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Valley TalkInternetriesen ignorieren die wichtigsten Probleme

Die High-Tech-Elite inszeniert sich gerne als Wohltäter der Menschheit - doch die Probleme vor der eigenen Haustür ignoriert sie.Matthias Hohensee 10.07.2014 - 06:00 Uhr

Für das größte Problem vor der eigenen Haustür - den Wassernotstand - interessiert sich die High-Tech-Elite im Silicon Valley kaum.

Foto: AP

Die Macher im Silicon Valley präsentieren sich gern als Wohltäter der Menschheit, für deren Erfindergeist und unternehmerisches Geschick kein Problem der Erde zu groß ist. Sofern es eine technische Lösung gibt – und sich ein Geschäft machen lässt. Das Internet der Dinge etwa, bei dem jeder Gegenstand mit dem weltweiten Datennetz verknüpft ist, preisen Konzerne wie Google, Cisco und General Electric mit markigen Versprechungen an. Sie wollen durch intelligentere Steuerung den Energieverbrauch senken und mit der Ausrüstung eine Menge Geld verdienen.

Für das größte Problem vor der eigenen Haustür – den Wassernotstand – interessiert sich dagegen kaum jemand.

Blick aus der Röhre

Viele Bergfans wollen am liebsten im Einklang mit der Natur wandern. Wenn es aber im Hochgebirge abends kalt wird, benötigen sie nicht nur Schutz, sondern sie verbrauchen oft auch Kerosin, Gas oder Batterien für ihre Kocher. Eine überlebenssichernde und umweltfreundliche Übernachtungsmöglichkeit bietet jetzt die italienische Designfirma Leap-Factory. Ihre röhrenartige, schnee- und sturmsichere Mini-Lodge ist im Schnitt 3,5 Meter breit, acht Meter lang und 2,80 Meter hoch. In ihr sind Tische, Stühle, Toiletten und Waschbecken installiert. Nach Bedarf gibt es Kojenplatz für zwei bis zwölf Personen. Dafür dass es bei traumhafter Aussicht auf Himmel und Berge warm bleibt, sorgt die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Das Handicap: Mindestens 200 000 Euro kostet die 2500 Kilogramm schwere und mehrmodulige Schlafkapsel. Damit sich der Aufwand rechnet, bleibt das Biwak mehrere Wochen auf dem Berg und kann von verschiedenen Wanderern benutzt werden.

Foto: PR

Sonnengrill statt Feuerstelle

Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA wollen den ultimativen Traum aller grünen Barbecue-Fans Realität werden lassen: Sie entwickeln einen Grill, der Hitze mithilfe von Sonnenenergie erzeugt, Wärme speichern kann und dadurch sogar nachts funktioniert. Ihr Prototyp baut auf einer Technologie von MIT-Professor David Wilson auf: eine spezielle, besonders leichte Linse bündelt das Sonnenlicht, das in Lithiumnitrat-Zellen gespeichert wird. Mit der Hitze der Wärmespeicher lassen sich dann Steak und Wurst grillen. Vor allem aber ist der „Cooker“ laut Wilson als umweltfreundliche und energiesparende Alternative zu den offenen Holzfeuern gedacht, die die Menschen in Entwicklungsländern als Kochstelle nutzen. Jeden Tag verbrennen weltweit mehr als drei Millionen Tonnen Feuerholz unter Töpfen und Pfannen. Vor allem in afrikanischen Regionen wird das Holz knapp. Wilsons Grill speichert Sonnenenergie für 25 Stunden und heizt auf über 230 Grad hoch. Solargrills mit derartiger Kapazität gab es zuvor nicht.

Foto: PR

Wirbel-Säule

Frischer Wind aus Bayern: Das Unternehmen MRT Wind hat eine neues Minikraftwerk für den Zuhause-Gebrauch entwickelt. Das Besondere: Das 2,50 Meter hohe Windrad dreht sich nicht wie die üblichen Propeller-Systeme um die Horizontalachse, sondern um die Vertikalachse. „Dadurch kann man unabhängig von der Windrichtung Strom erzeugen“, erklärt Geschäftsführer Neil Cook. Ab einer Windgeschwindigkeit von 1,5 Metern pro Sekunde gewinne die Anlage Energie. Die Miniwindräder sind nach Herstellerangaben lautlos und lassen sich genehmigungsfrei installieren. Die ersten Testgeräte sind in Betrieb. Preis: ab 7000 Euro pro Stück.

