Wirtschaft von oben #354 – Taiwan-Konflikt: Chinas Schattenkampf gegen Taiwan
Rund 2000 Kilometer nordwestlich der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh – mitten im Wüstengebiet der Inneren Mongolei – steht Chinas steingewordene Maximaldrohung: die der Invasion Taiwans. Genauer gesagt sind es zwei Militärkomplexe in Zhurihe und Alxa League, die mehr als sinnbildlich für die Ambitionen des chinesischen Präsidenten Xi Jinping stehen. Satellitenbilder machen deutlich, wieso die Politik der demokratisch regierten Insel hier nicht einfach wegschauen kann.
Die auf den ersten Blick etwas unscheinbar und deplatziert in die Landschaft gesetzten Straßenzüge und Gebäude verbergen ein Geheimnis, welches sich erst lüftet, wenn man Taipehs Regierungsviertel aus der Luft betrachtet. Denn die Gebäude in der chinesischen Wüste bei Zhurihe gleichen auffällig denen des taiwanesischen Präsidentenpalastes, des Außenministeriums und des für Staatsgäste genutzten historischen Gästehauses. Die Straßenzüge in Alxa League lassen sich derweil wie ein Abziehbild über das Regierungsviertel legen.
Übt das chinesische Militär hier die Invasion Taiwans? Aus Sicht der China-Expertin Claudia Wessling vom Mercator Institut für Chinastudien (MERICS) erfüllen die Nachbauten des Regierungsviertels zwei Funktionen: „Einerseits dienen sie als Übungsgelände für die Volksbefreiungsarmee, andererseits als kommunikatives Signal in Richtung Taiwan, dass man eines Tages Ernst machen könnte.“
Ähnlich sieht das auch Wolfgang Müller vom German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). In der heutigen Zeit müsse man davon ausgehen, dass der Bau solcher Lager nicht unbemerkt bleibt: „Und das ist durchaus gewollt. Wir nennen das strategic signaling, das Senden einer Botschaft an die Welt.“
Xis neue Linie
Um zu verstehen, wie eng dieser Umstand mit der aktuellen sicherheitspolitischen Situation Taiwans verknüpft ist, muss man ein paar Jahre zurückgehen – an den Anfang von Xi Jinpings Zeit als Führer von Staat und Partei. Zwischen 2012 und 2013 übernahm er nacheinander die Ämter des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei, des Präsidenten und des Vorsitzenden der zentralen Militärkommission. Damit einher ging ein Strategiewechsel im Verhältnis zu Taiwan.
Zwar agierte auch Xis Vorgänger Hu Jintao mehrgleisig – von subtiler Beeinflussung der Bevölkerung, über verbale Drohungen bis hin zu militärischen Operationen rund um die Insel. Doch: „Xi Jinping hat das Ziel der Vereinigung mit Taiwan stärker in den Vordergrund gerückt. Dadurch stieg auch der Druck auf das Militär, Szenarien zu entwickeln“, erklärt China-Expertin Wessling. Kein Wunder also, dass kurz nach Abschluss der Machtübernahme erste Vorarbeiten in der Wüste zu erkennen waren.
Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Airbus/Pléiades, LiveEO/Maxar/WorldView-3
Zeitgleich beherrschte jedoch ein ganz anderes Ereignis die Schlagzeilen: das erste Treffen zwischen den Führern Taiwans und Chinas seit 1945. Während die Welt also von einem historischen Signal der Entspannung sprach, tüftelte Peking bereits an seinem Plan B.
Laut Müllers Kollege Tobias Kollakowski ist die veränderte Gangart in der Folge auch auf militärischer Ebene erkennbar. „Seit Xis Amtsantritt haben die eskalativen Maßnahmen, insbesondere zur Luft und zur See, enorm zugenommen. Absicht der Volksrepublik ist es, ihre Interessen wahrzunehmen und ihren Souveränitätsanspruch auf die Territorien und Seegebiete durchzusetzen.“ Das treffe nicht nur auf Taiwan zu, sondern auch auf die rund um die durch Japan kontrollierten Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln sowie das Südchinesische Meer.
