Wirtschaft von oben #268: Festivals: Wie die Wirtschaft von der Festivalsaison profitiert
Das Glastonbury Festival in England findet seit 1970 statt und ist eins der größten Musik- und Performance-Festivals der Welt.
Foto: LiveEO/AirbusAm 20. September 1970 krochen auf den nebligen Feldern der Worthy Farm erstmals Musikfans mit ungekämmten Haaren aus ihren Schlafsäcken. Der Sommer der Liebe war erst zwei Jahre her, Jimi Hendrix war vor zwei Tagen an einer Drogenüberdosis gestorben. An diesem Tag feierten rund 1500 Gäste in der Nähe von Glastonbury, einer kleinen englischen Stadt südlich von Bristol, das erste Glastonbury Festival of Contemporary Performing Arts. Top Act waren die Kinks („You Really Got Me“). Ein Ticket kostete damals ein Pfund – Milch von der Farm war inklusive.
Heute, über ein halbes Jahrhundert später, reisen jährlich über 140.000 Fans in die englische Grafschaft Somerset. 355 Pfund zahlten die Besucher 2024 für ihr Ticket. Innerhalb weniger Stunden waren sie ausverkauft. Zu sehen gibt es dafür Weltstars wie Dua Lipa, Coldplay und Shania Twain – ganze fünf Tage lang auf dutzenden Bühnen.
Von dem Festival profitiert die ganze Region: Massenveranstaltungen mit hohen Besucherzahlen, das konnten inzwischen diverse volkswirtschaftliche Studien belegen, regen die Wirtschaft eines gesamten Landes an. „Umwegrentabilität“ nennt sich der Effekt: Darin enthalten sind unter anderem Ausgaben für Organisation, Bühnen- und Infrastrukturaufbau, Sicherheit, Gastronomie auf dem Gelände, Gehälter der Künstler und die Ausgaben der Besucher auf dem Festival sowie für Verpflegung und Unterkunft abseits des Festgeländes.
Zudem gebe es sogenannte „sekundäre Effekte“, berichtet Marketingexperte Dieter Scharitzer von der Wirtschaftsuniversität Wien. Unternehmen würden auf die höheren Umsätze reagieren und „ihre Produktions- und Beschäftigungsniveaus nach oben anpassen“.
Allein das Glastonbury-Festival im Jahr 2023 brachte der britischen Wirtschaft laut einer Studie der Veranstalter fast 200 Millionen Euro ein. Rund 38 Millionen Euro flossen direkt in die Region Somerset, in der Glastonbury liegt.
Bilder: LiveEO/Airbus, LiveEO/Maxar
Damit sichern die spendierfreudigen Gäste Jobs. Im Jahr 2023 arbeiteten insgesamt über 1100 Menschen für das Glastonbury Festival. Darunter IT-Experten, Installateure, Sicherheitspersonal, Gastronomen. Aber auch 1750 Mitarbeiter auf dem Festival selbst. Aufs Jahr gerechnet entspricht das 200 Vollzeitstellen.
Scharitzer hat mit seiner Forschungsgesellschaft auch die Umwegrentabilität für das meistbesuchte Freiluftfestival der Welt ausgerechnet: Das Donauinselfest in Wien. Mit einem Budget von sechs Millionen Euro erwirtschaftet das Kulturfest jedes Jahr etwa 40 Millionen Euro. Werden die sekundären Effekte berücksichtigt – also die erhöhten Investitionsniveaus der beauftragten Firmen in den Folgejahren – ergeben sich auf drei Folgejahre berechnet sogar rund 99 Millionen Euro. „Wir haben etwa einen 14- bis 16-fachen Hebel mit dem Investment“, rechnet Scharitzer vor.
Bilder: LiveEO/Airbus, LiveEO/Copernicus
Die Donauinsel ist ein Naherholungsgebiet mitten in Wien. Die Stadt schüttete die 21 Kilometer lange und 250 Meter breite Landmasse in den 1970er- und 1980er-Jahren auf. Ursprünglich, um die Wiener vor Hochwasser zu schützen. In den Sommermonaten wird die Insel aber vor allem zur Erholung genutzt: Wer mit der U-Bahn zur Station Donauinsel fährt, begegnet Skatern, Radfahrern und Joggern – alle flitzen sie die Insel auf und ab. Teile der Donauinsel sind ein Naturreservat.
Drei Tage Ende Juni werden hier jedoch jedes Jahr der Musik gewidmet. Dann zählen die Veranstalter bis zu drei Millionen Besuche auf der Insel, wie der ORF berichtet. Über 1000 Künstler treten auf 14 Bühnen auf – ein Festival der Superlative.
Das war nicht immer so. Das Donauinselfest begann bescheiden. Im Jahr 1983 initiierte die sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) ein Frühlingsfest und erwartete 15.000 Gäste. Die gebuchten Bands (Minisex, Tom Pettings Hertzattacken, Heli Deinboek) zogen stattdessen rund 160.000 Fans an.
