BMW und Mercedes: Die neuen Hoffnungsmodelle im Check
Als Mercedes-Chef Ola Källenius von dem neuen EQS SUV als „winddichte Skulptur“ spricht, da bewegt er seine Hände fast wie ein Dirigent. Seine Ingenieure hätten den Luftwiderstand durch Details wie Aero-Verkleidung, Spoiler, optimierte Reifenprofile oder ein winddichtes Speichendesign reduziert. Im Ergebnis leite das Auto die Luft so sanft wie möglich um sich herum. Aha.
Auch BMW-Chef Oliver Zipse spart nicht mit Eigenlob. Der neue 7er sei ein „Meisterwerk“ mit innovativer Technologie, revolutionärem Design und hochautomatisierten Fahrfunktionen auf der Stufe Level 3. Der 7er ist das Spitzenmodell von BMW und steht in Konkurrenz zur Mercedes-S-Klasse und zum Audi A8. Der EQS ist quasi die neue, vollelektrische S-Klasse von Mercedes und deren SUV das nächste Auto aus der vollelektrischen Baureihe EQ.
Doch welcher der beiden Konzernchefs hat nun mit seinem neuen Auto die Nase vorn? Die WirtschaftsWoche hat Punkte in fünf Kategorien vergeben.
Ein über fünf Meter langes Elektro-SUV mit bis zu sieben Sitzen? Bei uns und in Europa dürften diese Abmessungen nicht gerade auf Begeisterung stoßen. Hier liebt man es kompakter. Doch Deutschland ist in der Autowelt längst nicht mehr das Maß der Dinge. China und die USA geben den Ton an. Hier leben die Käufer, die sich große Auto gönnen, ob sie nun sinnvoll sind oder nicht. Prestige und Status besitzen in den dortigen Gesellschaften einen hohen Stellenwert.
Das EQS SUV verkörpert mit seinen 5,13 Metern eine Menge davon, ohne protzig zu wirken. Die Designer haben sich Mühe gegeben, die Karosserie nicht so aufrecht und wuchtig zu gestalten wie beim GLS. Das EQS SUV wirkt gefällig in den Proportionen und ist zehn Zentimeter niedriger als sein Gegenstück aus der Verbrennerwelt.
Foto: WirtschaftsWocheDas Design hat einen triftigen Grund: Effizienz. Am Verbrauch hat der Luftwiderstand einen mehr als dreimal so hohen Anteil wie der gesamte Elektroantrieb. Sämtliche Karosseriedetails am EQS SUV erhielten daher ein aerodynamisches Feintuning. Es reicht von der unteren Profilierung der Trittbretter über spezielle Aero-Felgen bis hin zur Abrisskante des Dachspoilers. Man hatte sich bei der Abstimmung im Windkanal sogar Gedanken über Kamera-Spiegel gemacht, die ja dem Wind wesentlich weniger Widerstand bieten würden als gewöhnliche Spiegel. Doch auch SUV sind hauptsächlich im städtischen Umfeld unterwegs, wo Aerodynamik keine Rolle spielt, die Displays für die Spiegel aber permanent Strom ziehen. Und der kommt stets aus der Batterie.
Foto: WirtschaftsWocheAufgrund der zur EQS-Limousine gleichen Architektur steckt auch unter dem EQS SUV der gleichgroße Hochvoltspeicher mit einer nutzbaren Kapazität von 107,8 kWh. Der Energieinhalt soll für eine Strecke von 660 Kilometern reichen, gemessen nach dem WLTP-Zyklus. Im Alltag dürften es um die 500 Kilometer sein.
Auch antriebsmäßig liegen EQS und EQS SUV nah beieinander. Wenn der Wagen im Herbst auf den Markt kommt, bildet der 450+ das Einstiegsmodell. Bei ihm sitzt eine 265 kW/360 PS starke E-Maschine auf der Hinterachse. Die 4Matic-Variante hat ebenfalls 265 kW, aber noch einen Motor auf der Vorderachse. Vorläufiges Topmodell ist das EQS SUV 580 4Matic mit 400 kW/544 PS. Nachreichen wird Mercedes noch eine Maybach-Variante, der gewiss ein paar zusätzliche Kilowatt verabreicht werden.
