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Verkehrte (Finanz-)welt

Fluch und Segen der Blockchain

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Blockchain als Katalysator für Innovationen

Dennoch: Dass in der Blockchain außerordentliches Potenzial steckt, darin sind sich inzwischen neben den Tech-Experten und Venture Capital-Fonds auch die traditionellen Finanzinstitutionen einig. Durch den FinTech-Boom sind die Banken unter Modernisierungsdruck, schaffen Inkubatoren, „Labs“ und Digitalisierungsabteilungen. In diesem engen Wettbewerb ist die Blockchain ein wahrer Katalysator für Innovationen:

Der Schweizer Zentralverwahrer SIX Securities Services hat einen Blockchain-Prototyp entwickelt, welcher den kompletten Lebenszyklus einer Anleihe von der Emission bis zur finalen Tilgung abbilden kann. Ein starkes Beispiel für die Möglichkeiten der neuen Technologie: Bei einer globalen Implementierung solch einer komplett dezentralen Lösung wäre eine Zug-um-Zug Wertpapierabwicklung mit allen Marktteilnehmern in Echtzeit möglich. Vereinfacht gesprochen ist der Verwahrungsaspekt des Zentralverwahrers hier obsolet. Verwahrt wird in der Blockchain. Das Recht des Empfangs von Zahlungen ist dezentral gespeichert, die Zahlungen werden durch „SmartContracts“ direkt zwischen den teilnehmenden Parteien ausgeführt.

Auch andere große Institute sind längst auf den Blockchain-Zug aufgesprungen: Die holländische Bank ING hat im letzten Jahr 27 verschiedene Blockchain-bezogene Wirksamkeitsnachweise in diversen Bereichen abgeschlossen, von Zahlungen über Handelsfinanzierung bis hin zur Kundenidentifikation. Die Deutsche Bank arbeitet mit den Kreditinstituten UBS, Santander und BNY Mellon an einer eigenen Kryptowährung, um die Wertpapierabwicklung effizienter zu gestalten. Und das Konsortium R3, dem 70 der weltweit größten Banken angehören, hat gerade mit 107 Millionen US-Dollar die größte Finanzierungsrunde abgeschlossen, die es bisher im Blockchain-Umfeld gab, um eine eigene Plattform mit multiplen Anwendungsbereichen zu entwickeln.

Delf-Tonder Quelle: Presse

Warten auf die Konsolidierung

All diese Beispiele zeigen Fluch und Segen der neuen Technologie: Jeder möchte – und muss – mitmachen, um sich nicht vorwerfen zu lassen, die Innovation verschlafen zu haben. Wie mit allen neuen Technologien, welche auf Netzwerkeffekten basieren, ist die Frage der Nutzung aber nicht nur die, ob die Technologie das leistet, was der Markt fordert, sondern auch, ob eine kritische Masse der Marktteilnehmer sich auf eine Form dieser Technologie einigen wird. Das kann bei Bankhäusern, welche zum Teil noch mit sieben verschiedenen, teilweise Jahrzehnte alten, Kernsystemen arbeiten, Jahre dauern.

Die aktuelle Phase der ständigen Innovationen, Umbrüche und Fragmentierung ist vielversprechend. Sie birgt aber auch Risiken. Denn eine wirksame Regulierung kann erst mit ausreichender Konsolidierung erfolgen.

Herausforderungen für die Regulierung

Die Aufgabe des Regulators ist es, die Finanzmarktstabilität zu garantieren, ohne dabei Veränderungs- und Modernisierungsprozesse zu ersticken – ein Spagat. Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele hat sich 2016 auf dem Frankfurter Finanzgipfel der neuen Technologie gegenüber aufgeschlossen gezeigt. Kurz darauf wurde der erste Blockchain-basierte Prototyp der Bundesbank und der deutschen Börse vorgestellt. Dieser kann sowohl Post-Trading Prozesse als auch Corporate Actions, also Zins- und Tilgungszahlungen abbilden. Von einer Anwendung sei dieser allerdings weit entfernt, so  betonte Thiele mehrfach.

Auch das Europäische Parlament und die EZB befassen sich mit der Blockchain. Eine eigens gebildete Task-Force erteilte der Technologie jedoch im ersten Schritt eine Absage: Zum jetzigen Zeitpunkt könne diese nicht als Option für die Infrastruktur des Eurosystem-Finanzmarktes in Betracht gezogen werden, sie sei zu unausgereift. Diese aktive Auseinandersetzung mit der neuen Technologie, vor allem auch auf technischer Ebene, lassen aber auf einen konsequenten und klaren Rahmen hoffen.

Ist die Blockchain also die Lösung aller (Finanz)Probleme? Das sicherlich nicht. Aber vergessen wir nicht, dass auch den Wissenschaftlern des Fraunhofer Institutes bei der Erfindung der MP3 noch nicht bewusst war, dass eines Tages Musik-Streaming-Dienste zum Standard werden würden. Es wird noch einige Zeit dauern, bis klar wird, für welche Anwendungsbeispiele sich die Blockchain tatsächlich als effizienter erweist, als bisherige Systeme. Bis dahin ist die Blockchain-Landschaft ein spannendes, aber risikoreiches Feld – insbesondere aus Anlegersicht.

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