Raumfahrt-Start-up Billiger als Elon Musk

Günstiger ins All: Das Raumschiff Skylon setzt auf recycelte Raketen. FOTOS: GETTY IMAGES, PR [MONTAGE WIRTSCHAFTSWOCHE]

Ein neuer Antrieb könnte die Raketen von SpaceX ersetzen: Raumschiffe sollen aus eigener Kraft ins All starten – mit Technik aus Bayern.

In Kinofilmen sieht es so leicht und komfortabel aus: Da heben Raumschiffe wie Flugzeuge ab, schalten auf Überschallantrieb und sind ruck, zuck im Weltraum. In Wirklichkeit zwängen sich Astronauten in kleine Raumkapseln, die auf riesige Raketen geschnallt sind. Sie sind viele Millionen Euro teuer und verglühen kurz nach dem Start. Nur die Raumschiffe überdauern den Flug.

Richard Varvill will das ändern. „Wir müssen Raumfähren wiederverwerten, damit Raumflüge massiv billiger werden“, sagt der Gründer und Technikchef des britischen Start-ups Reaction Engines.

Raumflüge, so seine Vision, sollen einem Flug über den Atlantik ähneln. Dafür entwickeln Varvill und sein Team einen neuartigen Antrieb: Sabre vereint Düsenjet und Rakete und soll in ein paar Jahren das Herzstück eines Raumtransporters namens Skylon werden. Das Raumschiff, das in Konzeptzeichnungen wie ein lang gestrecktes Spaceshuttle aussieht, kann wie im Kino von einem Flugplatz abheben, ins All starten und wieder landen, so die Vision: kurze Wartung, nächster Trip. Reisen in die Schwerelosigkeit würden dann weniger als zehn Millionen Euro kosten, schätzt Reaction Engines. Zum Vergleich: Elon Musks SpaceX-Raketen, die aktuell billigsten am Markt, verschlingen mehr als 60 Millionen Dollar pro Start.

Für die Idee hat Reaction Engines vor ein paar Tagen 37 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt – beim Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing und beim Triebwerkshersteller Rolls-Royce.

Zugleich hat das Start-up einen neuen Partner gefunden, und zwar in Bayern: In Aschau am Inn, zwischen Kiefern und Tannen, liegen dessen Büros und Labore, verstreut zwischen Bahnschienen und Wällen aus Erde und Beton, die an Teststände auf einem Militärgelände erinnern. Schilder mahnen zur Vorsicht: Hier wird mit Sprengstoff gearbeitet. Bisher fertigt Bayern-Chemie mit 200 Mitarbeitern vor allem spezielle Antriebe für das Militär – etwa für Raketen, die am Kampfflieger Eurofighter eingesetzt werden. Nun aber „wollen wir mit unserer Technologie auch ins Raumfahrtgeschäft einsteigen“, sagt Firmenchef Wolfgang Rieck.

Das Skylon-Raumschiff basiert auf einer komplexen Technologie: Es kann nicht einfach ein Raketentriebwerk zünden und ins All fliegen, das würde zu viel Treibstoff kosten. Daher soll der neue Antrieb zunächst Sauerstoff aus der Luft nutzen statt aus einem Tank. Dazu muss die Luft verdichtet werden.

Die Technik entwickelt Bayern-Chemie: Die Ingenieure leiten die einströmende Luft so geschickt ins Triebwerk, dass sich dort der nötige Druck aufbaut. Im Betrieb soll das Raumschiff damit eine mehr als fünffache Schallgeschwindigkeit und 30 Kilometer Höhe erreichen. Damit die verdichtete Luft, die extrem heiß wird, nicht das Triebwerk zerstört, hat Reaction Engines ein Kühlaggregat entwickelt: eine Trommel aus Röhren, einen Millimeter dünn, zusammen 2000 Kilometer lang, durch die tiefgekühltes Helium fließt. Dadurch sinkt die Temperatur der einströmenden Luft in Sekundenbruchteilen von 1000 Grad Celsius auf minus 150 Grad.

Erst in 30 Kilometer Höhe, wo die Atmosphäre dünn wird, schaltet der Motor auf Raketenantrieb um, holt den Sauerstoff dazu aus einem Tank und beschleunigt auf 8,5 Kilometer pro Sekunde – und setzt die Reise ins All fort.

Skylon, so die Hoffnung, könnte Touristen zu Raumstationen fliegen, neue Satelliten ins All setzen oder alte reparieren. Sogar Solarkraftwerke im All, die Energie zur Erde schicken, würden rentabel, hofft Reaction-Engines-Gründer Varvill. Obendrein kämen Überschall-Jets mit dem gleichen Antrieb in vier Stunden von London nach Sydney.

Diesen Sommer soll das Kühlaggregat in den USA ausführlich getestet werden. 2020 wollen die Entwickler den kompletten Kern des neuen Motors zum ersten Mal prüfen. Ob daraus ein revolutionäres Raumschiff wird, vielleicht schon 2025 – das hängt davon ab, ob Reaction Engines und Bayern-Chemie weiteres Geld einsammeln können.

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