Foto: WirtschaftsWocheHohe Motorleistungen und ein Gewicht von über 2,5 Tonnen verlangen nicht nur nach einer großen Batterie, sondern auch nach einem leistungsfähigen Lademanagement. Für Zuhause ist ein 11-kW-On-Board-Charger vorgesehen, 22 kW gibt es als Extra. An CCS-High-Performance-Ladesäulen, wie sie entlang der Autobahnen stehen, sind bis 200 kW möglich. Die Batteriezellen hat Mercedes so konzipiert, dass der hohe Ladestrom möglichst lange konstant gehalten werden kann. So sollen innerhalb von 15 Minuten etwa 250 Kilometer „nachgetankt“ werden können.
Dass SUV heute mehr und mehr die Funktion eines Kombis übernehmen, zeigt das Package-Konzept. 645 Liter fasst der Kofferraum, liegen die Rücksitzlehnen flach, passen bis zu 2.100 Liter hinein. Das schafft kein Kombi. Die hintere Sitzreihe kann elektrisch um 13 Zentimeter vorgeschoben werden, der Kofferraum wächst dann auf 800 Liter. Als Sonderausstattung bietet Mercedes zudem eine dritte Sitzreihe mit zwei Einzelsitzen an. Für Erwachsene wird es hier allerdings recht eng.
Auch eine Hängerkupplung ist für das EQS SUV erhältlich – und damit können bis zu 1,8 Tonnen an den Haken genommen werden.
Foto: WirtschaftsWocheIm Interieur des EQS SUV zeigt sich ein gewohntes Bild. Das Cockpit wurde 1:1 von der Limousine übernommen. Der Hyperscreen – er kostet auch für das SUV einen Aufpreis – erfreut sich bei der EQS Limousine bereits großer Nachfrage, vor allem bei asiatischen und amerikanischen Kunden. Darstellung, Brillanz und Reaktionsschnelligkeit sind exzellent, Bedienung und Menüführung intuitiv. Und wer nicht klicken, drücken oder wischen will, nutzt einfach die MBUX-Sprachsteuerung. Sie gehört zum Besten, was derzeit auf dem Markt angeboten wird.
Gleiches gilt für die elektronischen Assistenten, von denen es im EQS SUV nur so wimmelt. Das gehört zur Sicherheits-Philosophie des Hauses. Mercedes erhielt kürzlich die Zertifizierungen fürs teilautonome Fahren. Das EQS SUV dürfte damit das erste Elektro-SUV sein, dass mit Level 3 gefahren werden kann. Im heute nahezu alltäglichen Kolonnenverkehr auf der Autobahn darf der Fahrer dann bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h die Hände vom Lenkrad nehmen.
Foto: WirtschaftsWocheDie Inszenierung: Beide Autobauer stellen ihr neues Modell in einer rund zehnminütigen, digitalen Weltpremiere vor, beide in englischer Sprache. Beide Autobauer setzen dabei unter anderem auf Filmsequenzen und Vorstandspräsentation. Bei beiden unterlegt dramatische wie sanfte Musik die Darstellung. Während BMW am Ende des Videos vor allem auf die Influencerin Jenna Ezarik setzt, konzentriert sich Mercedes eher auf den Wechsel zwischen Källenius, Vertriebsvorständin Britta Seeger und dem sogenannten „Creator“. Der erzählt abgefahrene Stories von digitaler Kunst. Im Studio habe man Datenbilder und -skulpturen geschaffen, die futuristische Perspektiven aufzeigten. Inspiriert vom EQS SUV habe man Daten aus der Entwicklungsphase des Autos genommen und digitale Bilder mithilfe von künstlicher Intelligenz in Datenkunst verwandelt. Was das mit dem Auto zu tun hat, bleibt das Geheimnis von Mercedes. Ganz so abgefahren inszeniert BMW das Auto nicht. Ezarik interviewt vielmehr den Projektleiter für das Fondentertainment und entlockt ihm immerhin ein paar nützliche Details über den neuen BMW Theatre Screen, mit dem Passagiere auf den hinteren Sitzbänken zum Beispiel Videos streamen können. 1:0 für BMW.