Foto: PR

Leselicht in Hülle und Fülle

Der US-Hersteller SolarFocus bringt Licht ins Dunkle des E-Readers von Amazon: Mit einer leuchtenden Hülle namens Solar Kindle Lighted Cover. Sie schützt das Gerät nicht nur vor Kratzern, sondern bietet dem E-Reader auch eine netzunabhängige Notstromversorgung sowie eine LED-Leselampe. Damit lässt sich der Kindle nun auch in absoluter Dunkelheit nutzen. Gespeist wird das Licht aus einem eingebauten Akku, der über die Solarzellen auf der Außenseite der Hülle geladen wird. Auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, eine der weltweit größten Messen für Unterhaltungselektronik, ist die Hülle als eine der besten Innovationen 2012 in der Kategorie nachhaltige Technologien ausgezeichnet worden. Schon nach acht Stunden Sonnenlicht, so verspricht der Hersteller, habe die Batterie genug Saft, um dem Kindle drei Tage Strom zu liefern. Kosten: rund 80 Dollar.

Foto: PR

Insel-Lösung in der Südsee

Es könnte ein Entwurf des US-Verpackungskünstlers Christo sein. Tatsächlich haben sich japanische Architekten der Shimizu Corporation diese überdimensionale Seerosenstadt ausgedacht – mit kompletter Infrastruktur und üppiger Vegetation. In der Südsee auf der Höhe des Äquators soll die klimafreundliche, selbstversorgende Trauminsel schwimmen. Dort gibt es viel Sonne und kaum Taifune. Das Fundament soll aus wabenförmigen, mit Wasser und Luft gefüllten Betonröhren bestehen, um so der Insel Auftrieb und Stabilität zu verschaffen. Die Technik haben die Japaner bereits bei schwimmenden Bohrinseln erprobt. Jede ihrer sogenannten grünen Flossen hat einen Durchmesser von drei Kilometern und einen Hauptwohnbezirk mit einem kelchartigen, 1000 Meter hohen Wohn- und Arbeitsturm, in und um den herum 40.000 Menschen wohnen sollen. 350 Hektar Nutzfläche bleiben den Bewohner, um ihre Lebensmittel zu produzieren. Baubeginn soll 2050 sein.

Foto: PR

Stadt-Tomaten

Weil es Kosten und Energie spart, erobert die Landwirtschaft die Innenstädte. In Deutschland soll nun „inFarming“ beginnen, ein Erntesystem fürs Büro, in dem Pflanzen vom gereinigten Abwasser und der Abwärme der Gebäude gedeihen. „Wir wollen Dächer für den Anbau von Gemüse nutzen“, sagt Volkmar Keuter, der verantwortliche Leiter am Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik. Die Idee: Nach dem Job erntet der Angestellte noch im Gewächshaus auf dem Bürodach sein Gemüse. Auf einem Viertel der 1200 Millionen Quadratmeter deutschen Büroflachdächer könnten die Pflanzen gedeihen, rechnet Keuter vor. Sie würden in Städten jährlich rund 28 Millionen Tonnen CO2 binden. Das entspreche 80 Prozent der CO2-Emissionen von industriellen Betrieben in Deutschland. Erste Versuche laufen derzeit im Fraunhofer-Testhaus für neue Gebäudesysteme in Duisburg.

Foto: dpa

Superunkräuter und Powerwanzen

Gentechnisch veränderte Pflanzen schaden Bauern mehr als sie nutzen. Das ist das Fazit einer Studie von 20 führenden Umwelt- und Verbraucherschutzvereinigungen aus aller Welt, die auch Regierungen beraten. Dabei waren die Verheißungen groß: schmackhaftere Erdbeeren, weniger Unkrautvernichtungsmittel und höhere Erträge für Raps, Mais, Soja und Baumwolle. Sogar Welthunger, Klima- wandel und Bodenerosion sollten die Pflanzen zurückdrängen, deren Erbgut Biologen im Labor gezielt verändert haben. „Doch keines der Versprechen, das die Hersteller vor 20 Jahren zur Einführung der vermeintlichen Wunderpflanzen gaben, haben sie erfüllt“, heißt es in der Studie.

Stattdessen leiden Bauern unter negativen Auswirkungen: In Brasilien und Argentinien setzen sie auf ihren Feldern heute doppelt so viel Unkrautvernichtungsmittel ein wie auf konventionellen Feldern; auf Indiens Baumwollfeldern ist der Einsatz von Pestiziden sogar um das 13-Fache gestiegen. In China hat sich durch den Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle eine an sich harmlose Population von Wanzen verzwölffacht und bedroht jetzt die Pflanzen. In den USA, wo die meisten genmanipulierten Pflanzen wachsen, fördert ihr Anbau die Ausbreitung von Superun-kräutern, die Unkrautvernichtungsmitteln widerstehen.

