Wirtschaft von oben #338 – Tourismus in Nordkorea: Jetskis, Rutschen, Statisten: Dieses Schauspiel soll Touristen nach Nordkorea locken
Anfang Juli treffen sich Kim Jong-un und Russlands Außenminister Sergej Lawrow auf der Yacht des nordkoreanischen Diktators. Fotos zeigen die Männer an einem goldverzierten Tisch. Das Fenster im Hintergrund gibt den Blick frei auf eine knapp fünf Kilometer lange Resort-Skyline. 37 Hotels ragen dort in den Himmel. Dazwischen ein Wasserpark, ein Kino, ein Theater, Fitnessanlagen, zahlreiche Bars und Restaurants. Davor ein breiter, weißer Sandstrand, übersät von ordentlich aneinandergereihten Liegen und Sonnenschirmen. In den Wellen dümpelt der ein oder andere Jetski, der auf seinen Einsatz wartet.
Jahrelang hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un auf diese Tage Anfang Juli hingearbeitet. Sie sollen das Ende einer zehnjährigen Baustelle und den Beginn einer neuen Tourismus-Ära für Nordkorea markieren.
Lawrow ist angereist, um sich höchstpersönlich ein Bild des XXL-Resorts machen – um anschließend möglichst viele seiner Landsleute zu überzeugen, hier ihren Urlaub zu verbringen. Die erste russische Reisegruppe hat gerade ihre Zimmer bezogen.
Künftig soll das nordkoreanische Strandparadies eine Million Touristen jährlich anlocken. In absehbarer Zukunft sogar fünf bis zehn Millionen, heißt es in einer Projektbroschüre. Willkommen ist nicht jedermann. Die Einladung gilt inländischen Touristen und Russen. Insbesondere Letztere sind hier gefragt – von den Nachbarn und Verbündeten erhofft sich das Regime Zugang zu frischen Devisen.
Von einem der „größten Erfolge des Jahres“ und von einem Urlaubsresort auf „Weltklasseniveau“ sprach Kim Jong-un bei seiner Eröffnungsansprache vor wenigen Wochen. Wer aus der Ferne auf die Anlage blickt, könnte Kim glauben. Wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Die Tourismusplan des Diktators geht bisher nicht auf.
Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Up42/Airbus
Schon der Bau der Touristenzone lief nicht nach Plan. Nach der Grundsteinlegung des Resorts und dem Bau des benachbarten Flughafens im Jahr 2015 wurden eilig Hotels, Apartments und Freizeitanlagen in die Höhe gezogen. Die Parteizeitung „Rodong Sinmun“ meldete, Soldaten und Arbeiter würden mit „vereinten Herzen Tag und Nacht“ schuften. Satellitenbilder zeigen: Ein Großteil der Fassaden war bereits 2018 fertig. Zu diesem Zeitpunkt kündigt Kim zum ersten Mal die zeitnahe Eröffnung des Resorts an.
Wenig später verschob der Machthaber diese, weil die Gestaltung von Gebäuden und Straßen seinen künstlerischen Ansprüchen nicht genügten. Dann kam Corona – und die Baustelle stand für viele Jahre still. Zwischenzeitlich suchten in den halbfertigen Bauten offenbar Obdachlose Schutz. Später fehlte es wohl an Materialien. Wieder aufgenommen wurden die Bauarbeiten jedenfalls erst 2024.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus
Inzwischen hat das Touristengebiet seine Eröffnung hinter sich. Auf Satellitenbildern lässt sich jedoch erkennen, dass große Teile der Anlage bis heute nicht fertig sind. Bislang scheint etwa nur ein Bruchteil der Hotels in Betrieb zu sein. Im nördlichen Teil des Resorts ist ein Hotel, auf dessen Dach sich ein Pool erkennen lässt – mit Wasser gefüllt ist er derzeit aber nicht.
FERIENRESORT WONSAN-KALMA, WONSAN, PROVINZ KANGWON-DO, NORDKOREA
12.07.2025: Noch scheinen nicht alle Hotels in Betrieb zu sein: Das Pool auf dem Dach ist noch nicht befüllt.
