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Wach-Operationen Wenn Patienten mit dem Skalpell im Kopf sprechen

Chirurgen operieren am Hirn, während die Patienten bei vollem Bewusstsein sind. Was bei Wach-Operationen passiert, klingt gruselig, hilft aber, Folgeschäden zu vermeiden.

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Wach-OP am offenen Gehirn Quelle: Getty Images

Als Johanna Dacher* erfuhr, dass ein faustgroßer Tumor in ihrem Kopf wucherte, war die Physiotherapeutin aus Stuttgart völlig verzweifelt: „Ich bin wegen einer lästigen, aber harmlosen Migräne zum Arzt gegangen und kam mit einem Todesurteil nach Hause.“

Doch die damals 32-jährige Mutter eines Säuglings und eines zweijährigen Sohnes wollte nicht sterben. Sie wollte leben. Und das noch möglichst lange und ohne Behinderungen.

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Ihr Tumor musste raus, das war klar. Schnell zeigte sich aber: Es könnte schwierig werden, ihn im Gehirn der sonst kerngesunden Frau zu entfernen. Denn die Ärzte könnten dabei wichtige Areale von Nervenzellen verletzen, die das Sprechen steuern.

Die junge Mutter entschied sich daher für eine schaurig klingende Behandlung, die immer mehr Kliniken anbieten: eine Wach-Operation. Dabei sind die Patienten zwar in Narkose, wenn die Chirurgen den Schädel öffnen, aber bei vollem Bewusstsein, während die Chirurgen am Hirn operieren.

Möglich wird das, weil das Denkorgan – obwohl vollgestopft mit Nervenzellen – keine Schmerzen empfindet. Nur Haut und Schädelknochen müssen betäubt werden.

„Nie im Leben“ würde sie das bei sich machen lassen, war Dachers erste Reaktion. Doch dann ließ sie sich im Heidelberger Universitätsklinikum beraten. Andreas Unterberg, Direktor der Heidelberger Universitätsklinik für Neurochirurgie, konnte ihr die Vorteile der Technik sehr gut erklären. Sie erkannte: „Das war meine einzige Chance, heil aus der Sache herauszukommen.“

Unterberg schildert es so: „Wenn die Patienten ansprechbar sind, können wir sehr genau kontrollieren, wie viel wir wegschneiden dürfen.“ Das sei nicht bei allen Eingriffen nötig, aber gerade beim Sprachzentrum hilfreich: „Denn das können wir mit unseren bildgebenden Verfahren sehr schlecht orten.“

Zehn Stunden lag die krebskranke Mutter auf dem OP-Tisch – und musste immer wieder Fragen beantworten. Hinter ihr holten derweil die Chirurgen mit Saugern und Skalpellen den Krebs aus ihrem Kopf.

„Ich musste Sätze verneinen und mich wirklich konzentrieren“, erinnert sich Dacher. Nur dass der Kopf festgeschnallt war, sei unangenehm gewesen: „Es war nicht schlimm – vor dem Zahnarzt habe ich mehr Angst.“

Zahl der Wach-OPs steigt

Kommen die Operateure an einen sehr heiklen Bereich im Gehirn, schalten sie meist mit winzigen Stromstößen ein Areal kurzfristig aus, um zu sehen, ob der Patient plötzlich stottert, lallt oder „Blumsel statt Blume sagt“. Dann müssen die Operateure aufhören, noch mehr Gewebe abzutragen.

Das falle Ärzten gar nicht so leicht, weiß der Logopäde Holger Schmidt, der am Universitätsklinikum Göttingen Wach-OP-Patienten betreut: „Die Chirurgen schneiden ja lieber mit etwas Abstand drum herum, damit sie den Tumor auch ganz sicher erwischen.“

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Das geht im Gehirn nicht immer. Manchmal muss ein Teil des bösartigen Gewebes zurückbleiben. So war es auch bei Dacher: Ein walnussgroßes Stück konnten die Mediziner nicht entfernen, sonst hätte sie nie mehr sprechen können. Diesen Tumorrest brachten die Ärzte mit einer Chemotherapie zum Schrumpfen. Die Krebswucherung hat sich seither nicht mehr vergrößert. Heute hat die mittlerweile 33-Jährige keine sprachlichen Ausfälle, obwohl nun ein riesiger Hohlraum in ihrem Gehirn klafft.

Meist bieten nur universitäre Kliniken wie in Heidelberg und Göttingen solche Wach-OPs an, aber „die Zahl nimmt zu“, beobachtet Unterberg. Dabei sei die Technik schon in den Neunzigerjahren entwickelt worden. „Doch erst jetzt wagen sich mehr und mehr junge Chirurgen daran“, sagt Unterberg. Der Grund: Sie haben mehr Routine mit hochpräzisen Eingriffen auch tief im Hirn.

Das bestätigt auch Veit Rohde, Direktor der Göttinger Universitäts-Klinik für Neurochirurgie, wo pro Jahr fünf bis zehn Patienten per Wach-OP von Tumoren befreit werden. Er schätzt die Technik sehr. Sein Argument: Wenn die Chirurgen testen wollen, ob ein Patient nach der Hirnoperation noch Arme und Beine bewegen kann, reizen sie die Hirnareale mit Strom, und die Gliedmaßen zucken.

Doch komplexe Denkprozesse oder Sprache ließen sich nicht in Narkose testen, so Rohde: „Dazu brauchen wir die Mithilfe der Patienten – und dazu müssen sie wach sein.“

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