VW und Prevent: Volkswagen verhandelt ab Mittag mit den Zulieferern
Bis zum 27.8. werden keine Golfs gebaut.
Foto: dpaIm schwelenden Streit zwischen dem Zulieferer ES Automobilguss und Volkswagen gibt es nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur auch Querelen um eine Rechnung für Juli. Demnach muss der sächsische Teilehersteller, dessen Lieferstopp derzeit Teile der VW-Produktion lahmlegt, fürchten, fast 400.000 Euro für Leistungen aus dem Monat Juli nicht wie verlangt bis spätestens zum 25. August gezahlt zu bekommen. Der angebliche Grund dafür lässt aufhorchen: VW-intern scheint es bei dem Vorgang im Verwaltungssystem einen Differenzbetrag von rund 80 Euro zu geben – das sind nur ungefähr 0,02 Prozent der Rechnungssumme für Juli.
Aus dem Hause Volkswagen war am Montag zu hören, dass es sich um keinen ungewöhnlichen Vorgang handele. In der Rechnungsbearbeitung tauche manchmal Klärungsbedarf auf. Das Geld sei daher derzeit in der Tat noch nicht überwiesen. Das heiße aber noch lange nicht, dass das auch bis zum Fälligkeitsdatum 25. August so bleiben müsse.
Bei ES Automobilguss sieht man das dagegen anders: „Ich hoffe sehr, dass diese Handlungsweise nicht einem ungerechtfertigten VW-seitigen Embargo wegen unserer derzeitigen Auseinandersetzung hinsichtlich der Belieferung Ihres Hauses geschuldet ist“, schreibt der Verantwortliche auf Zuliefererseite an VW und betont, dass „die Juli-Rechnung in keinem kausalen Zusammenhang mit unserem Lieferstopp seit Anfang August in Verbindung steht“. Der dpa liegen Unterlagen dazu im Wortlaut vor. Sie reichen jedoch nur bis zum Donnerstag der vergangenen Woche (18.). Von VW hieß es am Montag, die Rechnung werde „nach erfolgter abschließender Prüfung fristgemäß überwiesen“.
Damit erscheint der Vorgang wie ein Sturm im Wasserglas – zeigt aber auch, wie sensibel die Situation derzeit ist. Nach dpa-Informationen trafen sich beide Seiten am Montag in einem Hotel in Wolfsburg, um weiterzuverhandeln und den Lieferstopp möglichst rasch beizulegen. Beide Seiten hatten zuvor betont, sich zusammenraufen zu wollen.
Bis Samstag wird kein Golf gebaut
Entsprechende Engpässe wegen des Öieferstopps zwingen VW zunächst bis einschließlich zum Samstag (27. August), die Fertigung des Golf im Stammwerk Wolfsburg komplett herunterzufahren. Wie aus dem Konzern zu hören war, sollen die vor dem Wochenende abgebrochenen Gespräche beider Seiten gegen Mittag fortgesetzt werden.
In Wolfsburg prüft Europas größter Autobauer Kurzarbeit, in Emden wurde diese schon für zahlreiche Beschäftigte angemeldet. Auch in Zwickau ruht ab Montag die Golf- und Passat-Montage. Das Getriebewerk in Kassel, das wegen der fehlenden Guss-Teilen ebenfalls betroffen ist, plant jedoch keine Kurzarbeit. Bis zu 30.000 Beschäftigte können laut dem Unternehmen in dieser Woche nicht wie geplant arbeiten. „Da die weitere Entwicklung nicht absehbar ist, hat Volkswagen Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zur Kurzarbeit vorbereitet“, erklärte der Konzern am Montag in Wolfsburg.
Der Produktionsstopp hängt aus Sicht von Betriebsratschef Bernd Osterloh zweifelsfrei am Verhalten von Prevent. „Nach unserer Auffassung liegt die Verantwortung eindeutig beim Zulieferer. Oder glauben Sie, wir als Betriebsrat fragen nicht, wessen Schuld es ist, dass unsere Kollegen zu Hause bleiben müssen“, sagte Osterloh der „Bild“-Zeitung.
