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20 Jahre Mauerfall Reise in die Heimat des Trabant

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Gert Kehle, Ilka-Zell Isoliertechnik Quelle: Andreas Chudowski

Andererseits liegt Zwickau in Sachsen – dem ostdeutschen Bundesland mit den höchsten Wachstumsraten. Und den wohl pfiffigsten Unternehmern. In Zwickau und Umgebung finden sich reichlich ostdeutsche Helden, die – wie Gerschewski – aufbauen und ankurbeln wollen. Unternehmer wie Gert Kehle, der aus einem maroden Betrieb von einst einen florierenden Mittelständler machte, der Kühlanlagen in die Welt exportiert. Die wie die Eheleute Eschke den Mut hatten, ihren alten Familienbetrieb – eine Seidenmanufaktur – nach Jahrzehnten der Verstaatlichung zurückzukaufen. Die oft den Mut hatten, ohne viel Management-Know-how und mit kaum Eigenkapital ganze Betriebe aufzukaufen.

„In den Jahren nach dem Mauerfall war die Risikobereitschaft sehr hoch“, sagt Dietrich Neumann, Zentraleuropa-Chef der Unternehmensberatung A.T. Kearney, der zwischen 1991 und 1993 bei der Restrukturierung ostdeutscher Unternehmen dabei war. „Davon könnten wir heute wieder mehr brauchen.“

Schumann und Audi

Zwickau, die viertgrößte Stadt Sachsens, ist ein Ort mit großer Vergangenheit: Auf dem Marktplatz predigte schon Martin Luther. Der Komponist Robert Schumann erblickte in der Stadt das Licht der Welt. Im späten Mittelalter wurde Zwickau mit Silber und Steinkohle reich; früh siedelten sich Industriebetriebe an. Am 16. Juli 1909 gründete August Horch hier den Autohersteller Audi.

Im Zweiten Weltkrieg blieb die Stadt weitgehend unzerstört, am 1. Juli 1945 rückte die Rote Armee ein. Audi gründete sich in Ingolstadt neu. Größter Arbeitgeber am Ort ist inzwischen VW, das im Zwickauer Stadtteil Mosel ein Werk mit mehr als 5000 Beschäftigten betreibt.

Die Arbeitslosenquote liegt dennoch bei 12 Prozent – im Bundesdurchschnitt sind es derzeit etwa 7,7 Prozent. Die Stadt ist stark von der Auto- und Autozulieferindustrie abhängig – und wird damit von der Krise voll erfasst.

Seit 1990 hat Zwickau fast ein Drittel seiner Einwohner verloren. Jahr für Jahr verlassen 1000 Menschen die Stadt – und suchen ihr Glück im Westen. Dutzende von Kindergärten und Schulen mussten mangels Nachfrage schließen. Inzwischen zählt Zwickau noch 95 000 Bürger, Tendenz weiter rückläufig. 2008 verlor Zwickau gar seinen Status als kreisfreie Stadt – und damit eine eigenständige Verwaltung.

Die Unternehmer, die sich an diesem Abend im Restaurant „Zur Grünhainer Kapelle“ in der Innenstadt zum Erfahrungsaustausch treffen, reden nicht über die Probleme. Die drei Dutzend Männer und eine Handvoll Frauen loten lieber Chancen aus. Einer will einen Flugplatz bauen, ein anderer berichtet von einem Ausbildungs-camp für Jugendliche. Manche laden die WirtschaftsWoche ein, sich ihre Betriebe von innen anzuschauen.

"Ich kenne hier jeden Stein"

„Ich habe mich aus Verbundenheit mit dem Betrieb als Unternehmer engagiert. Ich kenne hier jeden Stein“, sagt etwa der Kühlanlagen-Unternehmer Kehle. Er begann 1963, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer, als Lehrling bei der damaligen Gewerbekühlung Zwickau. Der 61-Jährige ist ein sportlicher, drahtiger Mann: grauer Kurzhaarschnitt, moderne Brille.

1999 hatte Kehle das Unternehmen aus der Insolvenz übernommen – zehn Jahre nachdem der Betrieb den zweifelhaften Schutz der Mauer verlassen musste. Der neuen Konkurrenz der Weltmärkte war der Kühl-Spezialist erst mal nicht gewachsen. Kehle, zuvor bereits Mitgesellschafter, übernahm den Betrieb mit damals 23 Mitarbeitern und 1,76 Millionen Euro Umsatz. Heute sind es 92 Beschäftigte und zehn Millionen Euro Umsatz.

Damals entstanden aus dem Umbau der Kombinate etwa mittelständische Betriebe. „Was die geleistet haben, das war enorm“, sagt A.T. Kearney-Berater Neumann. Kehle übernahm den Betrieb über einen Management-Buy-out (MBO) von der Treuhand. Ein MBO, bei dem die Manager des Unternehmens die Anteile von den bisherigen Eigentümern übernehmen, war damals durchaus üblich. „Oft hat sich ja kein anderer Käufer gefunden. Russen oder Inder, die in Unternehmen investieren, waren damals noch nicht unterwegs“, sagt Peter Pflugfelder, Wirtschaftsprüfer bei PKF Fasselt Schlage Lang und Stolz aus Duisburg, der in den Jahren nach der Wende zahlreiche Ostbetriebe unter die Lupe genommen hat.

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