„In den 1990er-Jahren ist das Fest am stärksten gewachsen und findet seitdem auch in der jetzigen Größe statt“, erzählt Barbara Novak, Veranstalterin des Donauinselfestes und Landesparteisekretärin der SPÖ Wien. Räumlich expandieren könne das Festival aber kaum: „Wir haben auf der Insel ein beschränktes Platzangebot“, erklärt die SPÖ-Politikerin.
Während der Coronakrise entwickelten die Veranstalter eine kreative Zwangslösung: Statt eines großen Festivals richtete die Stadt 268 kleinere Pop-up-Konzerte an 80 Tagen und verschiedenen Orten aus. „Aus dem größten Freiluftfestival wurde das längste Freiluftfestival“, beschreibt es Novak.
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Während in Wien an den unterschiedlichsten Orten gefeiert wurde, sagten andere Veranstalter ihre Festivals ab. Das Glastonbury Festival fand in den Jahren 2020 und 2021 nicht statt. Auch das US-amerikanische Coachella und das belgische Tomorrowland fielen beide für zwei Jahre der Coronapandemie zum Opfer – nicht nur zum Leid der Fans, sondern auch zum Leid der regionalen und nationalen Wirtschaft.
Das Unternehmen hinter dem Tomorrowland-Festival verzeichnete Ende 2021 einen Verlust von 13,6 Millionen Euro. Das Event im Süden der belgischen Stadt Antwerpen fand zum ersten Mal im Jahr 2005 statt, damals mit rund 9000 Besuchern. Im Jahr 2023 verzeichneten die Veranstalter insgesamt etwa 400.000 Gäste.
Das Tomorrowland ist ein Spektakel der besonderen Art: Riesige Bühnenaufbauten in Form von Fantasieschlössern und mehrstöckige Gebäude mit verschiedenen Tanzflächen und raumfüllenden LED-Screens – all das gehört zum Konzept der Belgier. Die Besucher tanzen mehrere Wochenenden in bunten Outfits zu elektronischer Musik. Die Strategie geht auf: 2022 verzeichnete das Festivalunternehmen einen Umsatz von rund 164 Millionen Euro und einen Nettogewinn von 18,6 Millionen.
„In Form von Sozialversicherungsbeiträgen, Personen- und Körperschaftssteuern und Mehrwertsteuer flossen 86,4 Millionen Euro an den Staat zurück“, rechnen die Veranstalter einer belgischen Tageszeitung vor. Außerdem soll das Festival in Belgien eine wirtschaftliche Aktivität von 320 Millionen Euro ausgelöst haben, weil der Veranstalter Waren und Dienstleistungen von mehr als 1150 flämischen Lieferanten gekauft hat.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Pleiades, LiveEO/SPOT
Trotz des hohen Ausfallrisikos ist der Festivalmarkt beliebt. Es locken Profitmöglichkeiten in Millionenhöhe. Erst Ende Juni erfuhren Nachrichtenagenturen, dass der US-Finanzinvestor KKR in die deutsche Festivalbranche einsteigt – und zwar in Schleswig-Holstein. Hier findet nämlich jährlich das größte Heavy-Metal-Festival der Welt statt, das Wacken Open Air. Das amerikanische Unternehmen übernahm den vorherigen britischen Veranstalter Superstruct Entertainment für 1,3 Milliarden Euro. Eigentlich hat das kleine Dorf Wacken nördlich von Itzehoe nur wenige tausend Einwohner, doch einmal im Jahr wächst die Population rasant an. Über 70.000 Metal-Fans feiern auf dem Wacken-Festival, für das eine Eintrittskarte im Jahr 2024 pro Person 335 Euro kostete.
Im Land der Superlative geht es jedoch noch größer. Das Coachella-Festival in der Nähe der Stadt Indio in Kalifornien ist eine Pflichtveranstaltung für die Weltstars der Musikindustrie. Bereits im ersten Jahr der Veranstaltung 1999 trat die Rockband Rage Against the Machine vor etwa 18.500 Zuschauern auf. Im April 2024 lauschten über 200.000 Menschen Lana Del Rey, Tyler the Creator und Doja Cat. Das schlägt sich auch in der regionalen Wirtschaft nieder: Im Jahr 2016 soll das Festival umgerechnet rund 658 Millionen Euro an ökonomischer Aktivität erzeugt haben.
Intime Events im Nachklang der Hippie-Ära, wie das Glastonbury vor über 50 Jahren, wandelten sich zu Massenveranstaltungen mit Einnahmen in Millionenhöhe. Aus wackligen Bühnen mit unbekannten Künstlern wurden aufwendige Installationen mit Weltstars. Doch auch im Jahr 2024 schauen die Festivalbesucher noch mit ungekämmten Haaren aus Zelten hervor. Und auch die Liebe zur Musik hat sich über all die Jahre gehalten.
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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.