Die beteiligten Zulieferer sehen die Lage anders als Osterloh und der Konzern. Sie reklamieren für sich, VW zwinge sie zu dem Lieferstopp, weil der Autobauer „frist- und grundlos“ Aufträge gekündigt habe und einen finanziellen Ausgleich dafür ablehne. Es geht dabei um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Der Lieferstopp geschehe zum Selbstschutz und im Kampf um die Zukunft der eigenen Mitarbeiter.
Platz 15: Thyssen-Krupp
Im Geschäftsjahr 2014 erwirtschaftete Thyssen-Krupp durch Geschäfte mit Volkswagen einen Umsatz von rund 2 Milliarden Euro. Die Summe macht allerdings lediglich 5 Prozent am Gesamtumsatz aus.
Angaben beruhen auf Geschäftsberichte, Unternehmenspräsentationen, Berechnungen und Schätzungen. Quelle: Bloomberg, HRI
Stand: 28. September 2015
Platz 14: Leoni
Die Leoni AG aus Nürnberg ist als Hersteller von Kabeln und Drähten auf Bordnetz-Systeme spezialisiert. Als Zulieferer für Volkswagen machte das Unternehmen 2014 einen Umsatz von 243 Millionen Euro, das waren 6 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaPlatz 13: Rheinmetall
Auch Rheinmetall erzielt 6 Prozent seines Gesamtumsatzes mit VW, 294 Millionen Euro waren es im Geschäftsjahr 2014.
Foto: dpaPlatz 12: ZF Friedrichshafen
Rund 1,5 Milliarden Euro erlöste der Konzern mit den Wolfsburgern, 9 Prozent des Gesamtumsatzes im Geschäftsjahr 2014.
Foto: dpaPlatz 11: Continental
Der Dax-Konzern erwirtschaftete durch VW-Aufträge im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von rund 3 Milliarden Euro, die immerhin 9 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachten.
Foto: dpaPlatz 10: Delphi
Der US-Zulieferer Delphi Automotive setzte bei Geschäften mit VW 2014 rund 1,2 Milliarden Euro um – 10 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaPlatz 9: Elring-Klinger
Der unter anderem auf Zylinderkopf und Spezialdichtungen spezialisierte Konzern machte durch Geschäfte mit VW absolut den geringsten Umsatz in der Rangliste: lediglich 142 Millionen Euro. Die Summe machte trotzdem 10 Prozent des Gesamtumsatzes im Geschäftsjahr 2014 aus.
Foto: dpaPlatz 8: Kuka
Der Roboter-Spezialist erwirtschaftete bei Geschäften mit VW 326 Millionen Euro, 11 Prozent des Gesamtumsatzes.
Foto: dpaPlatz 7: Harman
Die Automobilsparte des US-Unternehmens Harman stellt Lautsprecher, Audiogeräte und Infotainmentsysteme her. Das Geschäft erwirtschaftete nur mit VW-Aufträgen im Jahr 2014 einen Umsatz von 616 Millionen Euro, 11 Prozent des Gesamtumsatzes des Unternehmens.
Foto: APPlatz 6: Magna
Auch beim kanadisch-österreichischen Konzern Magna machten die Geschäfte mit VW 11 Prozent des gesamten Konzernumsatzes aus – mit einer Summe von rund 3,7 Milliarden Euro ist dies allerdings absolut der höchste Wert im Ranking.
Foto: APPlatz 5: Schaeffler
Die Schaeffler-Gruppe setzte durch Geschäfte mit VW im Jahr 2014 rund 1,6 Milliarden Euro um, eine Summe, die 13 Prozent des Konzernumsatzes ausmachte.
