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Studie zu Gesundheitsfolgen Macht Fracking krank?

US-Forscher warnen in einer neuen Studie vor den Gesundheitsrisiken durch Fracking. Die Resultate sind umstritten. Doch was bedeutet die amerikanische Untersuchung für Deutschland?

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Schild Stop Fracking Quelle: dpa

Macht Fracking krank? Dieser Frage sind Wissenschaftler der renommierten Yale Universität und der Universität von Washington nachgegangen. Das Ergebnis: Menschen, die in der Nähe einer Fracking-Bohrstelle leben, berichten häufiger von Haut- und Atemwegserkrankungen als andere.

Für Fracking-Gegner ist die Studie ein weiteres Argument, warum die Technologie verboten werden sollte. Allerdings zweifeln die Forscher selbst, was die Ursachen für die Beschwerden sind.

Doch der Reihe nach: Für die Studie wurden die Erkrankungen von 492 Personen in 180 zufällig ausgewählten Haushalten in Pennsylvania statistisch überprüft. Im Südwesten des US-Bundesstaates gibt es über 600 Erdgasbohrlöcher.

Beim Hydraulic-Fracturing-Verfahren, kurz Fracking, wird Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe mit Hilfe eines Gemischs aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck aufgebrochen und Gas aus den tiefen Schichten gewonnen. In den Vereinigten Staaten hat die Technologie zu einem Boom dieser sogenannten unkonventionellen Förderung geführt.

Was hinter „Fracking“ steckt

39 Prozent derer, die weniger als einen Kilometer von Fracking-Bohrstellen wohnen, hatten mit Atemwegserkrankungen zu kämpfen – darunter Husten und juckende Augen. Wer zwei Kilometer entfernt lebt, klagte noch zu 18 Prozent über die Symptome. Auch Hautreizungen traten gehäuft auf. 13 Prozent derer, die im Umkreis von zwei Kilometern wohnen, hatten damit zu kämpfen. Bei denen, die weiter weg wohnten, waren es nur drei Prozent.

Die Autoren der Studie sind sich einigen Mängeln bewusst. So wurden die Bewohner rund um die Bohrstellen nicht von Ärzten untersucht. Sie berichteten die Gesundheitsprobleme selbst – ohne Überprüfung von Fachleuten. Zudem sei es möglich, so die Wissenschaftler, dass die Erkrankungen auf andere Ursachen zurückzuführen sind.

Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hatte in den Jahren 2011 und 2012 eine groß angelegte Risikostudie zur Umweltverträglichkeit der Fracking-Technologie durchgeführt. Er bezweifelt die Aussagekraft der US-Untersuchung. Mit Blick auf die kleine Datenbasis könne sie „maximal als Indiz verstanden werden“, sagt Borchardt. Die Gesundheitsprobleme könnten auch durch andere Faktoren zustande gekommen sein, beispielsweise durch Rauchen oder Allergien: „Das wissen wir schlichtweg nicht.“

Warum Fracking für den Erfolg der Energiewende wichtig ist

Frank Umbach vom Europäischen Zentrum für die Energie- und Ressourcensicherheit am King’s College in London kritisiert zudem, dass die Regulierungsauflagen und Bedingungen für Sicherheit und Umweltschutz in den einzelnen Gasfeldern nicht näher erläutert werden. Die meisten Risiken würden nicht mit der Fracking-Technologie selbst zusammenhängen, sondern mit der Förderung von Öl und Gas im Allgemeinen. „Die Gesundheitsprobleme können auch auf konventionelle Öl- und Gasförderungen oder sonstige Minenaktivitäten zurückgehen.“

Ulf Sieberg vom Naturschutzbund Nabu will dieses Argument nicht gelten lassen. „Wenn wir schon konventionelle Gasförderung nicht sicher hinbekommen, können wir doch Fracking nicht erlauben“, sagt er. Für ihn ist die US-Gesundheitsstudie ein weiteres Argument, warum Fracking in Deutschland nicht zugelassen darf.

Für Frank Umbach vom King’s College ergeben sich hingegen kaum Erkenntnisse für Deutschland. „Hierzulande ist die Gefahr, dass durch Chemikalien das Grundwasser kontaminiert wird, wesentlich geringer als in den USA.“ Das Schiefergas befände sich für gewöhnlich weit tiefer unter dem Grundwasserspiegel als in den USA.

Das "Handelsblatt" hatte kürzlich berichtet, dass es dem amerikanischen Mineralölkonzern Exxon gelungen sei, eine Frac-Flüssigkeit ohne toxische Chemikalien herzustellen. Neue Gesetze, die derzeit von Umweltministerin Barbara Hendricks und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (beide SPD) erarbeitet werden, würden aber auf ein Verbot der kommerziellen Schiefergasförderung in Deutschland hinauslaufen.

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Fracking-Experte Dietrich Borchardt kann das nicht nachvollziehen: „Unter bestimmten Auflagen ist Fracking eine Technologie, die ohne größere Risiken eingesetzt werden kann“, argumentiert er. Jedoch gebe es eine große Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen und der politischen Bewertung der Technologie.

Mit Blick auf die Versorgungssicherheit warnt Borchardt vor einem Fracking-Verbot: „Wenn die Energiewende gelingen soll, ist Deutschland auf heimische Gasvorkommen angewiesen.“ Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften befinden sich etwa 13 Billionen Kubikmeter Erdgas im Boden, welche durch Fracking gefördert werden könnten. Damit ließe sich etwas 13 Jahre lang der gesamte Gasbedarf in Deutschland decken.

Noch in diesem Monat wollen die Bundesminister Gabriel und Hendricks ihren Gesetzesentwurf zum Fracking vorlegen. Dass die unterirdischen Gasvorkommen künftig erschlossen werden, ist nicht wahrscheinlich.

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