Ethik Das Dilemma der autonomen Autos

Die von Verkehrsminister Dobrindt eingesetzte Ethik-Kommission hat ihr Abschlussgutachten vorgestellt. Doch einige Dilemmata mit selbstfahrenden Autos konnten selbst die Experten nicht abschließend lösen. Vier Beispiele.

Autonome Autos Quelle: BMW

Von nichts weniger als "Pionierarbeit" spricht Verkehrsminister Alexander Dobrindt, als er am Dienstagmittag einen neuen Bericht vorstellt. In seinem Auftrag hat eine 14-köpfige Expertengruppe unter Leitung des Ex-Verfassungsrichters Udo di Fabio Leitlinien für autonome Autos entwickelt – die sogenannte Ethik-Kommission.

Das Ergebnis: Autos sollten sich nur selbst steuern dürfen, wenn das die Sicherheit auf den Straßen erhöht. Die Technik solle Unfälle so gut wie unmöglich machen, heißt es in dem Bericht. Wenn die Risikobilanz insgesamt positiv sei, stünden "technisch unvermeidbare Restrisiken" dem nicht entgegen.

Die Experten standen vor mehreren Grundsatzfragen: Dürfen selbstfahrende Autos, also Maschinen, über Leben und Tod entscheiden? Dürfen ursprünglich menschlich gesteuerte Handlungen auf technische Systeme verlagert werden? Zumindest die letzte Frage beantwortet die Kommission klar mit ja – elektronisch gesteuerte Aufzüge sind eines der am intensivsten genutzten Transportmittel der Welt, auch hier steuert die Elektronik und nicht wie in den Anfangszeiten ein Mensch.

Ethische Grundregeln für autonome Autos

Die erste Frage ist allerdings schwieriger zu beantworten, in einigen Punkten scheuen die Experten eine klare Aussage oder sind sich schlichtweg nicht einig. Dennoch hat die Kommission 20 Richtlinien aufgestellt. Doch wie wirken die sich in der Praxis aus? Vier Beispiele.

Beispiel 1: Kinder auf der Straße

Ein Auto fährt eine Straße an einem Abhang entlang. Der vollautomatisierte Wagen erkennt, dass auf der Straße mehrere Kinder spielen – etwa hinter einer nicht einsehbaren Kurve.

Der eigenverantwortliche Fahrer hätte hier die Wahl, den Wagen über die Klippe zu steuern (und dabei wahrscheinlich selbst zu sterben) oder auf die Kinder zuzusteuern. Bei einem vollautomatisierten Auto müsste der Programmierer oder die selbstlernende Maschine entscheiden, wie die Situation geregelt werden soll. Die intuitive Entscheidung des Fahrers muss also normiert werden.

Klar ist: Die Entscheidung ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Der Mensch wäre in existentiellen Lebenssituationen nicht mehr selbst-, sondern vielmehr fremdbestimmt, wie die Ethik-Kommission in ihrem Bericht folgert. Es besteht also die Gefahr, dass der Staat die "richtige" ethische Handlungsweise vorgibt. Bei jeder Normierung würden existenzielle Dilemmata abstrahiert und verallgemeinert – nur nach welchen Maßstäben, das ist nach wie vor offen.

Die fünf Stufen des automatisierten Fahrens

In dem Bericht lässt die Ethik-Kommission die Klärung des selbst aufgeführten Beispiels mit den Kindern auf der Straße offen. Klar ist aber: "Auch im Notstand dürfen Menschenleben nicht gegeneinander "aufgerechnet" werden. Dem Einzelnen dürfen keine Solidarpflichten auferlegt werden, sich für andere aufzuopfern, auch dann nicht, wenn nur so andere Menschen gerettet werden können." Doch nur einen Absatz später schränkt die Kommission ein: "Anders könnte dann zu entscheiden sein, wenn mehrere Leben bereits unmittelbar bedroht sind und es nur darum geht, so viele Unschuldige wie möglich zu retten."

Dann scheine es "vertretbar", die Wahl derjenigen Handlungsvariante zu fordern, die "möglichst wenig Menschenleben kostet". Sprich: Das selbstfahrende Auto müsste in diesem Beispiel den Fahrer in den sicheren Tod über die Klippe schicken.

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