"1000 Songs in deiner Tasche" verspricht Apple-Chef Steve Jobs 2001 bei der Markteinführung des ersten iPods.
Foto: REUTERSDurchbruch: Die Erfindung von MP3 – und der Siegeszug mobiler Musik
Immer wieder spielt Karlheinz Brandenburg die A-capella-Version des Songs „Tom’s Diner“ ab. Er mag den Ohrwurm. Doch deshalb hört er ihn nicht in Endlosschleife. Er hat in einer Hifi-Zeitschrift gelesen, dass Hersteller von Lautsprechern die Stimme der Sängerin Suzanne Vega nutzen, um die Qualität ihrer Geräte zu testen. Und nun soll ihr Gesang die Technik, an der Brandenburg und seine Kollegen forschen, perfektionieren.
Zurückgespult ins Jahr 1982: Student Karlheinz Brandenburg beginnt in Erlangen seine Doktorarbeit. Sein Doktorvater Dieter Seitzer hatte die Idee, Musik so zu komprimieren, dass sie über eine digitale Telefonleitung (ISDN) verschickt werden kann. Und nun forschen auch Brandenburg und weitere Studenten daran. Bald geht es nicht mehr nur um ISDN-Telefonie, sondern ganz grundsätzlich um die Codierung von Musiksignalen.
Brandenburg beschäftigt sich mit dem Ohr, findet heraus, dass manche Tonlagen für Menschen so ähnlich klingen, dass sie Unterschiede zwischen ihnen gar nicht heraushören. Fallen Töne weg, leidet die Qualität eines Musikstückes nicht. Die Größe der Datei aber reduziert sich auf ein Zehntel des Speicherplatzes, der bislang auf einer CD benötigt wird.
Das Team, das MP3 entwickelt hat, 1987 mit Leiter Heinz Gerhäuser (sitzend) und Karlheinz Brandenburg (2. v. r.)
Foto: WirtschaftsWocheDie Studenten tun sich mit Forschern des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen zusammen. Für 1000 Mark kauft Brandenburg Schallplatten aller Genres von Klassik bis Metal. Je nach Musikgeschmack kann jeder Forscher auf andere Feinheiten achten. Suzanne Vegas Stimme ist besonders schwierig. Immer wieder muss die Technik verbessert werden. Doch es gelingt.
Die Arbeit von Brandenburg und seinen Kollegen stellt die Musikbranche auf den Kopf. 1994 präsentieren sie den ersten Prototypen eines MP3-Players. Ein Jahr darauf wird „mp3“ als Endung für das neue Dateiformat festgelegt. Zum ersten Mal ist es möglich, Musik weltweit über das Internet auszutauschen. Illegale Downloadportale wie Napster oder eDonkey gehen online. 1998 kommt der erste MP3-Player auf den Markt. Auch Apple-Chef Steve Jobs erkennt das Potenzial, er präsentiert den ersten iPod.
Der Prototyp des MP3-Players, des weltweit ersten Musikabspielgeräts ohne bewegliche Teile.
Foto: WirtschaftsWocheSo findet die Branche in den 2000er-Jahren neue Geschäftsmodelle, etwa mit dem iTunes Music Store und legalen Streamingdiensten wie Spotify. Dass die Erfinder davon nichts gehabt haben, ist eine Legende: „Allein die Fraunhofer-Gesellschaft hat über die Jahre durch Lizenzen für die MP3-Patente über eine halbe Milliarde Euro eingenommen“, sagte Brandenburg einmal der „NZZ“. Suzanne Vega, mit deren Gesang alles anfing, war später mal im Fraunhofer IIS zu Gast. Dort wird auch heute noch erfolgreich an Audiotechnik geforscht, die etwa in Smartphones genutzt wird.
Dieser Artikel erscheint in unserer Reihe WiWo History.
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