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Schweizer Großbank UBS wird zum Lakai Chinas

Quelle: imago images

Die UBS beurlaubt ihren Chefvolkswirt Paul Donovan, weil Chinesen dessen Kommentar falsch verstanden haben und Geschäfte mit der Bank strichen. Ein Kommentar.

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Ein früherer Vorstand einer deutschen Großbank hat Chefvolkswirte mal als Hofnarren bezeichnet. Das mag den Gebildeten nicht gefallen haben, aber es traf den Kern ihrer Rolle ganz gut. Der Hofnarr hatte im Mittelalter die Aufgabe und das Privileg, dem Herrscher die Wahrheit sagen zu dürfen, ohne im Kerker zu landen.

Die Erkenntnisse der Volkswirte sind heute vielleicht weniger unterhaltsam, aber sie dürfen interpretieren und fabulieren. Das dachte man zumindest. Bis zum Fall von Paul Donovan. Jetzt wissen die Chefvolkswirte, dass sie alles sagen dürfen, aber bloß nichts Kritisches mehr über China. Den hochangesehenen Chefvolkswirt der UBS kostet eine knackige Zusammenfassung zur chinesischen Inflationsrate wahrscheinlich den Job – er wurde beurlaubt.

In etwa dreiminütigen Audio-Kommentaren setzte er sich allmorgendlich mit den drängenden volkswirtschaftlichen Themen wie Zinsentscheidungen, Wachstumserwartung, Inflation, Handelskonflikten oder Zöllen auseinander – kompetent und verständlich und auch mal mit etwas spitzen Bemerkungen.

„Good Morning, this is Paul Donovan, Chief Economist UBS Global Wealth Management“, begrüßte er seine Zuhörer stets. In geschliffenem Oxford-Englisch, ohne einen Versprecher lieferte er in beruhigendem Ton beste Zusammenfassungen der aktuellen Lage, stets gewürzt mit feinem britischem Humor. Lamentierten alle über den Schuldenstaat Italien, sagte er, dass die italienischen Großmütter das Defizit mit ihren Spargeldern zurückzahlen könnten. Er war gut darin, den Dingen die Dramatik zu nehmen. Dass er einmal mit diesen Kommentaren derart in die Schlagzeilen geraten würde, hat er es darauf angelegt? Sicherlich nicht.

Aber weder die Schweizer noch die Chinesen haben noch einen Sinn für britischen Humor. Oder bin ich zu abgestumpft?

Diese Aussage hat zu Donovans Beurlaubung geführt: „Chinese consumer prices rose. This was mainly due to sick pigs. Does this matter? It matters if you are a Chinese pig. It matters if you like eating pork in China. It does not really matter to the rest of the world.“ Übersetzt: „Die chinesischen Verbraucherpreise sind gestiegen. Dies war hauptsächlich auf die kranken Schweine zurückzuführen. Ist das wichtig? Es ist wichtig, wenn Sie ein chinesisches Schwein sind. Es ist wichtig, wenn Sie Schweinefleisch in China essen möchten. Für den Rest der Welt ist das nicht wirklich wichtig.“

Ich finde das brillant und witzig. Die Chinesen fühlten sich beleidigt, die UBS soll deshalb einen Großauftrag mit einem Bondinvestor verloren haben, ein Broker kündigte die Zusammenarbeit.

Und die UBS hat total versagt. Sie hat sich nicht vor ihren Chefvolkswirt gestellt.

Also Vorsicht, liebe Chefvolkswirte, Ihre Rolle wird immer ernster. Wer traut sich noch, etwas über China zu sagen? Vermutlich werden künftig nur noch Chinesen als Chefvolkswirte eingestellt.

Mein Kollege Bert Losse, WirtschaftsWoche-Chefvolkswirt, hat gerade eine große Titelgeschichte über China geschrieben. Sie ist in der kommenden Ausgabe zu lesen. Mal sehen, was passiert.

Ich habe Paul Donovan stets gerne zugehört und würde mich freuen, es weiterhin tun zu dürfen; gerne auch als Chefvolkswirt einer anderen Bank. Welche traut sich, ihn jetzt einzustellen? Es ist ein Test für Toleranz und Glaubwürdigkeit.

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