Deutsche Bank Die verzweifelte Suche nach Schuldigen

Vor der Hauptversammlung der Deutschen Bank wächst die Kritik an der Aufarbeitung der Skandale. Investoren drängen darauf, Ex-Manager in Regress zu nehmen.

Deutsche Bank Türme Quelle: dpa Picture-Alliance

Raimund Röseler ist ein Freund klarer Worte. Mit denen hat der oberste Bankenaufseher der deutschen Finanzaufsicht BaFin in der Vergangenheit immer wieder Missstände bei der Deutschen Bank kritisiert, mehr Kontrollen und Eifer bei der Aufklärung ihrer Affären angemahnt. Ausgerechnet Röseler spendete nun am Dienstag dem gebeutelten Institut Trost. „Die Bank hat geeignete Maßnahmen angestoßen, um Probleme, die wir adressiert haben, zu lösen“, sagte Röseler. „Wir sehen sie auf völlig richtigem Weg.“

Mit dieser Einschätzung ist der Aufseher derzeit allerdings ziemlich allein. Bei der Hauptversammlung am Donnerstag dürfte das Lob von ungewohnter Seite jedenfalls kaum Resonanz finden. Die Zeichen stehen auf Tumult, Gründe dafür gibt es reichlich. Der Aktienkurs: auf Dauertalfahrt. Die Dividende: fällt aus. Ein Ende der zahllosen Rechtsverfahren: nicht absehbar. Die langfristigen Perspektiven des Geschäftsmodells: äußerst ungewiss.

Der Unmut der Aktionäre richtet sich zunehmend gegen diejenigen, die das Desaster in ihren Augen angerichtet oder zumindest verschlimmert haben. Mehr als zwölf Milliarden Euro hat die Bank seit 2012 für die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten ausgegeben. Am Pranger steht nun vor allem der frühere Vorstand um den im vergangenen Juni abgelösten Co-Chef Anshu Jain. Er soll die Aufklärung von Skandalen wenn nicht hintertrieben, so doch verzögert und der Bank so zusätzlichen Schaden zugefügt haben. Investoren drängen darauf, dass das Institut deshalb Regressansprüche prüft – und sie im Zweifel entschlossen durchsetzt.

Die Problemfälle der Deutschen Bank
Mai 2016Der italienische Staatsanwalt Michele Ruggiero ermittelt wegen Marktmanipulation gegen die Deutsche Bank und fünf aktuelle und ehemalige Top-Manager. Es geht um den Verkauf von italienischen Staatsanleihen im Wert von sieben Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2011. Die Deutsche Bank soll öffentlich versichert haben, dass die italienischen Staatsschulden stabil seien, gleichzeitig aber den Märkten und dem Finanzministerium in Rom verschwiegen haben, dass sie ihre eigenen Bestände drastisch abbauen werde. Quelle: REUTERS
Mai 2016Die Deutsche Bank legt ein Verfahren in den USA außergerichtlich bei. Sie zahlt 50 Millionen Dollar wegen des Vorwurfs der Manipulation des Marktindexes Isdafix. Mehrere Pensionsfonds und Kommunen hatten insgesamt 14 Banken vorgeworfen, den Wettbewerb auf dem Markt für sogenannte Zinsswaps behindert zu haben. Quelle: REUTERS
Mai 2016Die britische Finanzaufsicht FCA wirft der Deutschen Bank grobe Versäumnisse bei ihren Kontrollsystemen vor. Die Aufsicht kritisiert die Vorkehrungen des Instituts gegen Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und Sanktionsverstöße. Diese wiesen "systematische Mängel" auf. Führungskräfte seien nicht ausreichend im Kampf gegen Finanzkriminalität engagiert. Quelle: REUTERS
28. April 2016Dieser Ärger ist hausgemacht: Georg Thoma, Leiter des Integritätsausschusses im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, legt sein Amt nach massivem Druck seiner Kollegen nieder. Da Thoma vor allem die Aufklärung von Skandalen vorantreiben sollte, verunsichert sein Rückzug die Investoren.    Quelle: dpa
25. April 2016Ausnahmsweise mal ein juristischer Erfolg für die Bank. Das Münchner Landgericht spricht Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen und vier Ex-Spitzenbanker vom Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs frei. Die Staatsanwaltschaft hatte den Angeklagten vorgeworfen, im Zivilprozess um die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch gelogen zu haben. Quelle: dpa
22. April 2016Aktionärin Marita Lampatz verlangt eine umfangreiche Sonderprüfung bei der Deutschen Bank. Neben vergangenen Jahresabschlüssen soll ein externer Experte auch Schadenersatzansprüche gegen Aufsichtsratschef Paul Achleitner und andere Topmanager wegen des Libor-Zinsskandals prüfen. Über den Antrag entscheidet die Hauptversammlung am 19. Mai. Quelle: dpa
April 2016Die Veröffentlichung der „Panama Papers“ zeigt, dass rund 30 deutsche Banken in den vergangenen Jahren die Dienste der Kanzlei Mossack Fonseca genutzt und mit ihrer Hilfe Briefkastenfirmen aufgesetzt haben. Auch die Deutsche Bank ist dabei. Quelle: REUTERS

Damit muss nicht nur Jain rechnen. Aktionäre wollen Sonderprüfungen durchsetzen, bei denen Gutachter unabhängig in der Bank ermitteln und das Ergebnis anschließend öffentlich machen. Solche Untersuchungen sind aufwendig und teuer, könnten aber zu Erkenntnissen führen, die über intern bereits laufende Verfahren hinausgehen. „Die Anträge zeigen, wie sehr die Aktionäre der Bank misstrauen. Offenkundig wollen sie die Verantwortlichen bestrafen“, sagt ein auf die Aufklärung von Skandalen in Unternehmen spezialisierter Anwalt.

Strafe deutlich erhöht

Ansatzpunkte dafür bietet vor allem die unglücklich verlaufene Beilegung der Verfahren rund um die Manipulation des Referenzzinses Libor. Nach quälend langen Verhandlungen hatte die Bank sich vor gut einem Jahr mit den britischen und amerikanischen Behörden geeinigt. Mit 2,2 Milliarden Euro musste sie die höchste aller in diesem Zusammenhang verhängten Strafen zahlen.

In ihren Abschlussberichten haben die Behörden die mangelhafte Kooperation des Instituts scharf kritisiert. Die britische FCA erhöhte ihre Strafe deshalb um rund 100 Millionen Pfund, auch die US-Behörden legten wegen der angeblichen Verzögerungstaktik bei der Buße einen ungenannten Betrag drauf.

Das hat den Aufsichtsrat schon vor Monaten auf den Plan gerufen. Seit dem vergangenen Herbst läuft eine von ihm angestoßene kritische Würdigung der Rolle Jains und einiger Kollegen. „Da kein früherer Vorstand mehr im Amt ist, gibt es keinen Grund, an der Objektivität zu zweifeln“, heißt es in der Bank. „Die Untersuchung läuft strukturiert und professionell“, sagt ein Aufsichtsrat. Sollte sich der Verdacht auf ein Verschulden bestätigen, müssten die früheren Vorstände vermutlich Millionen an ihren Exarbeitgeber zahlen.

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