Biermarkt: Warum Veltins wächst, während der Rest der Bierbranche verzweifelt
Bier ist das beliebteste alkoholische Getränk in Deutschland. Dennoch stehen die Brauereien unter Druck.
Foto: dpaOettinger-Chef Blaschak: „Ich als Konsument fühle mich einfach verkohlt“
Irgendwas muss anders sein in Meschede. Das Wasser? Die Luft? Sollte hier beides ebenso sauerländisch rein sein wie im 20 Kilometer entfernten Warstein oder im 50 Kilometer hinterm Wald gelegenen Krombach. Und dennoch: Während in Warstein und Krombach Krise angesagt ist, scheint in Meschede, zumindest wirtschaftlich, die Sonne. Gerade erst hat die dort beheimatete Brauerei Veltins einen neuen Produktionsrekord bekannt gegeben. Während er bei den meisten anderen großen Brauereien sank, stieg er bei Veltins um 3,1 Prozent an, auf nun rund 3,36 Millionen Hektoliter Bier, wie das Unternehmen mitteilte.
„Noch nie hat die Brauerei Veltins so viel Bier gebraut wie 2024“, erklärte Firmenchef Volker Kuhl. Der Umsatz legte um 4,1 Prozent auf 459 Millionen Euro zu, den Gewinn teilte das Unternehmen nicht mit. Veltins zählt damit zu den wenigen Brauereien, die sich dem allgemeinen Abwärtstrend im Biermarkt entziehen können. Krombacher hingegen meldete 2023 ein Minus von 1,1 Prozent beim Ausstoß, der bei rund 5,567 Millionen Hektolitern lag.
Für 2024 liegen zwar noch keine flächendeckenden Zahlen von den Brauereien vor, jedoch ist der Abwärtstrend der letzten Jahre deutlich erkennbar. So verlor die Radeberger Gruppe, Deutschlands größte Brauerei, im Vergleich zu 2013 rund 100 Millionen im Inlandsabsatz - also etwa 200 Millionen 0,5-Liter-Flaschen. Gegenüber 2022 büßte sie rund 20 Millionen Liter ein. Auch die Bitburger Braugruppe und die Carlsberg Gruppe verzeichneten 2023 ähnliche Verlustzahlen.
Die Entwicklung des Biermarktes verdeutlicht diese Rückgänge: Der jährliche Bierabsatz lag 2023 mit 9,5 Milliarden Litern um 11,5 Prozent niedriger als zehn Jahre zuvor und sogar um 25,3 Prozent niedriger als vor 20 Jahren. Für 2024 rechnen Experten mit einem weiteren Rückgang um etwa ein Prozent. Auch die Fußball-EM konnte den Bierverkauf nicht wie erhofft ankurbeln.
Ursache ist vor allem eine veränderte Konsumgewohnheit der Deutschen. Noch vor einem Jahrzehnt trank der durchschnittliche Deutsche fast 103 Liter Bier pro Jahr – 2023 waren es nur noch 88 Liter, ein historischer Tiefstand. Trotz seiner Position als beliebtestes alkoholisches Getränk mit einem Marktanteil von 76,3 Prozent wird deutlich, dass Bier zunehmend an Bedeutung verliert.
Vor allem junge Menschen trinken weniger Alkohol
Ein wesentlicher Faktor für diesen Rückgang ist die junge Generation, erklärt Oettinger Chef Stefan Blaschak im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“: „Was wir bei den Jungen sehen, ist, dass sie sich zunehmend mehr mit ihrer Ernährung auseinandersetzen. Das Thema Proteine spielt dabei eine zentrale Rolle.“ Viele junge Menschen setzen heute stärker auf eine ausgewogene Ernährung und achten bewusst auf ihre Gesundheit.
Die Zuneigung zu gebrauten Getränken aber scheint den Deutschen dabei nicht zu vergehen: Besonders der Markt für alkoholfreies Bier erlebt in den vergangenen Jahren einen Boom.
Im Jahr 2023 wurde doppelt so viel Bier ohne Alkohol gebraut wie noch zehn Jahre zuvor: Während die Produktionsmenge 2013 bei 267 Millionen Litern lag, stieg sie bis 2023 auf bereits 556 Millionen Liter. Der Umsatz erhöhte sich dabei auf 1,5 Milliarden Euro.
Auch Veltins konnte in dieser Sparte Zuwächse verzeichnen: Die alkoholfreie Fassbrause wuchs um 21,5 Prozent auf 109.600 Hektoliter. Dennoch bleibe laut Veltins alkoholfreies Bier nur ein kleiner Hoffnungsschimmer in einem insgesamt rückläufigen Markt. So hätten die klassischen Biere seit 2005 einen Verlust von rund 11 Millionen Hektolitern an Ausstoßvolumen verzeichnet, die alkoholfreien Alternativen in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch lediglich 3,5 Millionen Hektoliter dieses Rückgangs kompensiert.
Laut Veltins kann sich die Brauerei dem rückläufigen Trend im Biermarkt entgegenstellen, indem sie auf attraktive Marken und eine starken Vertrieb in Handel und Gastronomie setzt. Die Marke Veltins und das Helle Pülleken verzeichneten starke Wachstumszahlen, außerdem begründete das Unternehmen den Wachstum mit dem “stabilen Markenmix” und der Weiterentwicklung der Sortenvielfalt.
Das kann für einige Brauereien funktionieren, doch nicht für alle. So glaubt Oettinger-Chef Stefan Blaschak, dass der Markt deshalb vor weitreichenden Umbrüchen steht: „Ich glaube ja, der Markt wird sich konsolidieren. Das wird dazu führen, dass einige Brauereien teilweise wirklich verschwinden werden, was ich persönlich wirklich schade finde, weil es auch Kultur ist.“ Die Konsolidierung des Marktes bedeutet, dass kleinere Brauereien es zunehmend schwer haben werden, sich gegen die größeren Wettbewerber zu behaupten. Das hätte Fusionen, Übernahmen und die endgültige Schließung von Brauereien zufolge.
Das Bier wird teurer
Denn nicht nur sinkende Konsumzahlen setzen die Brauereien unter Druck. Auch hohe Kosten für Rohstoffe und Vorprodukte sowie Personal und Logistik belasten die Unternehmen. Besonders die Energiepreise haben die Produktionskosten erheblich in die Höhe getrieben.
Zudem verteuerten sich wichtige Rohstoffe wie Malz, das 2023 um rund 90 Prozent teurer wurde, sowie Hopfen, dessen Preis um 30 Prozent anstieg. Hinzu kommen die um 70 Prozent höheren Preise für Flaschenglas, steigende Transportkosten und die allgemeine Inflation, die die Brauereien vor enorme Herausforderungen stellt.
Das bekommen die Bierkäufer derzeit sehr deutlich zu spüren. Der Preis für Bier stieg alleine 2023 um 11,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. Angesichts dieser starken Preise lohnen sich Trends wie der „Dry Januar“ nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 12. Januar 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des hohen Leserinteresses erneut.