Unterhaltung: Beide Autos enthalten sehr viel Technik und digitale Features. Mercedes punktet mit dem MBUX Hyperscreen (Sonderausstattung). Dieser sei das „Highlight im Interieur“, so Mercedes. Die große, gewölbte Bildschirmeinheit zieht sich nahezu über die gesamte Breite des Cockpits. „Drei Bildschirme sitzen unter einem gemeinsamen Deckglas und verschmelzen optisch. Mit dem 12,3 Zoll großen OLED-Display für den Beifahrer hat dieser seinen eigenen Anzeige- und Bedienbereich“, schreibt Mercedes. Auch BMW lässt sich kommunikativ nicht lumpen: „Für ein einzigartiges Entertainment-Angebot im Fond sorgt der aus dem Dachhimmel herausfahrende BMW Theatre Screen, ein 31,3 Zoll großes Panoramadisplay im 32:9-Format mit 8K-Auflösung, der die zweite Sitzreihe in ein exklusives Privatkino auf Rädern verwandelt“, schreibt der Münchner Autobauer. In diesem Fall bekommen beide Autobauer einen Punkt: 2:1 für BMW.
Das BMW-Flaggschiff 7er wird seit den Neunzigerjahren turnusgemäß alle sieben Jahre neu aufgelegt. Entsprechend befindet sich der 2015 eingeführte G11 auf der Zielgeraden.
Nachfolger wird der nun enthüllte und ab November verfügbare G70 sein, der auf ein gewaltiges Längenmaß angewachsen ist und zudem als rein elektrischer i7 auch beim Gewicht in neue Sphären vordringt.
Foto: BMWAuf stolze 5,39 Meter bringt es die Neuauflage der Prestige-Limousine, die künftig ausschließlich als Langversion mit viel Beinfreiheit im Fond gebaut wird. Hier hat der Münchener Autobauer vor allem die betuchte Kundschaft in China im Fokus, die im Oberklasse-Segment vor allem Chauffeurs-Limousinen bevorzugt.
Auffallend sind schlitzartige Leuchteinheiten vorne und hinten, mit der Blechhaut bündige Türgriffe sowie ein analog zur Fahrzeuglänge ebenfalls gewaltig gewachsener Nieren-Kühlergrill.
Foto: BMWEbenfalls deutlich größer geworden sind die Bildschirme im Cockpit des neuen 7er. Hinterm Lenkrad gibt es ein 12,3 Zoll großes Informationsdisplay sowie der 14,9 Zoll große Touchscreen.
Neben Infotainment- lassen sich hier viele Fahrzeugfunktionen steuern. Zusätzlich finden sich Bedienelemente auf der Mittelkonsole sowie im Lenkrad.
Foto: BMWDoch es geht beim neuen 7er künftig vor allem um Annehmlichkeiten im Fond. Zum Serienumfang gehören unter anderem Komfortsitze, 4-Zonen-Klimaautomatik oder ein festes Panorama-Glasdach.
Optional gibt es unter anderem ein Glasdach mit LED-Lichtfäden, einen Liegesitz auf der Beifahrerseite, Flächenheizungen für Armauflagen oder das Entertainment-System mit einem aus dem Dachhimmel ausfahrenden „Theatre Screen“.
