Loi Pasqualino

Foto: unbekannt

Dolly, *5. Juli 1996, Schaf, mehrere Hundert Klone, Foto: dpa

Foto: unbekannt

Cumulina (ganz oben), * 3. Dezember 1997, Maus, mehrere Hundert Klone, Foto: dpa

Foto: unbekannt

Mira mal drei, * 15. Oktober 1998, Ziege, mehrere Hundert Klone, Foto: rtr

Foto: unbekannt

Millie, Christa, Alexis, Carrel und Dotcom, * 5. März 2000, Schwein, mehr als 1500 Klone, Foto: dpa

Foto: unbekannt

Ombretta, * 7. Juli 2000, Mufflon, wenige Klone, Foto: Loi Pasqualino

Foto: unbekannt

Noah, * 8. Januar 2001, Gaur (Wildrind), wenige Klone, Foto: dpa

Foto: unbekannt

CC (Copy Cat), * 22. Dezember 2001, Hauskatze, mehr als 10 Klone, Foto: A&M University

Foto: unbekannt

Ralph, * 30. November 2002, Ratte, mehr als 15 Klone, Foto: dpa

Foto: unbekannt

Idaho Gem, * 4. Mai 2003, Maultier, wenige Klone, Foto: AP

Foto: unbekannt

Promotea, * 28. Mai 2003, Pferd, etwa 20 klone, Foto: Laif

Foto: unbekannt

Ditteaux, * 6. August 2003, Afrikanische Wildkatze, wenige Klone, Foto: Audubon

Foto: unbekannt

Libby und Lilly, * 14. März 2004, Frettchen. wenige Klone, Foto: John Engelhardt

Foto: unbekannt

Snuppy, * 24. April 2005, Hund, etwa zehn Klone, Foto: Laif

Foto: unbekannt

Snuwolf und Snuwolffy, * 18./26. Oktober 2005, Wolf, etwa fünf Klone, Foto: AP

Foto: unbekannt

Welche Vorteile hätten solche embryonalen Stammzellen für die medizinische Behandlung?
Bislang keine klar ersichtlichen. Patienteneigene Stammzellen lassen sich seit einigen Jahren auf wesentlich weniger problematische Art und Weise über das Verfahren der Zellreprogrammierung direkt aus Haut- oder auch Blutzellen herstellen – ohne hierfür einen Embryo zu klonen. Shinya Yamanaka ist für die Erstbeschreibung dieser induziert pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) kürzlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Angesichts dieser sehr effizienten und ethisch weitgehend unproblematischen Alternative sehe ich für geklonte Stammzellen wie sie jetzt beschrieben wurden keine große therapeutische Relevanz.

Die Forscher der Studie schlagen das sogenannte therapeutische Klonen ja für einige Erkrankungen vor, bei denen die Mitochondrien, also die Kraftwerke der Zellen betroffen sind. Das ist auch ihr ursprüngliches Forschungsgebiet. Hätte es dort Vorteile?

In der Tat entstehen bei dem jetzt beschriebenen Verfahren Stammzellen, deren Mitochondrien überwiegend aus der Eizelle stammen. Schadhafte Mitochondrien ließen sich so theoretisch durch gesunde ersetzen. Ob dies angesichts der damit zusammenhängenden Probleme wie Eizellspende und Erzeugung eines frühen Embryos klinisch realisierbar ist, halte ich für sehr fraglich.


Wäre das Verfahren denn legal?

In Deutschland wäre es in jedem Fall verboten. In Europa wäre es in Großbritannien durchführbar. Eventuell auch in Schweden.

Sie haben ja das erste europäische Patent auf eine embryonale Stammzelllinie erteilt – und nach jahrelangen rechtlichen Streitereien vor wenigen Monaten wieder aberkannt bekommen. Ließen sich solche Zellen patentieren?

Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs sind Verfahren, welche embryonale Stammzellen mit einbeziehen, von der Patentierbarkeit ausgeschlossen. Das gilt auch für geklonte embryonale Stammzellen.

Ist die erneut entfachte Diskussion dennoch hilfreich?

Nein, nicht wirklich. Das Verfahren knüpft an die Dolly-Methode aus dem Jahr 1997 an. Inzwischen hat das Feld mit den iPS-Zellen sehr effiziente Alternativen. Aber die Diskussion kann dazu beitragen, über Regelungen nachzudenken, die möglichem Missbrauch entgegenwirken – etwa eine internationale Konvention zum Verbot reproduktiven Klonens.

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