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Verkehrte (Finanz)welt

Wenn Komplexität die Bonität einer Anleihe verbessert

Für Bankenpleiten gelten viele neue Regeln, auch um Steuerzahler vor Bankenrettungen zu schützen. Eine aktuelle Neuerung führt aber dazu, dass undurchsichtige Produkte ausfallsicherer sind als ihre einfacheren Pendants.

Gute Banken, schlechte Banken
Europas Banken stecken in der Krise – das wussten Marktbeobachter schon vor dem großen Stresstest der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde. Doch ein genauer Blick auf die Kennzahlen zeigt: Das gilt nicht für alle Institute. Im Vergleich von Nettogewinn, Eigenkapitalrendite und Eigenkapitalquote schneiden einige Institute deutlich besser ab als andere. Besonders interessant ist dabei das Verhältnis zwischen Kurs und Buchwert pro Aktie (KBV). Der Wert offenbart, inwieweit der Börsenwert einer Bank mit den Aktiva, also den Werten in den Büchern der Bank, übereinstimmt. Das KBV liegt bei allen Geldhäusern unter 1. Das bedeutet, dass sich die Aktionäre entweder von einer Zerschlagung der Bank mehr Geld versprechen als von der Fortführung des Geschäfts – oder dass sie den Qualitäten der Bilanzen, also der verzeichneten Aktiva, nicht vertrauen. Im Folgenden werden die Kennzahlen für die wichtigsten europäischen Banken dargestellt, sortiert nach den Nettogewinnen im 3. Quartal 2016. Quelle: DPA
Platz 11: RBSNettogewinn: -393 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: -3,5 Prozent Eigenkapitalquote: 15 Prozent KBV: 0,39 Quelle: REUTERS
Platz 10: CommerzbankNettogewinn: -288 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: -5,0 Prozent Eigenkapitalquote: 11,8 Prozent KBV: 0,25 Quelle: REUTERS
Platz 9: HSBCNettogewinn: -183 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: -0,4 Prozent Eigenkapitalquote: 13,9 Prozent KBV: 0,79 Quelle: REUTERS
Platz 8: Credit SuisseNettogewinn: 38 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 0,4 Prozent Eigenkapitalquote: 12 Prozent KBV: 0,60 Quelle: REUTERS
Platz 7: Deutsche BankNettogewinn (Q2/2016): 256 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 1,7 Prozent Eigenkapitalquote: 11,1 Prozent KBV (Aktienkurs vom Stichtag/Buchwert pro Aktie): 0,26 Quelle: DPA
UnicreditNettogewinn: 447 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 3,6 Prozent Eigenkapitalquote: 10,8 Prozent KBV: 0,25 Quelle: REUTERS

Spätestens seit der jüngsten Finanzmarktkrise wissen wir, dass selbst die ganz großen Banken in Schieflage geraten können. Damals, 2008 und 2009, war es vielfach der Staat und damit der Steuerzahler, der mit seinem Geld einspringen und Banken, die als „too big to fail“ galten, vor dem Untergang bewahren musste.

Um Ähnliches in Zukunft zu verhindern, haben Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber in den vergangenen Jahren eine nahezu schwindelerregende Zahl neuer Vorschriften und Gesetzesnovellen erlassen.

Haftungskaskade: Reihenfolge des Wertausfalls neu geregelt

Eine zentrale Rolle im Fall einer Bankeninsolvenz spielt dabei das Sanierungs- und Abwicklungsgesetz (SAG). Darin ist geregelt, wie im Insolvenzfall von Banken zu verfahren ist, damit der Steuerzahler möglichst nicht belastet wird.

Zur Person

Dieses Gesetz, das auf einer europäischen Richtlinie beruht, schreibt vor, wie zunächst Aktionäre, dann nach und nach auch die Gläubiger von Schuldverschreibungen und Schuldscheindarlehen an der Rettung eines Kreditinstituts beteiligt werden. Zunächst verlieren also Aktien ihren Wert, Schuldverschreibungen und andere Einlagen folgen sukzessive. Die sogenannte Haftungskaskade des Abwicklungsgesetzes regelt, in welcher Reihenfolge.

Das Abwicklungsgesetz ist zwar bereits seit 1.1.2016 in Kraft, eine seit Anfang 2017 geltende Anpassung birgt allerdings eine durchaus ‚unkonventionelle‘ Neuerung: Durch das sperrig klingende Abwicklungsmechanismusgesetz (AbwMechG) hat sich die Haftungskaskade seit Jahresbeginn in einem entscheidenden Detail geändert. Die Änderung betrifft vor allem jene Schuldverschreibungen und Schuldscheindarlehen, die eine sogenannte derivative Komponente beinhalten, also ein Derivat. Derivate sind in diesem Fall meist Optionen, Zinsobergrenzen oder Zinsuntergrenzen.

Martina-Bahl Quelle: BahlConsult GmbH

Bisher war es so, dass gewöhnliche Anleihen und Schuldscheindarlehen (in der Fachsprache der Banker werden diese „Plain Vanilla“ genannt) und strukturierte Papiere in der Haftungskaskade gleich behandelt wurden. Neuerdings werden die „Plain Vanillas“ im Insolvenzfall einer Bank aber vorrangig liquidiert. Erst danach folgen die strukturierten Produkte.

Seit dem 1.1.2017 hat sich die sogenannte Haftungskaskade verändert. Es gilt nun folgende, neue Reihenfolge:

1. Zuerst wird das harte Kernkapital („CET1“) verwendet, also Aktien, Gesellschafteranteile oder Genossenschaftsanteile.

2. Danach folgt das zusätzliche Kernkapital („AT1“), das sind spezielle, nachrangige Anleihen, die eine Wandlung in Kernkapital schon in ihren Bedingungen haben.

3. Nun folgt das Ergänzungskapital („T2“), das sind Einlagen und Anlagen, die bereits als nachrangige Ergänzungskapitalanleihen, Ergänzungskapitalgenussrechte oder etwa stille Einlagen ausgegeben wurden.

Über die Kolumne

4. Reicht das noch immer nicht, werden unbesicherte, nachrangige Verbindlichkeiten verwertet, also nachrangige Darlehen, nachrangige Schuldverschreibungen, Genussrechte und ähnliche Papiere, die bereits als nachrangig ausgegeben wurden.

5. Darauf folgen die unbesicherten, nicht-nachrangigen Verbindlichkeiten. Dazu zählen Schuldverschreibungen und Schuldscheindarlehen, sowohl als Inhaber- als auch als Namenstitel.

6. NEU: Erst danach folgen Geldmarktpapiere und strukturierte Schuldtitel. Unter strukturierten Schuldtiteln werden alle Anleihen und Schuldscheindarlehen verstanden, deren Kupon oder Rückzahlung von unsicheren, zukünftigen Ereignissen abhängen. Sie werden ebenso erst unter Punkt 6 verwertet wie Futures, Optionen, Swaps, aber auch Geldeinlagen von Großkunden über 100.000 Euro, Darlehen von anderen Banken und Verbindlichkeiten unter Garantiegeschäften, dem Akkreditivgeschäft oder dem Kreditgeschäft.

7. Als letzte Möglichkeit folgt unter Punkt 7 noch die Verwertung von Bareinlagen von Privatpersonen über 100.000 Euro.

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