Foto: BMWAls klassischen Benziner wird es den neuen 7er für Kunden in Europa nicht mehr geben. Die Varianten 735i und 740i mit Reihensechszylinder sowie der 760i mit V8 werden nur außerhalb Europas verfügbar sein. Hierzulande startet der 7er zunächst als rein elektrischer i7 xDrive60 mit einem zweimotorigen Allradantrieb, der 400 kW/544 PS und 745 Newtonmeter leistet. Damit soll der 2,7 Tonnen schwere Stromer in 6,1 Sekunden auf 100 km/h sprinten sowie maximal 240 km/h erreichen.
Völlig auf Diesel und Benziner müssen 7er-Kunden in Europa allerdings nicht verzichten. Zum Frühjahr 2023 will BMW nämlich noch den 740d xDrive nachreichen, der es dank der Kombination eines Dreiliter-Sechszylinders und einem kleinen E-Motor auf 200 kW/300 PS Gesamtleistung bringen wird. Mit 750e sowie 760e xDrive sind außerdem zwei Plug-in-Hybride mit Sechszylinder-Benziner mit 360 kW/490 PS beziehungsweise 420 kW/571 PS Systemleistung vorgesehen.
Foto: BMWLeistung (Reichweite): Hier vergleichen wir nur die vollelektrischen Varianten. Mercedes gibt die Reichweite im besten Fall mit bis zu 660 Kilometern nach WLTP-Modus an (abhängig von Fahrzeugausstattung, -konfiguration und Fahrweise). Der BMW i7 xDrive60 hat eine Reichweite von bis zu 625 Kilometern nach WLTP. Der Punkt geht klar an Mercedes. 2:2.
Technik: Die Ankündigung von BMW bezüglich Level 3 (Sonderausstattung) ist noch ziemlich verfrüht: Denn anders als Mercedes-Benz hat BMW noch für kein Auto eine Zulassung für hochautomatisierte Fahrfunktionen höchster Stufe. Bis zur Markteinführung im 7er dürfte es auch noch ein bis anderthalb Jahre dauern, sagte ein BMW-Sprecher. Mercedes hatte im Dezember bezüglich der S-Klasse die Genehmigung für Funktionen erhalten, die es dem Fahrer erlauben, auf Autobahnen bis zu einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern die Hände vom Steuer zu nehmen. Eine Verkaufsfreigabe erwartet Mercedes für den deutschen Markt in den nächsten Wochen. Zum Marktstart des 7er Ende November wird Level 3 bei BMW hingegen noch nicht verfügbar sein. Doch da Mercedes die Level-3-Funktionen nur für die S-Klasse und den EQS, nicht aber für das EQS SUV plant, bleibt es beim Einstand. 2:2.
Die Strategie und deren Zukunftsfähigkeit: Der EQS SUV ist das erste, vollelektrische große Luxus-SUV von Mercedes und bietet Platz für bis zu sieben Personen. Während es den Mercedes nur als reinen Stromer zu kaufen geben wird, setzt BMW weiter auf technologieoffene Technik. Will heißen: Den 7er gibt es als Verbrenner, Plug-in-Hybrid und vollelektrische Variante. Nicht BMW will über die Zukunft der Antriebsarten entscheiden – sondern der Kunde soll es tun. Dieser Punkt geht ganz klar an Mercedes. Denn BMW zeigt mit seiner Strategie keine Entscheidungsstärke. So kostet es die Münchner mehr Geld als andere, weiter in alle Technologien zu investieren. Klarer Punkt für Mercedes: 2:3 für die Stuttgarter.
Fazit: Was die Technik und das Design der Autos angeht, ist vieles Geschmackssache. Wer als Autokonzern jedoch seine Zukunft verspielt, weil er Angst vor einer klaren Entscheidung hat, ist weniger zukunftsfähig. BMW verliert im Rennen mit Mercedes hier also nur wegen seiner zu zögerlichen Strategie.
Lesen Sie auch: Lange hielten deutsche Autobauer Plug-in-Hybride für den perfekten Einstieg ins Elektrozeitalter. BMW setzt weiter auf die Technik, Volkswagen will bald aussteigen. Nur einer der beiden hat die Zukunft auf seiner Seite. Und nun streitet auch noch die Regierung um die Förderung.