Die drei großen Saatgutunternehmen Monsanto, Dupont und Syngenta kontrollieren heute mehr als zwei Drittel der weltweiten Saatgutverkäufe. Monsanto hat zudem 95 Prozent des indischen Saatgutmarktes für Baumwolle im Griff. Die Folge: Die Preise steigen stetig.

Foto: dpa/dpaweb

Erneuerbare Energien

11 Milliarden Euro haben die Deutschen beim Import von Brennstoffen wie Öl und Gas durch erneuerbare Energien 2011 eingespart. Ihr Anteil an der Stromversorgung lag im Jahr 2011 bei rund 20 Prozent. Das ergab eine Studie des Bundesverbandes Erneuerbare Energie.

Foto: dpa

Seit drei Jahren plagt Kalifornien eine Dürre. Das vergangene Jahr war das trockenste seit über 100 Jahren. Die Wasserreserven im Südwesten der USA reichen nicht für eine stärkere Besiedelung und die Expansion der Landwirtschaft aus, was spätestens seit Anfang der Siebzigerjahre klar ist. Damals mussten die Behörden wegen lang anhaltender Trockenheit das Wasser rationieren. Doch immer wenn es am schlimmsten stand, kam die Natur zur Hilfe. Zuletzt vor vier Jahren, als mächtige Stürme für Rekord-Schneemassen in der Sierra Nevada sorgten. Sie schmelzen im Sommer und bilden die wichtigste Quelle für die Wasserreservoirs Nordkaliforniens.

Doch die Genies im Silicon Valley und ihre Geldgeber lässt dieses Jahrhundertproblem kalt. Ausnahmen sind einige Eliteforscher an den Universitäten in Stanford und Berkeley, die nach besseren Membranen für Meerwasserentsalzungsanlagen suchen. Oder der kürzlich vom koreanischen Chemieriesen LG Chem für 200 Millionen Dollar erworbene Entsalzungsspezialist NanoH2O, den Silicon-Valley-Investoren und BASF Venture Capital finanziert hatten.

Die Zurückhaltung der Wagnisfinanzierer hat mehrere Gründe. Ihnen ist der Markt oft zu klein – beispielsweise bei effizienteren Bewässerungssystemen für die Landwirtschaft. Oder zu langwierig, etwa wenn es um das Wiederverwenden von Wasser geht. Und zu riskant, vor allem weil Politik im Spiel ist. Wer als Investor im vergangenen Jahrzehnt auf Umwelttechnik setzte, verbrannte sich meist die Finger. Und musste zusehen, wie andere mit sozialen Netzwerken und Smartphone-Apps bei überschaubarem Einsatz Milliarden scheffelten.

Selbst Wasserzähler fehlen

Ein Geschäft wird sich nur machen lassen, wenn die Wasserpreise steigen – was kaum für Sympathien sorgt. Die Wasserdistrikte in Kalifornien sind zersplittert und werden von Lokalpolitikern verwaltet. Selbst wenn jemand wie WaterSmart Software aus San Francisco eine typische Silicon-Valley-Lösung anbietet, um per Internet den Wasserverbrauch zu überwachen, funktioniert das nicht flächendeckend.

In der Landeshauptstadt Sacramento verfügt gerade die Hälfte der Haushalte über eine Wasseruhr. Die anderen werden pauschal abgerechnet; aus Furcht vor steigenden Preisen haben sie kein Interesse daran, ein Messgerät zu bekommen. Erst 2025 muss Kalifornien flächendeckend mit ihnen ausgestattet sein. Haushalte verbrauchen aber auch nur 20 Prozent des Wassers, auf Landwirtschaft und Industrie entfallen 80 Prozent.

Bleiben neben der Aufbereitung von Brauchwasser vor allem Meerwasserentsalzungsanlagen entlang des Pazifiks. 2016 soll eine riesige Anlage südlich von Los Angeles in Betrieb gehen, fürs Silicon Valley werden noch Standorte gesucht.

Trotz aller technischen Fortschritte sind die Anlagen im Schnitt dreimal so teuer wie aus dem Südwesten herangepumptes Wasser. Solange es noch etwas zu pumpen gibt.

Auf die Natur kann das Silicon Valley in diesem Jahr nicht hoffen. Das mit viel Spannung für den Winter erwartete Klimaphänomen El Niño wird laut derzeitigen Prognosen nur wenig Regen bringen.

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