Strategie von langer Hand
Diese Diskrepanz zwischen den öffentlich zelebrierten Beziehungen – bestimmt von der Tagespolitik – und den strategischen Plänen der Volksrepublik blieb auch in den kommenden Jahren erhalten. Während die Medienöffentlichkeit immer wieder von Entspannung oder Konfrontation im Verhältnis der beiden Staaten spricht, zeigt der Ausbau der Übungsgelände in der Inneren Mongolei eine beachtliche Konstanz.
Die erste Ausbaustufe in Zhurihe war den Satellitenbildern nach im Jahr 2014 abgeschlossen, mindestens vier Jahre lang veränderte sich kaum etwas. Spätestens ab 2020 jedoch beginnen im 700 Kilometer entfernten Alxa League Straßenzüge aus dem Boden zu wachsen. Vermutlich im engen zeitlichen Zusammenhang – hier fehlen entsprechende Aufnahmen – wird auch in Zhurihe weitergebaut. Die bis 2025 neu angelegten Gebäude und Straßenzüge wirken jedoch nicht wie exakte Blaupausen Taipehs, sondern dienen vermutlich der Beherbergung und Lagerung von Soldaten und militärischem Material.
Bilder: LiveEO/Airbus/Pléiades, LiveEO/Airbus/SPOT
Den Experten des GIDS zufolge gilt das auch für die militärischen Planungen insgesamt. „Die ersten chinesischen Planungen zur Übernahme Taiwans stammen aus dem Frühjahr 1949“, sagt Kollakowski, daran habe sich seitdem auch nichts geändert. „Militärisch läuft die Vorbereitung also seit Jahrzehnten.“
Und dazu gehören – aller Nutzung als Drohkulisse zum Trotz – auch die Anlagen in der Inneren Mongolei, macht Müller klar. „Wenn ich den Orts- und Häuserkampf, die urbane Kriegsführung üben will, braucht es entsprechende Trainingsgelände. Ob das ein Regierungsgebäude oder ein Supermarkt ist, spielt eigentlich keine Rolle.“ Zhurihe und Alxa League haben seinen Worten nach also einen unmittelbaren militärischen Nutzen und zeitgleich eine strategische Botschaft.
Die Invasion ist die schlechtere Option
Fragt man in Bezug auf die Taiwan-Frage nach dem Für und Wider einer Invasion, so sind sich die GIDS-Experten einig: „Bevor es zu einem Konflikt hoher militärischer Intensität kommt, sehen wir vorher andere Eskalationsstufen“, so Müller. Doch wie sähen diese ausgehend von der heutigen Situation aus?
Der Experte sieht eine Blockade der Insel als das wahrscheinlichste Szenario an. Aus einem ganz bestimmten – auch psychologisch wichtigen Grund: „Denn dann gerät der Angegriffene in Zugzwang. Derjenige der blockiert wird, muss militärische Gewalt anwenden, um die Blockade zu brechen.“ Sein Kollege geht sogar noch weiter. Nicht nur läge die Problematik der politischen und moralischen Entscheidung zum Angriff nun bei den Taiwanern, es würde auch die öffentliche Diskussion auf Seiten der Verbündeten beeinflussen.
„Im Falle einer eindeutigen Aggression – wie bei einer Invasion – lässt sich die Unterstützung deutlich einfacher rechtfertigen. Das sehen wir im Falle des russischen Überfalls auf die Ukraine“, so Kollakowski. Müssten die Streitkräfte der Republik China auf Taiwan hingegen den ersten Schuss auf die Volksbefreiungsarmee abgeben, sähe das anders aus. „Das würde viel besser zu den strategischen Zielen passen, die Peking verfolgt.“
Rein praktisch wäre eine Blockade nicht nur weniger komplex, sondern vermutlich auch sehr effektiv. Das GIDS verweist hier auf die große wirtschaftliche Abhängigkeit Taiwans. „China ist der größte Handelspartner Taiwans, zugleich muss die Insel 70 Prozent ihres Nahrungsmittelbedarfs importieren, beim Thema Energie sind es 87 Prozent“, so Müller.