Bild: LiveEO/Up42/Airbus
Von dem angekündigten Freizeitpark oder dem im Lageplan verzeichneten Campingplatz ist bislang noch gar nichts zu erkennen. Immerhin der Wasserpark scheint fertig, Schwimmer gibt es in den Becken aber offenbar keine. Menschen lassen sich einzig im Meer erkennen: Dort tummeln sich Hunderte Schwimmer, zeigt ein Satellitenbild von LiveEO, das am Tag des Lawrow-Besuchs aufgenommen wurde. Von den 20.000 Touristen, die das Resort gleichzeitig beherbergen kann, ist weit und breit nichts zu erkennen.
FERIENRESORT WONSAN-KALMA, WONSAN, PROVINZ KANGWON-DO, NORDKOREA
12.07.2025: Am Strand und im Meer lassen sich zahlreiche Urlauber beim baden und sonnen erkennen.
Bild: LiveEO/Up42/Airbus
Russische Journalisten, die Lawrows Besuch begleiteten, berichten von einem weitgehend leeren Resort. Bei den wenigen inländischen Besuchern soll es sich laut einem Bericht der russischen Zeitung „Kommersant“ um Statisten gehandelt haben: Ein Paar spielte von morgens bis abends Billard; ein Mann saß in einer Bar und nippte stundenlang am gleichen Glas Bier; ein anderer fuhr mit dem Fahrrad die Küste auf und ab, wieder und wieder.
Vor Lawrows Ankunft am 11. Juli soll es gar noch leerer gewesen sein. Angebliche nordkoreanische Touristen sollen erstmals am Tag des Besuchs des Außenministers aufgetaucht sein. Auf Satellitenbildern lässt sich ein ähnliches Besucherverhalten beobachten: Am 12. Juli ist der Parkplatz am Eingang beinahe voll. Ein bunter Reisebus reiht sich an den nächsten. An den Tagen vor und nach Lawrows Ankunft sind die Stellplätze nahezu leer.
Die meisten Nordkoreaner dürften sich den Luxus eines Urlaubs ohnehin nicht leisten können. Strom ist in vielen Regionen Mangelware und ein guter Teil der Bevölkerung leidet unter Hunger. Es fehlt am Nötigsten. Was es gibt, bekommen die Menschen oft auf Marktplätzen.
Um das Resort zu füllen, braucht es also einen deutlichen Zuwachs russischer Touristen. Für andere Ausländer bleibt das Resort vorerst geschlossen. Zuletzt kursierten Meldungen, dass auch Russen vorerst keinen Zugang mehr zu der Anlage haben. Dies weist Russlands Außenministerium jedoch zurück. Alle Reisen sollen wie geplant stattfinden.
Nur mangelt es offenbar bislang auch bei den russischen Nachbarn an Nachfrage. Eines der zentralen Probleme dürfte sein, dass sich die nordkoreanische Halbinsel Kalma für russische Touristen nur schwer erreichen lässt. Zwar wurde gleich neben dem Touristenareal ein Flughafen gebaut – Direktflüge dorthin gibt es aber nicht. Eine Verbindung zwischen Moskau und der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang wurde erst in dieser Woche eingerichtet. Aber auch die operiert nur einmal im Monat.
Bilder: LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Up42/Airbus
Auf dem Rollfeld und den Stellplätzen des Flughafens in Wonsan lässt sich auf allen verfügbaren Satellitenbildern seit seiner Fertigstellung im Jahr 2015 kein einziges Flugzeug erkennen – bis am 11. Juli Lawrows Staatsmaschine landet.
Auf dieses ungewöhnliche Ereignis wollte das Regime offenbar vorbereitet sein: Vor Lawrows Landung wurde der Flughafen-Parkplatz neu betoniert, die Verkehrsordnung verändert. Die veränderten Markierungen lassen sich auf Satellitenbildern gut erkennen. Täglicher Betrieb herrscht allein im südlichen Teil des Flughafengeländes. Dort parkt das Militär eine Reihe von Kampfjets.
LUGHAFEN WONSAN-KALMA, WONSAN, PROVINZ KANGWON-DO, NORDKOREA
12.07.2025: Gleich neben Flughafen und Bahnhof parkt das Militär einige Kampfjets.