Foto: dpaPlatz 4: Plastic Omnium
Der französische Kunststoffverarbeiter Plastic Omnium setzte durch VW-Aufträge 781 Millionen Euro um, was 15 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Foto: ScreenshotPlatz 3: Faurecia
Der französische Zulieferer Faurecia, einer der zehn größten Automobilzulieferer der Welt, erwirtschaftet sein Geld in den vier Geschäftsbereichen Autositze, Innenraumausstattung, Kunststoffaußenteile und: Abgassysteme. Das Geschäft mit VW brachte im Geschäftsjahr 2014 einen Umsatz von rund 3,4 Milliarden Euro, was stolze 18 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachte.
Foto: CLARK/obsPlatz 2: Grammer
Der Oberpfalzer Automobilzulieferer Grammer erwirtschaftete durch Geschäfte mit VW 23 Prozent seines Umsatzes, 317 Millionen Euro.
Foto: dpaPlatz 1: SHW Automotive
Der Zulieferer SHW Automotive kann auf eine 640-jährige Tradition zurückblicken; die Geschichte des metallverarbeitenden Unternehmens geht in direkter Linie bis auf die ersten Hüttenwerke in Württemberg im 14. Jahrhundert zurück. Heute ist der Hersteller von unter anderem Bremsscheiben, Pumpen und Motorenkomponenten so abhängig von VW wie kein anderer Zulieferer: 178 Millionen Euro, die im Geschäftsjahr 2014 durch VW-Aufträge umgesetzt wurden, machten 41 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Foto: dpa
Osterloh warnte indes angesichts des Zulieferstreits und der Abgasaffäre bei Volkswagen vor betriebsbedingten Kündigungen. „Stammbelegschaft ist Stammbelegschaft“, sagte Osterloh der Zeitung. „Wenn sich jemand trauen sollte, dort abbauen zu wollen, müssten wir auch den Vorstand verkleinern!“ Über die Personalentscheidungen müsse man sich im Aufsichtsrat – in dem Osterloh selbst sitzt – unterhalten, sagte er der Zeitung.
VW wollte sich noch nicht zu finanziellen Folgen des Produktionsstopps äußern. In der neuen Woche werden allein in Wolfsburg und Emden jedenfalls pro Tag rund 3450 Autos weniger gefertigt. Im ersten Halbjahr verdiente die Kernmarke im Schnitt an jedem ausgelieferten Wagen vor Zinsen und Steuern 394 Euro – pro Woche wären das knapp sieben Millionen Euro weniger operativer Gewinn.
Viele Hintergründe des Streits sind unklar. Aus Sicht von ES und Car Trim ist er Folge einer frist- und grundlosen Kündigung von Aufträgen durch VW. Der Konzern habe keinen Ausgleich dafür gewährt.
Deswegen „sahen sich Car Trim und ES Automobilguss letztlich zum Lieferstopp gezwungen“, hieß es. Nach Informationen von „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und „Süddeutschen Zeitung“ soll es um eine ausgesetzte Zusammenarbeit bei Bezügen von Ledersitzen für den VW Touareg und Porsche Cayenne gehen. Dies sei nicht rechtens gewesen, habe Car Trim argumentiert und Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe verlangt.
Ein Teil der Forderungen wurde demnach dann auf das Prevent-Unternehmen ES übertragen, wodurch es auch bei den Getriebeteilen zu einem gefährlichen Engpass kam. Ähnliche Angaben lagen der Deutschen Presse-Agentur vor – darunter die Dokumentation einer offenen Rechnung von ES an VW in China.
Der Chef des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Diesel-Abgaskrise im Bundestag, Herbert Behrens (Linke), sieht eine mögliche Parallele zwischen dem VW-internen Sparkurs und dem Problem mit den Zulieferern. „Die Konzernleitung von Volkswagen kürzt jetzt, bis es kracht“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.
„Jetzt werden Folgen des milliardenschweren Desasters, das mit der betrügerischen Abgas-Manipulation verursacht worden ist, einfach weitergereicht“, meinte Behrens. Prevent wirft VW vor, bestimmte Aufträge frist- und grundlos gekündigt zu haben. Dagegen wolle man sich mit dem Lieferstopp wehren. Der Autokonzern fordert hingegen von den Geschäftspartnern, bestehende Liefervereinbarungen einzuhalten.