Fähigkeit und Unfähigkeit
Und was wäre, wenn China doch versucht, den Konflikt militärisch zu lösen?
Vorbereitungen darauf gebe es durchaus. Zwischen 2017 und 2024 habe sich Kollakowskizufolge die Zahl der Brigaden der chinesischen Marineinfanterie von zwei auf elf erhöht – ungefähr 55.000 Mann. Gleichzeitig rüste das Militär auch beim Gerät auf: Seit dem letzten Jahrzehnt seien Docklandungsschiffe, amphibische Mehrzweckkampfschiffe, lufttransportfähige Ausstattung und große Lazarettschiffe hinzugekommen. Passend dazu gibt es auch entsprechende großangelegte Übungen.
Die Umsetzung könnte trotz dessen schwierig werden. „Taiwans Küste ist für eine Invasion denkbar ungeeignet“, sagt der Experte, der selbst Marinesoldat ist. „Taiwan hat nur minimale Strandabschnitte, eigentlich ist die gesamte Küste eng besiedelt. Man geht direkt von der amphibischen Landungsoperation in den Kampf im urbanen Gelände über.“ Für den Angreifer sei dies das wohl schlimmstmögliche Szenario.
Denkt man zurück an die Übungsgelände in Zhurihe und Alxa League macht sein Kollege Müller zudem klar, dass eine Invasion eher nicht im Hafen von Taipeh anlanden würde „und stoßtruppartig bis zum Regierungsviertel vorstoßen. Das erscheint eher unwahrscheinlich.“
Stützpunkt Zhurihe, Innere Mongolei, Volksrepublik China (oben, 23.10.2025)
Taipeh, Taiwan, Republik China (Taiwan) (unten, 31.05.2025)
Die Gebäude am Stützpunkt Zhurihe ähneln zum Teil stark dem Präsidentenpalast (1), dem Außenministerium (2) und dem historischen Staatlichen Gästehaus (3) in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh.
Bilder: LiveEO/Maxar/WorldView-3, LiveEO/Google Earth
Am Ende komme es aber bei der Beurteilung der Fähigkeiten des chinesischen Militärs auch auf andere Fragen an: „Ob die Volksbefreiungsarmee für eine Invasion bereit ist, das ist die Gretchenfrage“, sagt Kollakowski, diese hänge auch von der Definition von „bereit“ ab.
Einerseits fehlten den Chinesen an anderer Stelle – bei der Luftwaffe, unter Wasser und der Logistik – eigene Fähigkeiten, andererseits seien ihre Befehlsketten „suboptimal im Hinblick auf schnelle Entscheidungsfindungen“. Dies zeige sich am anschaulichsten in einer militärischen und politischen Doppelstruktur, in der auch ein Politkommissar für die Entscheidungen zuständig ist. „Hier stellt sich die Frage, ob diese Struktur geeignet ist, unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts zu funktionieren.“ Er fügt jedoch an, dass autoritäre Systeme unter Umständen in Kauf nehmen, dass derartige Defizite zu höheren Verlusten führen.
Auch an der Staatsspitze ist die Frage von Befehl und Gehorsam alles andere als klar. Zumindest der Einschätzung von Claudia Wessling nach. „Xis Beziehung zur Volksbefreiungsarmee ist nicht einfach.“ Erst kürzlich – während des vierten Plenums – wurde die von ihm geführte zentrale Militärkommission neu besetzt. „Viel deutet darauf hin, dass Xi in den Militärs einen Instabilitätsfaktor sieht.“
Vor dem Hintergrund der regelmäßigen Nachrichten über – angeblich wegen Korruption – verhaftete Verteidigungsminister, Generäle und andere Militärangehörige ergibt sich ein Bild eines zumindest gestörten Vertrauensverhältnisses. Laut dem GIDS war unter anderem auch der General von dieser Praxis betroffen, der bei einer Invasion Taiwans die operative Führung innegehabt hätte. Ein Braindrain auf allerhöchster Ebene.
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