Bild: LiveEO/Up42/Airbus
Die Reisegruppe, die Anfang des Monats im Wonsan-Kalma-Resort eincheckte, flog aus Wladiwostok nach Pjöngjang. Von dort war ein Weiterflug nach Wonsan geplant. Der fiel aber aus. Bis zum letzten Moment soll unklar gewesen sein, ob die Touristen ihre Unterkunft überhaupt erreichen. Schließlich seien jedoch Züge zur Weiterfahrt organisiert worden.
Unweit des Flughafens wurde in den letzten Monaten ein neuer Bahnhof gebaut. Der scheint bislang jedoch nicht fertig zu sein. Ob die Reisegruppe an dem oder einem anderen ankam, ist deshalb unklar.
„Angesichts der hohen Reisekosten bleiben Reisen nach Nordkorea jedoch noch immer teuer und für viele unattraktiv“, gibt der Nordkorea-Experte Eric Ballbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik zu bedenken. Hinzu kommt das Imageproblem Nordkoreas. Pjöngjang-Charme weckt nun mal keine Riviera-Gefühle. Erholungssuchende sollten sich dann nicht daran stören, dass der breite Sandstrand vor nicht allzu langer Zeit noch als Startrampe für Raketentests und Artillerieübungen diente.
Einblicke in die nordkoreanische Kultur dürfte eine Reise zudem kaum gewähren. Ausländer werden von Einheimischen weitestgehend separiert. Es gibt einen Strand für Nordkoreaner, einen für Russen. Der Schwimmbereich für die Einheimischen dürfte deutlich stärker bewacht sein, um die Fluchtversuche zu vermeiden. Die Grenze zu Südkorea ist keine 100 Kilometer entfernt.
Selbst WLAN und Mobilnetz sind getrennt: Nordkoreaner können von ihren Handys nur Nordkoreaner anrufen und haben online nur Zugriff auf einige wenige ausgewählte Seiten.
Bilder: LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Up42/Airbus
Wie das Leben der Nordkoreaner abseits des Resorts aussieht, scheint das Regime möglichst gut von den Augen der Besucher verbergen zu wollen. Rund um die Touristenzone an der Ostküste lassen sich auf Satellitenbildern der letzten Jahre zahlreiche Arbeiterviertel erkennen. Sie bestehen aus eng aneinandergereihten Hütten mit blauen und roten Dächern. In den Monaten vor der Eröffnung wurden viele der Lager abgerissen. In abgelegenen Gebieten sind dafür neue Arbeiterviertel entstanden.
Stattdessen lenkt man die Aufmerksamkeit der Gäste lieber aufs Vergnügen: Besucher der Touristenzone sollen sich Massagen buchen, eine Videospielhalle besuchen – oder sich mit einem Mehrgänge-Menü verwöhnen lassen. In der russischen Zeitung „Kommersant“ heißt es, den Gästen seien 14 Gerichte serviert worden: Vier Vorspeisen, sieben Hauptgänge und drei Nachspeisen. Gekostet habe das nicht mehr als zehn Euro.
Luxus für Loyalität
„Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass das nordkoreanische Verhalten – auch im Wirtschaftsbereich – nicht ausschließlich auf Konzepten wie wirtschaftlicher Rentabilität und konventionellen Kosten-Nutzen-Kalkulationen beruht“, sagt Eric Ballbach. Laut dem Nordkorea-Experten gibt es auch für inländische Touristen Chancen, das Resort zu besuchen – selbst, wenn sie sich einen solchen Luxus nicht leisten können. Das Regime könnte das Resort laut Ballbach nutzen, um „die Profiteure des Regimes“ und „jene, die eine besondere Loyalität gegenüber der Führung zeigen, zufrieden zu stellen und zu belohnen.“
Das passt zu Berichten in nordkoreanischen Medien. Die erklärten in der Vergangenheit: Die Behörden hoffen, täglich 40.000 nordkoreanische Bürger in das Resort zu bringen, als „Liebesgeschenk der mütterlichen Partei für das großartige Volk“.
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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.